Die Späte Traubenkirsche als "Unkraut" in unseren Wäldern

Vom Zierstrauch zur Waldplage

Als die Könige, Herzöge und Fürsten im 17. Jahrhundert die Spätblühende oder Amerikanische Traubenkirsche von Nordamerika importierten und das exotische Gehölz in ihre Parks und Gärten pflanzten, ahnten sie wohl nicht, dass die Förster im 21. Jahrhundert das Rosengewächs einmal „Waldpest“ nennen würden. Die Späte Traubenkirsche zählt nämlich heute in Europa zu den invasiven Neophyten in unseren Wäldern.

Prunus serotina heißt die Späte Traubenkirsche mit ihrem wohlklingenden botanischen Namen. Die Förster und Waldbesitzer nennen sie allerdings wenig schmeichelhaft „Waldpest“, weil sie sich invasiv ausbreitet und andere Pflanzen und Sträucher unterdrückt. Ursprünglich kommt sie aus Amerika. Im 17. Jahrhundert wurde sie von den Besitzern großer Parks und Gartenanlagen importiert, die das weiß blühende Ziergehölz schick fanden. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie forstwirtschaftlich gezielt in „Fremdländerversuchsanbauten“ angepflanzt. Die Förster erhofften sich hohe Wuchsleistungen und kirschähnlich gemasertes Wertholz, weil die Späte Traubenkirsche in ihrer Heimat ein guter Holzlieferant war. Doch diesen Gefallen tat das Gehölz den Europäern nicht, ganz im Gegenteil: Sie wird bei uns aufgrund anderer Witterungsbedingungen nur ein ausdauernder und wuchernder Strauch.

Anpassungsfähige Pionierpflanze

Heute hat sich die Späte Traubenkirsche bei uns selbständig ausgebreitet und ist aus unseren Wäldern fast nicht mehr herauszubekommen. Sie ist eine gute Pionierpflanze, kann also unwirtliche Plätze erstbesiedeln und den Boden schnell bedecken. Sie kommt außerdem mit fast allen Bedingungen klar: Sie wächst auf sandigen und auf Lehmböden, kommt mit einem sauren bis schwach basischen pH-Wert des Bodens zurecht, sie mag sowohl Sonne als auch Schatten und fühlt sich in der städtischen Parkanlage und in ländlichen Wäldern wohl. Durch ihr Herzwurzelsystem ist sie äußerst standhaft, trotzt Wind und Sturm und verträgt selbst harte Fröste. Eigentlich also ein idealer Baum – wenn sie denn ein Baum wäre.

Zuerst aufforsten, dann bekämpfen

So kam es, dass Förster und private Waldbesitzer bis in die 1950er Jahre die Späte Traubenkirsche aktiv gepflanzt und mit ihr aufgeforstet haben, um sie dann ab 1960 als invasiven Waldschädling zu bekämpfen. Aus den Niederlanden kommt der Ausdruck bospest, zu Deutsch Waldpest. Der Name sagt eigentlich schon alles, und auch Naturschützern ist die Späte Traubenkirsche „verhasst wie die Pest“. Viele NABU- und BUND-Kreisverbände rufen zum aktiven Arbeitseinsatz gegen sie auf, denn sie vermindert den Artenreichtum von Blütenpflanzen und tritt in Offenlandbiotopen wie Heide oder Magerrasen mit gefährdeten Arten in Konkurrenz. Die Späte Traubenkirsche bildet nämlich eine fast undurchdringliche Strauchschicht und hindert andere Gehölze und Sträucher am Aufwachsen, sodass die Naturverjüngung gestört ist. Vögel, Wildschweine und Füchse fressen ihre Früchte und tragen so zur enormen Verbreitung bei.

Bekämpfung zeitintensiv und langwierig

Wenn die Waldarbeiter die Späte Traubenkirsche bekämpfen wollen, dann müssen sie hart arbeiten: Kleine Pflanzen werden herausgezogen, größere erst einmal abgesägt und das Gestrüpp entfernt. Doch Achtung, das Wurzelwerk treibt sofort wieder aus! Entweder wird nun der neue Austrieb mehrere Jahre lang immer wieder abgeschnitten bis der Baum aufgibt, oder der Stamm wird mit einem Herbizid behandelt. Der Stubben im Boden muss abgedeckt werden, damit die Stockausschläge kein Licht bekommen. Selbst nach einer Rodung kommt die Späte Traubenkirsche wieder, wenn auch nur kleinste Wurzelreste im Boden verbleiben. Zur biologischen Bekämpfung werden seit einigen Jahren Versuche mit dem Violetten Knorpelschichtpilz Chondrostereum purpureum durchgeführt. Dessen Myzelsuspension wird auf die Schnittflächen der Späten Traubenkirsche aufgestrichen und zerstört den Zellverband des Holzes. Bei Freilandversuchen in den Niederlanden konnten mit dieser Behandlung 90 Prozent der geimpften Stubben zum Absterben gebracht werden.

Dekoratives Bienennährgehölz

Des einen Leid, des anderen Freud: Während die Waldbesitzer nach dem ultimativen Mittel suchen, um die Späte Traubenkirsche aus ihren Wäldern wieder zu vertreiben, pflanzen sie Gartenbesitzer immer noch gerne in Gärten und Parks als dekorativen Zierstrauch an. Mit ihren für die Bienen attraktiv duftenden weißen Blütenrispen wird sie als Bienenweide und Vogelschutzgehölz gesehen, obwohl ihr Nektar- und Pollenwert nicht besonders hoch sind. Aus den Blüten entstehen nach der Befruchtung durch Bienen oder Schwebfliegen kleine dunkelrote bis schwarze Kirschen. Auch Straßenmeistereien und Gemeinde-Bauhöfe pflanzen die Späte Traubenkirsche nach wie vor zur Böschungsbegrünung oder bei der Rekultivierung an, wo sie wiederum beste Bedingungen für die unkontrollierte Ausbreitung findet. Baumschulen empfehlen anstelle der Späten Traubenkirsche daher oft die Gewöhnliche Traubenkirsche Prunus padus oder den Gemeinen Liguster Ligustrum vulgare, die einen ähnlichen Zierwert haben.