Wasser soll noch sauberer werden

10 Jahre TOPPS: Europäische Initiative will Pflanzenschutzmittel-Einträge weiter senken

Wie gelangen Pflanzenschutzmittel ins Oberflächenwasser und wie können Anwender Einträgeverringern? Damit beschäftigt sich seit zehn Jahren die europäische Initiative TOPPS (Train Operators to Promote best Practices & Sustainability). „Der Wasserschutz ist mittlerweile viel stärker in der Wahrnehmung der Beteiligten verankert“, so die positive Zwischenbilanz des Projektleiters, Dr. Manfred Röttele.

Dr. Röttele, in Fachkreisen ist TOPPS bekannt, in der breiten Öffentlichkeit noch nicht. Was machen Sie?

Seit 2005 arbeiten wir an Strategien, wie Anwender Pflanzenschutzmittel-Einträge aus der Landwirtschaft in Oberflächengewässer verringern können. Anfangs wurde TOPPS von der EU mitfinanziert, seit 2008 ist der europäische Verband der Pflanzenschutzmittel-Hersteller ECPA alleiniger Träger des Projekts. Wir kooperieren mittlerweile mit Partnern in 24 europäischen Ländern. Wie beim Arzt steht am Anfang die Diagnose des Problems. Dann entwickeln wir einen Katalog an Gegenmaßnahmen. Wenn die Landwirte diese Maßnahmen der sogenannten Best Management Practice umsetzen, können Einträge im Normalfall weitgehend reduziert werden.

Wie groß ist der Handlungsbedarf?

Aus wissenschaftlicher Sicht stellen die aktuellen Messwerte in Oberflächengewässern keinerlei Risiko für unsere Gesundheit dar. In der öffentlichen Berichterstattung wird als Maßstab in der Regel der Trinkwassergrenzwert genannt, der bei 0,1 Mikrogramm Wirkstoff pro Liter Wasser liegt. Das ist ein von der Politik festgesetzter Vorsorgewert, der für alle Wirkstoffe in gleicher Weise gilt. Zum Vergleich: Der Grenzwert wird erreicht, wenn sich ein Gramm Substanz auf einen 33 Kilometer langen Bach verteilt, der einen Meter breit und 30 Zentimeter tief ist. Mit der heutigen Analysetechnik lassen sich Kleinstmengen aufspüren, also Pflanzenschutzmittel und ebenso Spuren von Medikamenten, Waschmitteln, Drogen und anderen Stoffen. Das Wasser ist auch ein Spiegel unserer Lebensverhältnisse.

Wie gelangen die Pflanzenschutzmittel denn ins Wasser?

Mehr als 50 Prozent der Einträge sind auf Punktquellen zurückzuführen. Das sind überwiegend Abschwemmungen von landwirtschaftlichen Hofflächen. Wenn beim Befüllen der Pflanzenschutzspritze Mittel verschüttet werden oder die Spritze auf dem Hof gereinigt oder auch nur abgestellt wird, kann der nächste Regen Pflanzenschutzmittel abschwemmen, die dann in kleinsten Mengen im Wasser gemessen werden können. Das Problem ist, dass die Pflanzenschutzmittel dabei nicht in den Boden gelangen, wo sie ansonsten schnell abgebaut werden. Andere Einträge resultieren aus diffusen Quellen. So zum Beispiel, wenn starker Regen Boden und Wirkstoffe vom Feld in den nächsten Vorfluter spült. Rund 30 Prozent der Einträge sind darauf zurückzuführen. Weitere fünf bis 10 Prozent gehen auf das Konto von Abdrift: Kleinste Spritztröpfchen können hauptsächlich durch Wind aus der Zielfläche ausgetragen werden. Darüber hinaus können Einträge über Bodendränagen eine Rolle spielen. Während wir die Punktquellen nahezu auf null reduzieren können, ist das bei den diffusen Quellen nur bedingt möglich. Wetter und Boden sind nicht zu beeinflussen. Allerdings kann sich der Anwender darauf einstellen und vorbeugende Maßnahmen ergreifen.

Was empfehlen Sie den Anwendern, um Risiken zu verringern?

Pflanzenschutzgeräte sollten auf einem biologisch aktiven Boden befüllt und gereinigt werden. Denn Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze bauen Pflanzenschutzmittel ab. Alternativ kann ein Wasch- und Befüllplatz auf dem Hof eingerichtet werden. Reinigungswasser wird aufgefangen und durch spezielle Biofilter behandelt. Bei den diffusen Quellen ist es etwas schwieriger. Besonders auf Flächen in Hanglage sollte darauf geachtet werden, dass der Boden viel Regenwasser aufnehmen kann. So zum Beispiel durch die Zufuhr von reichlich organischer Substanz, durch Bodenbedeckung oder durch reduzierte Bodenbearbeitung. Wenn bei starkem Regen durch Oberflächenabfluss dennoch Boden und Wirkstoffe weg gespült werden, kann ein bewachsener Pufferstreifen vor dem Vorfluter oder ein Rückhaltebecken den Eintrag reduzieren. Eine weitere Stellschraube ist die Gerätetechnik. Spezielle Düsen senken die Abdrift um bis zu 95 Prozent durch die Vermeidung von feinen Spritztröpfchen. Wir empfehlen außerdem maximale Fahrgeschwindigkeiten von 8 km/h auf Ackerflächen und einen Abstand von 50 Zentimetern zwischen Düsen und Zielfläche.

Wie fällt Ihre Zwischenbilanz nach zehn Jahren aus?

Positiv! Inzwischen haben rund 12 000 Berater und Landwirte an unseren Trainings teilgenommen. 500 000 Flyer mit praktischen Empfehlungen wurden verteilt, und unsere Webseite verzeichnet steigende Zugriffszahlen. Wasserschutz ist mittlerweile viel stärker in der Wahrnehmung der Anwender verankert. Die Offizialberatungen nutzen die von TOPPS erarbeiteten Materialien. Einige Länder wie Polen, Griechenland und Spanien haben die lokal angepassten Empfehlungen zur Best Management Practice komplett übernommen, weitere Länder sollen folgen. Auch wenn es schwer ist, die Ursachen zu bewerten, so hat unsere Initiative einen Teil zu einer besseren Wasserqualität beigetragen. Seit 1990 sind die Wirkstoffmengen in deutschen Flüssen um rund 20 Prozent zurückgegangen, ebenso die Anzahl von Befunden.

Welche Ziele verfolgt TOPPS in der Zukunft?

Unser Ziel bleibt die Reduktion der Einträge. In Ländern, in denen wir schon von Anfang an aktiv sind, wollen wir jetzt zunehmend den direkten Kontakt zu Landwirten und Gärtnern suchen. Deswegen werden wir verstärkt auf praktische Demonstrationen setzen, die für diese Zielgruppen wirkungsvoller sind als theoretische Schulungen. Bislang waren Wissenschaft und Beratung unsere wichtigsten Partner. Gemeinsam haben wir die Empfehlungen erarbeitet und in die Praxis getragen. Die Technik soll weiter verbessert werden. Wir sind mit den Herstellern von Pflanzenschutzgeräten im Gespräch, um entsprechende Entwicklungen voranzutreiben. Es geht unter anderem um ein Informationssystem, mit dem Landwirte ein Spritzgerät im Hinblick auf seine Umweltfreundlichkeit beurteilen können.