Insekten und Algen auf dem Speiseplan von morgen

Was in vielen Ländern der Welt bereits zum Alltag gehört, nämlich Insekten oder Algen zu essen, findet hierzulande nur langsam neue Freunde. Doch das soll sich ändern. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie einige Start-ups boten auf der Grünen Woche im Januar interessante Kreationen für mutige Besucher an.

Was essen wir morgen? Diese an sich harmlose Frage bekommt einen ganz eigenen Unterton, wenn man nicht über die Menüfolge des nächsten Tages, sondern über die in, sagen wir, zehn Jahren nachdenkt. Klar ist: der Anstieg der Weltbevölkerung verlangt nach neuen Eiweißquellen. Und warum sollte, was in vielen Ländern der Erde seit langem praktiziert wird, nicht auch hier möglich sein? Zumal die Aussichten wirtschaftlich und ökologisch interessant sind: Insekten können unter kontrollierten Bedingungen gezüchtet werden, sind genügsamer als andere tierische Eiweißproduzenten und stoßen kein Methan aus.

Eiweißquelle von morgen?

Insekten sind die am häufigsten auf der Erde vorkommenden Tiere. Bei über zwei Milliarden Menschen stehen sie regelmäßig auf dem Speiseplan, etwa 2000 essbare Arten sind bekannt. Am beliebtesten sind Käfer, gefolgt von Raupen, Bienen, Wespen, Ameisen, Heuschrecken, Grillen, Zikaden, Termiten, Libellen und Fliegen. Auch in einigen europäischen Ländern – den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Dänemark – haben Insekten schon die Supermarkt-Kühlregale erobert.

Warum ausgerechnet Insekten?

Die stetig wachsende Weltbevölkerung braucht immer mehr Nahrungsmittel, mit zunehmendem Wohlstand steigt der Bedarf an tierischem Eiweiß. Das würde einen immer größeren Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche für die Futtermittelproduktion binden, wenn wir so weiter essen wie bisher. Doch die Flächen sind nicht da, andere werden durch Umwelt- und Klimaprobleme bedroht. So liegt es nahe, sich Eiweißquellen zuzuwenden, deren Nutzen erwiesen und deren Produktion vorteilhaft ist: Insekten haben eine hohe Futterverwertungseffizienz, sind fettarm, dafür reich an Proteinen, Aminosäuren , Mikronährstoffen wie Eisen, Vitamine A, B2 und D.

Die Zeit scheint reif zu sein: In der Ende 2015 veröffentlichten Zukunftsstudie des Ernährungskonzerns Nestlé, die Trends für 2030 erfragt hatte, zeigten sich die Verbraucher aufgeschlossen gegenüber neuen Lebensmittelquellen. Mehr als die Hälfte der 1000 Befragten erwartet, dass in der Zukunft gesunde Ernährungsweise und Ressourcenschonung zu kombinieren sind. Zum Beispiel mit In-vitro-Fleisch oder Eiweißquellen wie Algen und Insekten.

Und auch der Gesetzgeber hat nachgezogen: Seit dem 1. Januar 2018 gilt in der EU eine neue Novel-Food-Verordnung, die die Zulassung von Lebensmitteln aus Insekten oder Algen vereinfacht. Bislang werden die in Europa verkauften Tiere in Zuchtfarmen, zum Beispiel in den Niederlanden, erzeugt oder importiert. Sie sind gefriergetrocknet erhältlich, das macht sie mehrere Monate haltbar. Angeboten werden bisher vier Arten: Heuschrecken, Grillen, Mehl- und Buffalowürmer. Sie können als Snack, als exotische Kochzutat oder als süße Variante mit Schokolade oder Karamell zubereitet werden.

Anschauungsmaterial

Auf der Grünen Woche im Januar in Berlin präsentierten gleich zwei Aussteller Käfer-Köstlichkeiten: In der Halle der Ernährungsindustrie präsentierte das junge Osnabrücker Unternehmen Bugfoundation Deutschlands ersten Insektenburger. Der in den Niederlanden und Belgien bereits erhältliche Bux Burger aus Buffalowürmern soll bald auch in deutschen Restaurants bestellt werden können.

Auch das Bundesentwicklungsministerium informierte an seinem Stand über Geschichte und Vorzüge der Krabbler-Küche. So sprach der kenianische Insektenforscher Marwa Shumo über Insekten als Nahrungsmittel, während in der Show-Küche nebenan Leckereien aus Heuschrecken, Grillen und Mehlwürmern gebrutzelt wurden.

Übrigens gab es auch bei den GroKo-Verhandlungen Mehlwürmer und Heuschrecken zu essen. Es ist nicht überliefert, ob das Angebot des parlamentarischen Staatssekretärs im Entwicklungsministerium, Thomas Silberhorn, die Verhandlungen eher verzögert oder beschleunigt hat. Seine Begründung für die Insektensnacks klingt jedenfalls vernünftig: „Seit diesem Jahr sind sie in der EU offiziell als Lebensmittel zugelassen. Klar, hierzulande ist das eine totale Nische, aber es gibt Länder, in denen das völlig anders ist. Dort sind Insekten aus dem Speiseplan nicht wegzudenken. Sie sind nahrhaft, liefern Vitamine und Ballaststoffe und für ihre Zucht und Verarbeitung wird viel weniger Platz benötigt als für Hühner oder Rinder.“

Superfood aus dem Meer

Und noch eine bisher wenig genutzte Proteinquelle werden uns Ernährungswissenschaftler künftig verstärkt ans Herz legen: Algen. Was in Asien seit Jahrhunderten praktiziert wird – nicht wenige machen Algen für die hohe Lebenserwartung der Japaner verantwortlich – wird sich auch hier einbürgern. Wer sich nun aber schon für experimentierfreudig hält, weil er ein in Rotalgen gewickeltes Maki-Sushi verspeist hat, dem sei gesagt: da geht noch mehr.

Makroalgen können gekocht, gebraten, gedämpft oder in Essig eingelegt werden, dienen als Gewürz oder Tee. Sie werden zu Salaten, Suppen oder Gemüsebeilagen verarbeitet oder getrocknet als Snack genascht. Allein in Japan werden jährlich 300 000 Tonnen verzehrt.

Makroalgen mit ihrem hohen Gehalt an Mineralstoffen und Vitaminen werden auch in Farmen produziert. Jährlich werden weltweit zwischen 8 und 9 Millionen Tonnen geerntet, die zu Viehfutter, Dünger oder Kosmetika verarbeitet werden. Und dann gibt es da noch die Mikroalgen. Gesundheitsbewussten Menschen sind sie wahrscheinlich schon als Nahrungsergänzungs- oder Schönheitsprodukt begegnet. Seit vielen Jahren gibt es in Deutschland größere Forschungsanstrengungen und auch einige Produktionsstätten. Spirulina- und Chlorella-Arten sind in Tabletten- oder Pulverform im Handel und versprechen einen hohen Gehalt an Eiweiß, essentiellen Aminosäuren, Mineralstoffen und Vitaminen. Auch unsere Küchen könnten die kleinen grünen Dinger zukünftig erobern. Für Cathleen Cordes, Gründerin von Evergreen Food, hat Chlorella das Potenzial, als Ersatz für Soja zu dienen. Ihr Unternehmen verarbeitet die Alge zu Öl und Algenperlen, zu Pulver und zu vitaminhaltigen Algenkapseln.