Superfood: Marketingerfindung oder tatsächlicher Mehrwert?
Sogenannte Superfoods können unsere Nahrungsmittelauswahl bereichern.
Superfood: Marketingerfindung oder tatsächlicher Mehrwert?
Goji-Beeren, Chia-Samen und Matcha-Tee auf dem Prüfstand
Verbraucher werden in Werbung und beim Einkauf immer wieder mit Superfood-Produkten konfrontiert. Für sie sollen besonders hohe Gehalte an Inhaltsstoffen wie Vitaminen, Antioxidantien oder Omega 3-Fettsäuren sprechen. Superfoods werden als unverzichtbarer Teil eines modernen Lifestyles gepusht. Doch was steckt tatsächlich dahinter?
Verbraucher greifen zu
Viele kennen die Situation: Beim Einkauf entdeckt man eine 50 Gramm-Packung mit getrockneten Superfood-Früchten aus einem exotischen Land. Beim Blick auf den Preis staunt man allerdings. Aber das Gefühl, dass man sich damit etwas Gutes tut, ist oft stärker. So verwundert es nicht, dass nach einer Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) bereits im Jahr 2022 rund ein Drittel der Verbraucher mindestens einmal pro Woche Superfood konsumierten, weil sie nach ihrer Meinung gesund (37 Prozent) und vitaminreich (17 Prozent) sind. Auf den Einkaufslisten weit oben standen Avocados (42 Prozent), Chia-Samen (17 Prozent) sowie Quinoa und Lein-Samen mit jeweils 12 Prozent. Besonders Frauen, jüngere Menschen und Biokundschaft zeigten eine größere Sympathie für die Produkte.
Superfood ist mittlerweile der Oberbegriff für eine Reihe von Kategorien. Zu den Superfruits zählen Goji- oder Acai-Beeren. Supergreens entstehen aus Algen oder aus Grüntee-Pulver (Matcha). Zu den Superseeds zählen Chia- oder Hanf-Samen, zu den Supergrains beispielsweise Quinoa und Amarant. Die letztgenannten Pseudogetreide werden zum Teil arzneimittelähnlich in Kapselform hochpreisig als Nahrungsergänzung verkauft. Andere Superfoods werden getrocknet vermarktet oder als wertvolle Zutat in Müslimischungen und Backwaren beworben. Pulverextrakte in sogenannten Supershot-Getränken bewirken laut Herstellern ein besonderes Geschmackserlebnis.
Alles super?
Doch wie sind die Erzeugnisse aus wissenschaftlicher Sicht einzustufen? Dazu sagte BfR-Präsident Professor Dr. Andreas Hensel, dass in den allermeisten Fällen weder gesundheitliche Vorteile noch mögliche Risiken regelrecht bewertet und untersucht worden sind. Dementsprechend bliebe die Frage offen, ob die Bezeichnung „Super“ gerechtfertigt sei. Eine Definition fällt daher schwammig aus. Professor Dr. Marc Birringer von der Hochschule Fulda formuliert sie folgendermaßen: „Superfood ist ein Marketingbegriff, der gesetzlich nicht reguliert ist. Er beschreibt (teure) Lebensmittel und Nahrungsergänzungen mit (zumeist) vorgeblichen Gesundheitsaussagen…, die auf schwacher wissenschaftlicher Evidenz beruhen.“
Fehlende Standards machen den Begriff beliebig. Was aktuell als Superfood gilt, hängt vom Marketing und sozialen Medien ab. Diese treiben nach Meinung von Ernährungswissenschaftlerin Julia Sausmikat Trends, die Antworten auf Herausforderungen in Sachen Lifestyle versprechen. Im unkritischen Storytelling der Sozialen Medien mit ihrer algorithmischen Multiplikation sei ein Missbrauch von Ernährungs- und Gesundheitsaussagen weit verbreitet. Trotzdem sind Superfoods nach Erkenntnissen von Marktbeobachtern nach wie vor weltweit ein Wachstumsmarkt.
Marketingaussagen hinterfragen
Was bedeutet das für uns? Ein mündiger Verbraucher kommt nicht umhin, jedes einzelne Produkt kritisch zu hinterfragen. Hilfreich dafür sind die nährwertbezogenen Angaben auf der Verpackung. Tatsächlich sind die Gehalte an einzelnen Inhaltsstoffen oft relativ hoch. Ein Beispiel: Spirulina hat einen Proteinanteil von 60 Prozent. Das ist grundsätzlich positiv. Wenn die Packung aber nur 6 Gramm beinhaltet, sind mehrere nötig, um den täglichen Bedarf zu decken. Vor dem Verzehr ist es sinnvoll, sich über Überempfindlichkeitsreaktionen und Allergien zu informieren. Diese können von exotischen wie auch von heimischen Lebensmitteln gleichermaßen verursacht werden. Das gilt ebenso für Wechselwirkungen mit Arzneimitteln. So können Goji-Beeren kritisch für Personen sein, die regelmäßig Blutverdünner einnehmen. Weitere Aspekte sind die Umweltstandards bei der Erzeugung der Produkte in ihren Herkunftsländern, die Länge der Transportwege und natürlich das Preis-Leistungs-Verhältnis.
Wieso in die Ferne schweifen?
Heimische Alternativen zu den exotischen Superfoods gibt es reichlich. Die Barmer Krankenkasse empfiehlt beispielsweise geschrotete Leinsamen als Alternative zu Chiasamen. Beide Erzeugnisse zeichnen sich durch einen hohen Gehalt an Omega 3-Fettsäuren bei einem gleichzeitig relativ geringen Gehalt an Omega 6-Fettsäuren aus. Goji-Beeren gelten als Vitamin C- und Calcium-Lieferant, enthalten aber getrocknet fast 50 Prozent Zucker. Ähnlich viel Vitamin C, aber weniger Zucker stecken in Schwarzen Johannisbeeren, Hagebutten oder Sanddorn. Açai-Beeren haben einen hohen Anthocyangehalt. Der Farbstoff zählt zu den Antioxidantien, die über eine gesundheitsförderliche Wirkung verfügen sollen. Blaubeeren, Brombeeren, Heidelbeeren oder Holunderbeeren stehen den Beeren aus dem Amazonas-Regenwald jedoch in nichts nach. Weitere Alternativen sind nach Empfehlung der Barmer Walnüsse statt Avocado, Kürbis- und Sonnenblumenkerne statt Pinienkerne oder Kamille statt Matcha.
Intensiv beworbene exotische Superfoods bereichern zweifellos unsere Lebensmittelpalette. Heimische Erzeugnisse sind aber echte Alternativen, weil ihre Inhaltsstoffe vergleichbar, ihre Wirkungen aber besser untersucht sind. Sie sind außerdem oft nachhaltiger erzeugt und preiswerter. Auch wenn sich Sauerkraut oder Haferflocken nicht so sexy anhören wie Kimchi oder Quinoa.