Eine starke Gemeinschaft – Frauen im ländlichen Raum

Interview mit Barbara Otte-Kinast über Frauen in der Landwirtschaft

Als große Gemeinschaft mit bundesweit rund 500 000 Mitgliedern setzen sich LandFrauenverbände für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen und Interessen von Frauen und ihren Familien im ländlichen Raum ein. Das IVA-Magazin sprach mit Barbara Otte-Kinast, Vorsitzende des Niedersächsischen LandFrauenverbands Hannover e. V., Milchbäuerin aus Beber bei Bad Münder (Kreis Hameln-Pyrmont), ausgebildete Hauswirtschaftsleiterin und CDU-Kommunalpolitikerin über die LandFrauenarbeit im Verband, aktuelle Projekte und Frauen in der Landwirtschaft.

Frau Otte-Kinast, stellen Sie uns doch den niedersächsischen LandFrauenverband einmal vor.

Mit rund 70 000 Mitgliedern ist der Niedersächsische LandFrauenverband Hannover (NLV) der mitgliederstärkste Verband im Deutschen LandFrauenverband e. V. (dlv). Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich in Niedersachsen östlich der Weser. Gegründet wurde der Verband am 7. Juli 1948, anknüpfend an die Tradition der landwirtschaftlichen Hausfrauenvereine, die 1934 in den Reichsnährstand überführt worden waren. Mit dem Neubeginn der LandFrauenarbeit wollten die Frauen einen Beitrag zur Überwindung der schwierigen Nachkriegsverhältnisse leisten. Die Deckung der Grundbedürfnisse stand dabei im Fokus. Zunächst standen daher praxisbezogene Themen wie Anregungen und praktische Hilfen für die vielfältigen Aufgaben auf dem landwirtschaftlichen Betrieb im Haus, Garten und im Stall im Vordergrund.

Und heute?

Heute kommen noch etwa 30 Prozent der Mitglieder aus dem landwirtschaftlichen Bereich. Wir haben Frauen aus den unterschiedlichsten Berufen als Mitglieder in unseren 275 Ortsvereinen und 39 Kreisverbänden. Gemeinsam sind den Frauen ihr Wohnort im ländlichen Raum und die Leidenschaft dafür. Der NLV setzt sich als Interessenvertretung für die Belange der Frauen und ihrer Familien im ländlichen Raum ein. Dazu gehören eine umfangreiche und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung, Lohngleichheit, eine gute Infrastruktur, Mobilität, medizinische Versorgung, Breitbandverkabelung, bessere Wertschätzung des ehrenamtlichen Engagements und vieles mehr. Lebenslanges Lernen ist zudem ein Leitspruch des LandFrauenverbands. Bildung bei den LandFrauen findet wohnortnah in Wohlfühlatmosphäre statt und ist bezahlbar. Die Themen sind vielseitig und auf der Höhe der Zeit. Die LandFrauen sind Mitglied in Frauenverbänden, landwirtschaftlichen und hauswirtschaftlichen Verbänden. Das Netzwerk stärkt und schafft Synergien bei gemeinsamen Interessen.

Können Sie uns ein paar Beispiele Ihrer Projekte nennen?

Gerne. Da gibt es zum Beispiel die „Landwirtschaft für kleine Hände“: Alle zwei Jahre laden die beiden niedersächsischen Landesverbände Kindergartenkinder auf landwirtschaftliche Betriebe ein. So wird schon den Jüngsten ermöglicht, zu sehen, woher Lebensmittel stammen und wie die heutige Landwirtschaft arbeitet. Ein weiteres Projekt ist „Kochen mit Kindern“. In diesem seit mehr als elf Jahren laufenden Projekt vermitteln speziell ausgebildete LandFrauen Schulkindern bis zur 4. Klasse Kenntnisse über Lebensmittel und deren Verarbeitung. Sie lernen, was man aus den wertvollen Lebensmitteln Kartoffeln, Getreide, Obst und Gemüse sowie Milch zubereiten kann. Für die 6. Klassen ist das Thema „Lebensmittelverschwendung“ in diesem Projekt aufbereitet. Bisher haben rund 180 000 Kinder in diesem Projekt Alltagskompetenzen erworben. Daneben setzen wir uns für „Erfolg wird weiblich – Frauen stärken!“ ein. Das sind Workshops, die Frauen, die Führungspositionen in Politik, Beruf oder Verbänden anstreben oder diese bereits innehaben, dafür fit machen. Und last but not least gibt es noch den „Dialog auf Augenhöhe – Landwirtschaft qualifiziert erklären“. In diesem Projekt bilden Experten Frauen in der Landwirtschaft für den Dialog mit der Öffentlichkeit aus. Die Frauen lernen, selbstbewusst Gruppen über ihre Höfe zu führen und so auch das Image der Landwirtschaft zu verbessern.

Welchen Stellenwert haben Frauen in der Landwirtschaft?

In Niedersachsen gehören nach Angaben des Landvolk-Pressedienstes 8 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe Frauen. Damit liegt unser Bundesland noch über dem deutschen Durchschnitt von 6,4 Prozent weiblichen Betriebsleitern. Zwischen 1990 und 2005 ist der Anteil der weiblichen Auszubildenden in der Landwirtschaft kontinuierlich gesunken, von rund 35 Prozent hat er sich in den vergangenen zehn Jahren aber stabil zwischen 22 und 23 Prozent eingependelt, meldet das Statistik-Portal Statista. Im Jahr 2013 waren bundesweit insgesamt 634 500 Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, meldet das Statistische Bundesamt, davon waren 386 100 Frauen. Von den 314 000 Saisonarbeitskräften sind 26,2 Prozent weiblich, von den ständigen Arbeitskräften sind es 16,5 Prozent. Die mitarbeitenden Familienangehörigen, also vorwiegend Partnerinnen und Mütter der Betriebsleiter, machen 38,8 Prozent aus. Das niedersächsische Landesamt für Statistik vermeldet mehr als 50 Prozent weibliche mitarbeitende Familienarbeitskräfte. Die Frauen auf den Höfen arbeiten auf dem Acker, im Stall, und im Büro und tragen maßgeblich zum Betriebserfolg bei. Aus Sicht des NLV verstehen sich viele Frauen von Landwirten heute nicht mehr als Bäuerinnen, sie haben eigene Berufe und legen darauf großen Wert. Neben ihrem Beruf führen sie den Haushalt, erziehen die Kinder und betreuen die ältere Generation. Durch kreative Ideen, Mut und Idealismus stellen Frauen häufig auch neue Standbeine für den Betrieb auf. Ferien auf dem Bauernhof oder Direktvermarktung sind beispielsweise klassische weibliche Betätigungsfelder im landwirtschaftlichen Umfeld.

Frau Otte-Kinast, vielen Dank für das Gespräch und den interessanten Einblick.