Große Brennnessel: nützlich, manchmal unbeliebt

02.03.2021 Haus & Garten

Mehr als nur ein "Unkraut"

Wer seinen Garten plant und gestaltet, sollte sich überlegen, ob er daraus eine zweite „gute Stube“ machen oder der Natur Möglichkeiten zu einer gewissen Selbstentfaltung lassen will. Das bedeutet nicht, einem ungepflegten Garten das Wort zu reden. Für manche Gartenfreunde ist Unkraut ein „rotes Tuch“. Aber es gibt wohl überall einen Randbereich, in dem man Wildpflanzen, die an anderer Stelle Unkraut sein könnten, dulden kann. Die Große Brennnessel zum Beispiel hat auch ihre guten Seiten. Für den Vegetarier ist sie ein Wildgemüse, für den Kleintierhalter eine Futterpflanze, für Raupen von Schmetterlingsarten eine Nährpflanze. Sie war zeitweise ein Rohstoff für die Textil-Industrie, gehört zu den Grundstoffen im Pflanzenschutz und ist für Apotheker eine Heilpflanze.

Die Große Brennnessel, botanisch Urtica dioica, kommt fast weltweit besonders auf nährstoffreichen, feuchten Standorten vor und ist an Uferrändern, Jauchegruben, Wegrändern in Gärten und auf Äckern zu finden. Typisch war sie beispielsweise auf den Ackerrainen der früheren Berliner Rieselfelder. Sie gilt als Zeigerpflanze für stickstoffhaltige Böden. Die Pflanzen werden bis zu 1,5 Meter hoch, haben einen vierkantigen Stängel mit gegenständigen, länglich-herzförmigen Blättern, die grob gezähnt sind. Sie ist zweihäusig, es gibt also männliche und weibliche Pflanzen. Außer einer Vermehrung durch Samen führen unterirdische Rhizom-Ausläufer zu ihrer Verbreitung. Durch sie werden ganze Brennnesselhorste gebildet.

Die Blätter und Stängel sind reichlich besetzt mit Brennhaaren. Bei Berührung brechen sie ab und injizieren in die Haut ein Gemisch aus Ameisensäure, Azetylcholin, Serotonin und Histamin. Dadurch kommt es zu Schmerzen, Quaddeln und einem Juckreiz. Junge Blätter und Triebe haben noch keine Brennhaare. In den Blättern sind 1 bis 2 Prozent Flavonoide wie Rutin zu finden. Außerdem enthalten sie unter anderem Kieselsäure, Kafeolyläpfelsäure und seltene Fettsäuren, ätherisches Öl, Vitamine A, B, C, E und K, Eisen, Kalium und Kalzium. Die Wurzeln enthalten beispielsweise Lectine, Polysaccharide, Lignane, Sitosterol und Scopoletin.

Die Große Brennnessel wurde im 1. Jahrhundert in griechischen und römischen medizinischen Werken mit zahlreichen Indikationen erwähnt. Bei nicht allen ist die Wirkung auch belegt. Heute werden als medizinische Drogen getrocknete Brennnesselblätter (Urticae folium), oberirdische Pflanzenteile ohne grobe Stängelabschnitte als Brennnesselkraut (Urticae herba), getrocknete Wurzeln als Brennnesselwurzel (Urticae radix) und getrocknete reife Früchte als Brennnesselfrüchte (Urticae fructus) verwendet. Brennnessel-Produkte wie Tees, Extrakte oder Fertigpräparate werden vor allem bei Nieren- und Harnwegserkrankungen, Symptomen der gutartigen Prostatavergrößerung und rheumatischen Beschwerden eingesetzt. Die Wirkung vieler anderer in der Literatur angegebener Anwendungsgebiete ist oft unzureichend belegt. Deshalb ist es ratsam, sich zur Anwendung und Dosierung umfassend in der Apotheke beraten zu lassen.

In der Literatur wird berichtet, dass die Brennnessel bei den Germanen dem Donnergott und Herrscher über Fruchtbarkeit und Potenz Donar (Thor) geweiht war. Daraus ergaben sich verschiedene Rituale zur Steigerung von Fruchtbarkeit und Potenz. Auch der römische Dichter Ovid soll Brennnesselsamen als das beste Aphrodisiakum bezeichnet haben. Nach einer Studie der Universität Texas soll ein Kräutermix aus grünem Hafer und Brennnesselextrakt die Frequenz sexuellen Aktivitäten der Probanden verzehnfachen. Es gibt aber keine Hinweise auf Inhaltsstoffe, die diese Wirkungen erzielen sollen. Möglicherweise ist es auch nur ein Placebo-Effekt, der seelische Blockaden lösen kann.

In der Küche lassen sich Brennnesseln als Suppe, Salat, Pesto, Smoothie und Spinat verarbeiten. Für die Generation nach dem Zweiten Weltkrieg waren „Unkraut-Spinate“, wie aus Gartenmelde oder Brennnesseln, überlebenswichtig. Heute gelten Brennnesselgerichte als hippe trendige vegetarische Genüsse. Angewelktes Nesselkraut oder Heu wird als Futter für Schafe, Schweine, Geflügel und Rinder verwendet. Klein gehacktes junges Brennnesselkraut wird seit alters her zur Fütterung von Küken eingesetzt.

Die Große Brennnessel ist nach Literaturangaben auch Nahrungsgrundlage für etwa 70 Schmetterlingsarten. Beispielsweise ernähren sich die Raupen von Kleiner Fuchs, Distelfalter, Admiral, Landkärtchen, Tagpfauenauge oder C-Falter von Brennnesseln. Somit begünstigt sie die biologische Vielfalt und hat eine wichtige Funktion auch in urbanen Ökosystemen.

Im Mittelalter wurden Brennnesselfasern zum Herstellen von Tauen, Schnüren, Fischernetzen oder Textilien genutzt. Mit dem Einzug der Baumwolle im 18. Jahrhundert verlor die Herstellung von Nesselstoffen an Bedeutung. Eine Renaissance erfuhr diese Art der Textilherstellung aus dem heimischen Rohstoff jedoch im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Heute als Nesseltuch bezeichnete Stoffe sind Gewebe aus Baumwolle in Leinwandbindung. Dazu werden keine Brennnesseln mehr verarbeitet. In Deutschland ist das Interesse an der Brennnessel zur Textilherstellung nie ganz abgeebbt. Die Pflanze wurde sogar züchterisch zu diesem Zweck bearbeitet. Die früheren züchterischen Arbeiten wurden in den 1990er Jahren vom Institut für Angewandte Botanik Hamburg in Kooperation mit dem Faserinstitut Bremen weitergeführt, und so erhielten die Sorten ‘Wulfsdorf‘ und ‘Nesselgold‘ vom Bundessortenamt Sortenschutz. Mit der Besinnung auf nachwachsende Rohstoffe sind heimische Faserpflanzen wie Flachs, Hanf und auch die Große Brennnessel (Fasernessel) wieder in den Blickpunkt gerückt.

Zum Unkraut werden Brennnesseln eigentlich nur, wenn sie mit anderen, von uns angebauten Nutzpflanzen um Standraum, Licht, Wasser und Nährstoffe konkurrieren oder die Funktionsfähigkeit von technischen Anlagen beeinträchtigen. Sie sind dann Wildpflanzen am falschen Standort, die problematisch werden, wenn sie sich über Gebühr ausbreiten. Kommt ihr Samen in den Boden, kann die Pflanze schnell auf dem Gartenbeet zu einem Wildkraut am falschen Standort, also zum Unkraut werden.