Gartenbau: Wie viel Pflanzenschutz geht mit Nützlingen?

06.09.2018 Haus & Garten

Unterschiede zwischen geschütztem Anbau und Freiland

Marienkäfer, Raubmilben, Schlupfwespen oder Nematoden – diese Insekten werden seit über 30 Jahren erfolgreich als Nützlinge in Gewächshäusern, in Folientunneln, großen Wintergärten oder an Pflanzen in Spaßbädern und botanischen Gärten eingesetzt. Dr. Barbara Jäckel vom Pflanzenschutzamt Berlin, stellvertretende Leiterin und zuständig für den Fachbereich Stadtgrün, ist bestens mit dem Thema vertraut. Sie erläutert im Interview mit dem IVA-Magazin, wo die Chancen und Grenzen des Einsatzes von Nützlingen liegen.

Frau Dr. Jäckel, wie verbreitet ist mittlerweile der Nützlingseinsatz im Gartenbau?

In den letzten 30 Jahren hat er stark zugenommen, besonders im geschützten Anbau. Im Erwerbsanbau von Tomaten, Gurken Paprika oder Erdbeeren ist er nicht mehr wegzudenken. Profis bekommen Schädlinge wie Spinnmilben, Thrips, Weiße Fliegen, Blattläuse, Dickmaulrüssler oder Trauermücken mit Raubmilben, Florfliegen, Schlupfwespen, Marienkäfern, Raubwanzen oder Nematoden überwiegend gut in den Griff. In der Innenraumbegrünung von Spaßbädern oder größeren öffentlichen Einrichtungen leisten die Nützlinge ebenfalls wertvolle Dienste.

Brauchen Gärtner denn überhaupt noch chemischen Pflanzenschutz?

Ja. Mit Nützlingen kann ich etwa 90 Prozent der tierischen Schaderreger ausschalten. Lücken gibt es aber bei Wanzen und Zikaden. Für diese Schaderreger sollten chemische Präparate angewendet werden, die nützlingsschonend sind. Die verfügbaren Mittel werden jedoch durch die aktuelle Zulassungspraxis leider immer weniger. Ein anderer Bereich sind die Pilzkrankheiten. Hier helfen keine Nützlinge. In geringem Maße Pflanzenstärkungsmittel, in der Hauptsache aber chemische Pflanzenschutzmittel . Biologischer und chemischer Pflanzenschutz sind Elemente des Integrierten Pflanzenschutzes, die sachkundig angewendet durchaus miteinander harmonieren und sich ergänzen.

Und wie sieht es im Freilandanbau aus?

Es gibt deutlich weniger wirkungsvolle Einsatzmöglichkeiten. Eine größere Bedeutung haben Nematoden, die in Baumschulen oder Dachgärten gegen Dickmaulrüssler, in Apfelanlagen gegen den Apfelwickler und in betroffenen Arealen gegen den Eichenprozessionsspinner eingesetzt werden. Ein anderes Beispiel ist die Schlupfwespe Trichogramma, die die Eigelege des Maiszünslers parasitiert.

Wieso stößt hier der Nützlingseinsatz an seine Grenzen?

Im Freiland sind das die Kosten des großflächigen Einsatzes, die Verfügbarkeit biologischer Methoden, weil die Schadorganismen nicht immer kontinuierlich in jedem Jahr in schädigender Menge vorhanden sind, und natürlich die unberechenbare Witterung. Regen oder ungünstige Temperaturen beeinflussen die Aktivität der räuberischen Insekten, die erhoffte Wirkung bleibt öfters aus. Allerdings sollten sich die Anwender von der Null-Toleranz-Einstellung verabschieden. Einige wenige übrig bleibende Schädlinge verursachen oft keine dramatischen Schäden. Das gilt für Freiland wie für geschützten Anbau. Außerdem ist erfolgreicher Pflanzenschutz mit Nützlingen eng mit ganz viel Know-how und Erfahrung verknüpft.

Was passiert, wenn Nützlingen die Nahrung ausgeht?

Normalerweise ist es so, dass die Nützlinge einfach verschwinden. Ihre Metamorphose wird unterbrochen, sie legen beispielsweise keine Eier mehr. Manche Nützlinge, wie die räuberischen Käfer-Arten Marienkäfer und Laufkäfer sowie auch Raubmilben, werden bei Nahrungsmangel zu Kannibalen. Nur in wenigen Ausnahmefällen entwickeln sich Nützlinge zu Schädlingen. So die Raubwanze, die sich üblicherweise von Blattläusen, Spinnmilben und anderen Wanzen ernährt, aber bei Mangel an Wasser auch Pflanzen anstechen kann.

Bietet sich der biologische Pflanzenschutz mit Nützlingen als Alternative für Hobbygärtner an?

Durchaus. Wer im Kleingewächshaus Gurken anzieht, bekämpft die oft auftretenden Spinnmilben mit Raubmilben. Florfliegenlarven helfen gegen Blattläuse an Balkonpflanzen. Im offenen Garten macht es allerdings mehr Sinn, die ohnehin vorhandenen Nützlinge gezielt zu fördern, anstatt sie mit unsicheren Erfolgsaussichten aufwändig auszusetzen. Ein weiteres Beispiel dafür sind Blattläuse. Sie werden von kleinsten Schlupfwespen parasitiert und abgetötet. Im Ergebnis sind an den Pflanzen Blattlausmumien erkennbar, aus denen die jungen Schlupfwespen schlüpfen.

Schwierig und relativ aufwändig ist der Schutz von Einzelpflanzen an isolierten Standorten, wie zum Beispiel einer kostbaren Orchidee auf der Fensterbank, die von Wollläusen befallen wird. Im Hobbybereich ist es ebenso entscheidend wie im Profibereich, dass Gefahren frühzeitig erkannt werden, eine kompetente Beratung durch die Herstellerfirmen erfolgt und die Nützlinge dann möglichst schnell angewendet werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Jäckel.

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