Zu gut für den Futtertrog?

Eignet sich Rapsprotein als pflanzliche Eiweißalternative?

Wenn Rapsöl so gesundheitsfördernd auf den menschlichen Organismus wirkt, warum dann nicht auch der Rapspresskuchen? Wissenschaftler der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg haben sich gefragt, wie groß der Nutzen von Rapsprotein für die menschliche Ernährung ist. Die Ergebnisse waren erstaunlich.

Warum eigentlich schauen wir bei der Suche nach alternativen Eiweißkomponenten für die menschliche Ernährung bislang eher in die Ferne – auf importiertes Soja –, anstatt auf eine unserer verbreitetsten Kulturpflanzen? Die Arbeitsgruppe Humanernährung am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Uni Halle unter Leitung von Professor Dr. Gabriele Stangl hat sich genau diese Frage gestellt. Ist doch die Kultur in unser aller Köpfen bisher fest verankert – als einerseits Öllieferant für die menschliche Ernährung oder Biotreibstoff und andererseits als Futterkomponente für die Schweinefütterung.

Neues Image fürs Rapsprotein

Aber muss das denn so sein? Kann nicht der Eiweißanteil – er beträgt immerhin zwischen 20 und 25 Prozent – nicht auch direkt auf unsere Teller? Gerade angesichts der intensiven Diskussion um gesündere und umweltverträgliche, also pflanzliche Eiweißquellen erscheint es den Wissenschaftlern geradezu logisch, dass Raps – wie vor ihm auch schon Soja, Lupine, Ackerbohne und Erbse – auf seine Eignung als Protein-Lieferant hin untersucht wird.

Zumal das Rapsprotein, ein sehr hochwertiges Eiweiß, das viele lebensnotwendige Aminosäuren enthält, in seiner Zusammensetzung dem Sojaprotein ähnelt. Also entschied man sich, mithilfe einer Versuchsgruppe die Wirkung des Raps- mit der des Sojaproteins zu vergleichen: „Dabei haben wir uns darauf konzentriert, wie sich gewisse Stoffwechselfunktionen direkt nach dem Verzehr verändern. Sojaprotein zeigt hier sehr günstige Wirkungen, deshalb wollten wir untersuchen, ob der Raps das vielleicht auch kann.“

Der Spaghetti-Test

„Unsere Testgruppe bestand aus 20 Personen, die in der Doppelblindstudie insgesamt drei Mal eine Mahlzeit von uns bekamen“, berichtet Professor Stangl. „Die Mahlzeit bestand aus jeweils einer Portion Spaghetti mit Tomatensauce, die einmal ohne Proteinzusatz, einmal mit 25 Gramm Sojaprotein und einmal mit 25 Gramm Rapsprotein zubereitet war. Unsere Probanden wussten nicht, welche dieser drei Mahlzeit sie bekamen, um eventuelle ‚psychologische Einflüsse‘ ausschließen zu können.“

Direkt im Anschluss an die Mahlzeiten wurden bei den Testpersonen Blutuntersuchungen vorgenommen, bei denen Blutzuckergehalt, Blutfettwerte und der Insulinspiegel sowie der Gehalt an Aminosäuren bestimmt wurden. Außerdem wurden sie nach dem Grad der Sättigung befragt und danach, wann sie wieder Hunger bekamen. Hier fand sich die erste große Überraschung: Sie gaben nämlich übereinstimmend an, dass sie länger satt und später weniger hungrig waren, wenn sie die Mahlzeit mit Rapsproteinzusatz zu sich genommen hatten.

Die zweite Überraschung war der Einfluss auf die Stoffwechselwerte, erinnert sich die Wissenschaftlerin: „Hier schnitt das Rapsprotein in eigentlich allen Werten genauso gut wie das Sojaprotein ab, beim Zuckerstoffwechsel sogar leicht besser. Damit hatten wir eigentlich gar nicht gerechnet. Das bedeutet, dass das Rapsprotein dem hochgelobten Sojaprotein allemal standhält, vielleicht sogar ein bisschen bessere Wirkungen entfaltet.“

Einige Hürden gibt es noch

Allerdings gibt es natürlich noch ein paar Hürden zu überwinden, bevor das Rapsprotein ohne den Umweg über das Tier direkt für den menschlichen Verzehr verwendet werden kann. Die erste betrifft den Geschmack des Rapsproteins, der von bitter schmeckenden, sekundären Pflanzeninhaltsstoffen in der Rapssaat stammt. An der Technischen Universität München wurde herausgefunden, dass dafür die Substanz Kaempferol verantwortlich ist. „Solange das Kaempferol im Rapsprotein enthalten ist, eignet es sich nur für die Zugabe zu herzhaften Speisen, nicht zu Drinks oder Süßspeisen. Wir haben das ausprobiert, es ist ungenießbar“, gesteht die Versuchsleiterin mit gerümpfter Nase. Aber das soll kein dauerhafter Hinderungsgrund sein, fährt sie fort. Die Züchtung könne versuchen, das Kaempferol aus der Pflanze zu entfernen. Auch die Lebensmitteltechnologie würde sicher Mittel und Wege finden.

Die zweite Hürde betrifft die derzeit noch teure, mit einem hohen technischen Aufwand verbundene Isolation der Eiweiße. „Die Proteinisolation ist nicht 1:1 von einem Rohstoff zum anderen übertragbar. Da braucht es noch ein standardisiertes, billigeres Verfahren.“

Aber vielleicht wäre es ja auch sinnvoll, gleich den gesamten Presskuchen zu verwenden, denn auch die darin enthaltenen Ballaststoffe sind ja sehr gesund? Die Professorin nickt: „Zu dieser Frage gibt es bislang, soweit ich weiß, noch gar keine Untersuchungen. Sich ihr zu widmen wäre allemal lohnenswert. Dafür sind aber viele Studien zur Verwertung und Wirkung im menschlichen Körper nötig“. Für solche weiterführenden Studien braucht es aber natürlich Geld und am besten ein mutiges Unternehmen, das sich an solche Tests heranwagt. Dann, prophezeit Gabriele Stangl, können wir vielleicht demnächst ein leckeres Rapsschnitzel genießen.