Was bedeutet Integrierter Pflanzenschutz?

11.10.2018 Schule & Wissen

Pflanzenschutz-Maßnahmen sinnvoll kombinieren

So viel wie nötig, so wenig wie möglich – das ist das Ziel des „Integrierten Pflanzenschutzes“. Dabei werden unterschiedliche ackerbauliche Maßnahmen in der Vorbeugung und Bekämpfungsverfahren aus dem chemischen, physikalischen und biologischen Pflanzenschutz bestmöglich miteinander kombiniert. Moderne Pflanzenschutzmittel können so ihre Wirkung am besten entfalten.

Die „Große Hungersnot“ zwischen 1845 und 1852 in Irland brachte vielen irischen Familien großes Leid. Rund 1 Million Menschen, etwa 12 Prozent der Bevölkerung, starben an den Folgen der mehrjährigen Missernten bei Kartoffeln, ausgelöst durch den Erreger der Kraut- und Knollenfäule, den Pilz Phytophthora infestans. Kartoffeln waren damals das Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung, das nicht ohne Weiteres durch ein anderes Lebensmittel ersetzt werden konnte. Wirkungsvolle Pflanzenschutzmittel gab es damals noch nicht. Fast 2 Millionen Iren verließen ihr Land und wanderten aus. Auch in Deutschland kam es durch die Kraut- und Knollenfäule im Winter 1916/17 zu einer Hungersnot.

Heute haben wir in Europa zum einen dank moderner Fungizide gegen die Kartoffelfäule und zum anderen dank einer internationalen Versorgung mit Lebensmitteln und staatlicher Lagerhaltung keine Hungersnot solchen Ausmaßes zu befürchten. Um die Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung sicherzustellen, müssen unsere Kulturpflanzen aber wirksam vor bakteriellen, pilzlichen oder Virus-Krankheiten und dem Befall mit Schädlingen geschützt werden.

Ein Mix aus Maßnahmen

Wenn Landwirte ihre Pflanzen vor Krankheiten und Schädlingen schützen wollen, wenden sie heute eine Vielzahl von Verfahren an. Das sind zunächst die vorbeugend gesunderhaltenden Maßnahmen wie eine vielfältige Fruchtfolge (das Aufeinanderfolgen der landwirtschaftlichen Hauptkulturen und der Zwischenfrüchte dazwischen) oder die für den jeweiligen Standort passende Sortenwahl. Getreidesorten haben zum Beispiel eine unterschiedliche Resistenz oder Toleranz gegenüber Rost- und Schwärzepilzen. Bei samenbürtigen Erregern legen die Saatgutzüchter hohen Wert darauf, dass nur gesundes Saatgut in den Handel kommt oder das Saatgut gebeizt wird, um die Pflanze lange gesund zu halten. Daneben tragen ackerbauliche Maßnahmen wie die zeitlich optimierte Aussaat mit passender Bodenbearbeitung und Saatbettbereitung sowie eine angepasste Düngung und Nährstoffversorgung dazu bei, die Bestände gesund zu erhalten.

Im Pflanzenschutzgesetz geregelt

Paragraph 2 des Pflanzenschutzgesetzes definiert den Integrierten Pflanzenschutz als Kombination von Verfahren, bei denen unter vorrangiger Berücksichtigung biologischer, biotechnischer, pflanzenzüchterischer sowie anbau- und kulturtechnischer Maßnahmen die Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel auf das notwendige Maß beschränkt wird. Der Integrierte Pflanzenschutz wird dabei als „gute fachliche Praxis“ gesehen.

Biologischer, biotechnischer und physikalischer Pflanzenschutz

Eine Anwendung im biologischen Pflanzenschutz ist zum Beispiel der Einsatz von Nützlingen. Das können räuberisch lebende Insekten oder Parasiten von tierischen Schädlingen, wie zum Beispiel die Trichogramma-Schlupfwespe beim Maiszünsler, sein. Physikalische Pflanzenschutz-Maßnahmen werden oft im Obst- und Gemüsebau, zum Beispiel das Abdecken mit Netz und Vlies, angewendet. Im Ackerbau kann eine Unkrautbekämpfung mechanisch mit Hacke, Egge oder Striegel stattfinden. Im Weinbau, in Obstplantagen und in der Forstwirtschaft werden zum Monitoring Lockfallen mit Pheromonen (arteigenen Duftstoffen) angewendet. Damit fängt man zum Beispiel Schmetterlingsmännchen, deren Raupen Schädlinge sind. Je nach Fangergebnis kann so der richtige Zeitpunkt für den zielgerichteten Einsatz eines Insektizids ermittelt werden. Mit diesem Verfahren lassen sich etwa die Anzahl der zu erwartenden Apfel- oder Traubenwickler gut vorhersagen. Im Ackerbau helfen Lockstofffallen bei der Ermittlung der Befallsstärke an Maiswurzelbohrern.

Chemischer Pflanzenschutz

Im Integrierten Pflanzenschutz werden nun die acker- und pflanzenbaulichen Maßnahmen mit mechanisch-physikalischen, biologischen, biotechnischen und chemischen Verfahren kombiniert. Beim Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln gilt der Grundsatz „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Dabei entscheidet der Landwirt nach der "wirtschaftlichen Schadensschwelle ". Das bedeutet, dass der chemische Pflanzenschutz erst zum Zuge kommt, wenn der Schaden voraussichtlich höher sein wird als die Behandlungskosten. Eine gewisse Menge an Ernteeinbußen wird es immer geben, das wird von den Landwirten toleriert. Sie beobachten das Geschehen auf ihren Äckern sehr genau. Dabei helfen ihnen diverse Programme und Apps, erste Anzeichen von Krankheiten zu erkennen, die Häufigkeit von Schädlingen vorherzusagen und beispielsweise die geeignete Witterung für eine Spritzung herauszufinden. Jeder Landwirt muss sich regelmäßig fortbilden, sein Wissen auffrischen und seine Sachkunde mit dem „Sachkundenachweis Pflanzenschutz“ belegen. Das ist in der Pflanzenschutz-Sachkundeverordnung festgelegt. Damit wird sichergestellt, dass die Landwirte immer auf dem aktuellen Stand des Wissens sind und die verschiedenen Pflanzenschutz-Möglichkeiten bestmöglich kombinieren können.

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