Hier ist ein Kraut gewachsen

Das Start-up Infarm vertreibt Mini-Gewächshäuser für den Supermarkt

In Supermärkten in ganz Deutschland, direkt neben dem Gemüseregal, stehen neuerdings Glaskästen, die nicht viel größer als eine Telefonzelle sind. Darin wachsen auf mehreren Etagen, jede extra ausgeleuchtet, Salat und Kräuter. Sieht so eine Revolution aus?

Viele große Veränderungen beginnen mit einem ersten kleinen Schritt. Mit einer Idee, einem Stirnrunzeln, einem: „Könnte man nicht vielleicht …?“. Das Konzept des Berliner Start-ups Infarm könnte einmal zu so einer großen Veränderung führen. Drei Leute: Erez und Guy Galonska sowie Osnat Michaeli, die bisher ihre eigenen Kräuter in Kreuzberg auf der Fensterbank zogen, hatten sich 2013 gefragt, ob man das heimische Küchenfenster nicht ein wenig erweitern könne. Ausdehnen bis in den Supermarkt sozusagen. Die Kräuter da produzieren, wo sie gekauft werden, anstatt diese empfindlichen Dinger über Dutzende oder sogar Hunderte Kilometer in die Stadt zu fahren.

Landwirtschaft in der Stadt

Die Idee ist nicht neu. Seit vielen Jahren gibt es Ansätze für das sogenannte Urban Farming: Lebensmittel da zu erzeugen, wo sie gebraucht werden, in Großstädten und Ballungsgebieten. Unter verschiedenen Stichworten tritt dabei die urbane Landwirtschaft auf – als Urban Gardening etwa, wo Dach- oder Brachflächen für die Gemüseproduktion genutzt werden. Oder als Vertical Farming – eine Idee, die anstatt des Anbaus auf zwei Dimensionen die Höhe als dritte Dimension nutzt und damit erlaubt, dass auf vielen Etagen übereinander Pflanzen wachsen. Vorreiter dieser Idee ist der amerikanische Mikrobiologe, Ökologe und Professor an der New Yorker Columbia University Dickson D. Despommier. Er hat das Konzept des Vertical Farming 1999 mit Studenten entwickelt und seitdem stetig weiterentwickelt.

Zahlreiche futuristische Entwürfe sind dabei herausgekommen. Doch dabei blieb es nicht: In einigen Ländern gibt es bereits vertikale Farmen, zum Beispiel in Singapur. Dort entstand mit Sky Green 2012 die erste CO2-neutrale, hydraulisch betriebene vertikale Farm. Bis heute sind in dem extrem dicht besiedelten Ballungsraum – dort leben 8000 Menschen auf einem Quadratkilometer, knapp doppelt so viele wie in Deutschlands am dichtesten besiedelter Stadt München – sieben Farmen entstanden. Darunter auch eine vom japanischen Elektronikkonzern Panasonic 2014 in Betrieb genommene Indoor-Gemüsefarm. Auf 1150 Quadratmetern, knapp 1,5 Fußballfeldern, werden dort 80 Tonnen Gemüse im Jahr erzeugt. Jede der 40 angebauten Arten bekommt ein eigens ausgeklügeltes Düngungs- und Lichtkonzept für höchste Erträge.

Bodenlos ertragreich

In den meisten dieser Gewächshäuser wachsen die Pflanzen nicht in Boden oder anderem Substrat, sondern sie hängen mit den Wurzeln in der Luft und werden nach einem ausgeklügelten Prinzip mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Diese Vorgehensweise, Pflanzen substratlos und exakt auf ihre Bedürfnisse abgestimmt zu ernähren, nennt man Hydroponik.

Und dann gibt es da noch die Aquaponik, die Fisch- oder Garnelenproduktion mit der Erzeugung von Gemüse oder Kräutern kombiniert. In einer geschlossenen Kreislaufanlage dienen die Abfälle aus der pflanzlichen Erzeugung als Fischfutter und die Exkremente der Fische als Dünger für die Pflanzen. Das Prinzip lässt sich in der ECF Farm in Berlin besichtigen. Oder in der StadtFarm, ebenfalls in Berlin, die Wels und Gemüse der Saison nach dem Aquaponik-System erzeugt. In Kassel untersucht der Düngemittelkonzern K+S seit Frühjahr 2018 in einem Forschungscontainer die gemeinsame Produktion von Fisch und Salat.

Kräuterbeet im Supermarkt

Doch zurück zum Vertical Farming. Nachdem die drei Kreuzberger ihre Idee hatten und zur Umsetzung das Start-up Infarm gegründet hatten, untersuchten sie erst einmal die Marktlage. Peter Prautzsch, verantwortlich für Marketing und Kommunikation, beschreibt den Anfang so: „Vertical Farming erlebt zurzeit einen Boom. Die meisten dieser Konzepte arbeiten aber mit der Idee der großen Mengen. Also Produktion in Fabrikhallen. Doch auch diese zentralisierte Produktion bedeutet Fahrwege – wenn auch kürzere. Wir haben einen komplett anderen Ansatz: Wir produzieren beim Einzelhändler“. Also direkt im Supermarkt.

