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Schule & Wissen
04.11.2022

Die Wiederentdeckung von Späths Alblinsen

Die große und die kleine Alblinse sowie die Dunkelgrüne marmorierte Linse aus Frankreich werden auf dem Hof Mammel angebaut. Foto: Thomas Stephan

Schwäbische Erzeugergemeinschaft baut alte Sorten an

Nachdem die schwäbischen Alblinsen des Züchters Fritz Späth von Feldern und Tellern verschwunden waren und schon als ausgestorben galten, wurden sie 2006 in einer russischen Gendatenbank wiederentdeckt. Eine Erzeugergemeinschaft baut die alten Sorten seit zehn Jahren wieder an.

Alblinsen wurden bis in die 1950er Jahre vor allem im schwäbischen Raum angebaut. Dort sind sie heute noch Bestandteil traditioneller Gerichte wie Linsen mit Spätzle.

Linsenanbau in Deutschland war verschwunden

Als in den Zeiten des Wirtschaftswunders immer mehr Fleisch auf den Teller kam, verlor die Linse ihre Bedeutung für die Proteinversorgung der Bevölkerung. Zudem ist der Linsenanbau aufwändig und brachte den Landwirten wenig Ertrag. Billige Importe sorgten schließlich dafür, dass der Linsenanbau aufgegeben wurde, nicht nur auf der Schwäbischen Alb, sondern auch in anderen Anbaugebieten in Deutschland. Damit verschwanden auch die Linsensorten, die Züchter Fritz Späth in den 1940er-Jahren auf den Markt gebracht hatte. So geriet die Alblinse, im schwäbischen Dialekt „Alb-Leisa“ genannt, in Vergessenheit. 1966 wurde sogar der erste und einzige Eintrag einer Linsensorte im deutschen Bundessortenregister gelöscht: Späths Alblinse I.

Saatgut in Gendatenbank wiederentdeckt

Dass Späths Alblinsen heute wieder angebaut werden, ist dem Biologen und Landwirt Woldemar Mammel zu verdanken. Er begann Mitte der 1980er-Jahre, die französische Puy-Linse auf der Schwäbischen Alb zu kultivieren. Die alten Sorten aus seiner Heimat gingen ihm jedoch nicht aus dem Kopf, und so machte er sich auf die Suche. 2006 glückte Mammel dann das Unerwartete, mit Unterstützung des Nutzpflanzensammlers Klaus Lang und des Öko-Beraters Klaus Amler: Die verschollen geglaubten Sorten Späths Alblinse I und II wurde im Wawilow-Institut in St. Petersburg entdeckt, einer der größten Gendatenbanken der Welt. Von dort bekam Mammel einige hundert Linsensamen, die er mithilfe von Bernd Horneburg, von der Universität Göttingen vermehrte. Seit 2012 wird das Saatgut wieder verkauft und erwerbsmäßig von über 100 Landwirten in der Region angebaut. Sie haben sich zur Öko-Erzeugergemeinschaft „Alb-Leisa“ zusammengeschlossen. Der Hof Mammel fungiert unter "Lauteracher Alb-Feld-Früchte"  als Verarbeitungsbetrieb und Großhandel.

Anbau, Ernte und Vermarktung von Späths Alblinsen

Späths Alblinse ist eine einjährige Pflanze mit kleinen fiederigen Blättern und einer Wuchshöhe von etwa 40 Zentimetern. Aus den weiß-violetten Blüten entwickeln sich kurze Hülsen mit zwei hellgrünen bis ockerfarbenen Linsensamen, die auf der Schwäbischen Alb zwischen Ende Juli und Anfang September geerntet werden. Alblinse I hat große Samen mit mehliger Konsistenz, Alblinse II dagegen sehr kleine Samen, die wegen des hohen Schalenanteils aromatischer schmecken und beim Kochen festbleiben. Bei Anbau, Ernte und Verarbeitung der Alblinsen sind viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung notwendig. Die Erträge sind schwankend und hängen vor allem vom richtigen Erntezeitpunkt ab.

Trocknung und Reinigung sind aufwändig: Die Linsen müssen von Hülsenresten, Spelzen, Erdbrocken, Steinchen und Ährenstücken getrennt werden. Ährenstücken, weil Linsen mit Getreide als Stützpflanzen angebaut werden. In der Erzeugergemeinschaft übernimmt diese Arbeit die "Lauteracher Alb-Feld-Früchte". Von dort aus wird ein Großteil der Linsen auch in Bio- und Hofläden, Reformhäuser und andere Verkaufsstellen verschickt sowie an etwa 180 Gaststätten. Die Abnehmer liegen in Baden-Württemberg und im angrenzenden Bayern. Außerhalb dieser Region wird es schwierig, an die Alblinsen zu kommen, da sie Jahr für Jahr ausverkauft sind.

Unterstützer der schwäbischen Alblinse

Die Arbeit der Erzeugergemeinschaft „Alb-Leisa“ wird nicht nur von der Uni Göttingen, sondern auch von der Abteilung Pflanzenbau der Hochschule Nürtingen wissenschaftlich begleitet. Der 2009 gegründete Alblinsen-Förderverein für alte Kulturpflanzen auf der Schwäbischen Alb setzt sich schwerpunktmäßig für die Weiterentwicklung der Linsenanbautechnik ein und begleitet Forschungsprojekte an diesen und weiteren Hochschulen. Außerdem setzt sich der Verein Slow Food für die Alblinse ein: Seit 2005 sind die Feinschmecker-Linsen von der Schwäbischen Alb Passagiere der „Arche des Geschmacks“. In diesem Projekt schützt die Slow Food Stiftung für Biodiversität weltweit regional bedeutsame Lebensmittel, Nutztierarten, Kulturpflanzen sowie traditionelle Zubereitungsarten vor dem Vergessen und Verschwinden. Daneben gibt es auch das Presidio „Alblinse“, das aktive Förder- und Schutzaufgaben übernimmt. Ein Presidio (italienisch für Schutzraum) versteht sich laut Slow Food als Netzwerk von engagierten Landwirten, Lebensmittelproduzenten, Händlern, Köchen, Wissenschaftlern und Verbrauchern, die sich gemeinsam für den Erhalt bestimmter Lebensmittel und Kulturlandschaften einsetzen.

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