„Das bedeutet auch, dass unsere Produkte da wachsen, wo der Kunde ist“, fügt Prautzsch an. „So kann er besser integriert werden, sich informieren“. Auch aus diesem Grund nennen sie bei Infarm diese Minigewächshäuser ‚Farmen‘: Um das Interesse des Kunden zu wecken, ihn zum Nachfragen zu animieren – und um diesen Kommunikationsbedarf dann befriedigen zu können. „Der Kunde muss Fragen stellen können, auch zur Technik“, erklärt Prautzsch. „Das System ist ja total neu, er muss es kennen lernen und akzeptieren“. Auf diese Art, denkt man sich bei Infarm, können sie den Kunden klarmachen, dass diese hochmoderne Art der Produktion extrem vorteilhaft ist: etwa 1200 Pflanzen in etwa drei Wochen vom Keimling bis zur Ernte substratlos heranzuziehen, unter fein austarierten biologischen Bedingungen. „Das ist natürlich. Und effizient“, betont Prautzsch.

Wenn die Minze um Hilfe ruft

Prautzsch sitzt in der Firmenzentrale von Infarm, einer Fabrikhalle im Kreuzberger Hinterhof: Mehrere Mini-Farmen, ein hängender Garten an der Wand, ein riesiger Esstisch und eine große offene Küche, in der für die hier arbeitenden 40 Mitarbeiter ein Mal pro Woche gekocht wird. Er erzählt, wie es nach der Idee und den ersten Anfangsversuchen weiterging: Nach einer ersten Finanzspritze durch die EU ist das Start-up schnell gewachsen. Bis Jahresende 2018 rechnet Prautzsch mit 180 bis 200 Mitarbeitern aller Gewerke: Biologen, Architekten, Programmierer, Ingenieure und andere mehr. Denn von der Untersuchung geeigneter Pflanzen und ihrer Anbauansprüche über den Bau der Gewächshäuser und die Programmierung der Farmsteuerungen bis zum Vertrieb und der Betreuung der existierenden Farmen macht Infarm alles selbst.

So fanden die Biologen bis jetzt 300 geeignete Pflanzenarten, die in den Minihäusern wachsen können. Sie erforschten, welche Bedingungen sie brauchen und welche Arten am besten zusammenpassen. „Wir bieten derzeit etwa 20 Arten, daraus kann sich jeder Interessent sein persönliches Konzept zusammenstellen. Das muss aber passen, etwa acht Sorten pro Farm sind möglich“. Dazu gehören Kräuter, auch Tomaten und zahlreiche Salatvarianten. Für die Auswahl arbeitet Infarm eng mit Gemüse-Züchtern zusammen sowie mit mehreren Universitäten, an denen Studenten verschiedener Fachrichtungen wissenschaftliche Arbeiten verfassen.

Ingenieure haben aus dem Anbaukonzept ein High-End-Wunderwerk zusammengebaut, in dem auf fünf Etagen die Pflanzen in einer spiralförmigen Anordnung wachsen, ein auf die Pflanzenart abgestimmtes Beleuchtungskonzept „genießen“ und natürlich auch Luftfeuchtigkeit, Wasser- und Nährstoffversorgung auf die Einzelpflanze eingestellt sind. Sensoren überwachen alles und liefern in den drei Wochen eines Wachstumszyklus etwa 50 000 Datenpunkte pro Pflanze. „Wir wissen, wie es unseren Pflanzen geht“ – beschreibt es Prautzsch leicht lakonisch.

Für Datenauswertung und Steuerung sind die IT-Experten zuständig. Sie haben die Steuerung selbst programmiert. Alle Farmen sind miteinander und mit der Zentrale vernetzt, sodass jede einzelne Pflanze im Ernstfall um Hilfe rufen kann.

Regionaler geht’s nicht

In einer Produktionshalle in Spandau sind 60 Mitarbeiter damit beschäftigt, innerhalb von vier Tagen eine solche ‚Farm‘ zu bauen. Im Mai/Juni 2017 war die erste fertig und wurde in einen Großmarkt geliefert. Heute stehen alleine in Supermärkten, Großküchen oder Restaurants – zum Beispiel beim Berliner Sternekoch Tim Raue – 75 solcher Mini-Gewächshäuser. Die Idee, Köche anzusprechen, ist clever: „Hier in unserer Küche entwickeln wir Rezepte und führen auch Events durch, zu denen wir Köche aus der ganzen Welt einladen. Die finden das Konzept äußerst interessant für ihre Bars und Küchen, weil es so spezielle Wünsche erfüllen kann“.

Wenn dann die Minifarm beim Kunden aufgebaut und angeschlossen ist, ist die Arbeit von Infarm aber noch lange nicht vorbei, erklärt Prautzsch. „Wenn wir die Farmen nur ausliefern und uns dann nicht mehr kümmern würden, wären wohl die wenigsten länger als einen Produktionszyklus produktiv. Der Kunde bucht bei uns ein Farm-Abo mit einem bestimmten Pflanzen-Angebot. Wir liefern, betreuen per Fernüberwachung und kommen zum Ernten. Der Preis für ein Töpfchen Basilikum ist der Gleiche wie für das aus Holland, nur das unseres einen Meter vom Verkaufsregal entfernt gewachsen ist“.

Im Februar 2018 konnten die Infarm-Gründer eine neue Finanzierungsrunde mit 20 Millionen Euro bekannt geben. Mit diesem Geld will das Start-up seine Forschungs- und Baukapazitäten erweitern sowie in weitere deutsche Städte und einige europäische Hauptstädte expandieren. Bis Mitte 2019 sind 1000 Indoor-Farmen in Europa geplant.

So könnte eine große Veränderung aussehen. Begonnen hat sie mit der kleinen Frage, ob man das heimische Küchenfenster nicht in den Supermarkt verlagern könnte …