Genetische Vielfalt der Kulturpflanzen erhalten

22.10.2009 Schule & Wissen

In der Genbank in Gatersleben lagern 150 000 Muster landwirtschaftlicher und gartenbaulich genutzter Kulturpflanzen und verwandter Wildarten

In den großen Kühlkammern des Leibniz-Institutes für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben reiht sich ein Einweckglas an das andere. Jeweils bis zu 1,5 Kilogramm schwer. Beinahe mutet es wie die gute alte Vorratskammer aus Omas Zeiten mit eingemachtem Obst und Gemüse an. Das eine wie das andere ein Schatz von großem Wert.

In den Einweckgläsern in Gatersleben lagern fast 150 000 Muster von rund 3 000 Arten und 800 Gattungen landwirtschaftlicher und im Gartenbau genutzter Kulturpflanzen und mit ihnen verwandter Wildarten – eine geradezu unglaubliche genetische Vielfalt. Die Genbank des IPK mit ihren Standorten in Gatersleben, Groß-Lüsewitz und Malchow (Ostseeinsel Poel) zählt zu den größten der Welt. Sie sichert den Fortbestand der Kulturpflanzen und verhindert ihr Aussterben. Die ältesten Muster gehen etwa auf das Jahr 1920 zurück. Es sind Weizenmuster aus einer Sammelexpedition in die österreichischen Alpen.

Bis zu hundert Jahre haltbar: die Samen von Leguminosen

„In unseren Kühlkammern können wir die Samen bei minus 15 Grad Celsius und sechs bis acht Prozent Feuchte über Jahrzehnte aufbewahren“, berichtet Dr. Andreas Börner vom IPK. Leguminosensamen seien bis zu 100 Jahre lagerfähig. „Zwiebel oder Salat sind sensibler. Sie müssen alle zehn bis zwölf Jahre wieder angebaut werden“. Die einfachste und billigste Möglichkeit, die genetische Vielfalt zu erhalten ist die Aufbewahrung der Samen. Das funktioniert aber nicht bei allen Kulturarten. Kartoffelknollen beispielsweise müssen in der Regel jedes Jahr angebaut werden. Man kann sie aber auch in In-vitro-Kulturen* oder durch die so genannte Kryokonservierung, das Einfrieren in flüssigem Stickstoff, erhalten. (griechisch krýos = Kälte und lateinisch conservare = erhalten), Jedes Jahr werden etwa 10 000 Muster im Regenerationsanbau ausgesät oder angepflanzt, um neues keimfähiges Material zu erhalten. „Das ist eigentlich das Teue. Wir müssen jede Probe öffnen, so anbauen, dass keine Vermischung des genetischen Materials erfolgen kann, die Kultur pflegen, ernten, das Erntegut aufbereiten, reinigen und wieder einlagern“, so Börner.

Aus diesem Regenerationsanbau heraus schickt das IPK auch je eine Probe in die im vergangenen Jahr eröffnete, weltweit größte Lagerstätte für Kulturpflanzensamen ins norwegische Spitzbergen.

Größte Genbank im norwegischen Permafrost

In einer Berghöhle sollen dort später einmal 4,5 Millionen Duplikate von Saatgutmustern aus aller Welt 120 Meter tief im Permafrost-Fels bei minus18 Grad Celsius aufbewahrt werden. „Das ist so etwas wie ein Back up, eine Sicherungskopie, wie man sie für Computerdaten ziehen sollte“, meint Börner. Das dient der Vorsorge für den Fall, dass in Gatersleben einmal Muster unbrauchbar wären.

Das Interesse an den Proben ist groß. Jährlich gibt das IPK zwischen 15 000 und 20 000 Muster ab. Etwa die Hälfte davon geht an Forschungseinrichtungen in aller Welt. Die andere Hälfte teilen sich Pflanzenzüchter, die neue Sorten entwickeln wollen, botanische Gärten, Genbanken , aber auch Privatpersonen oder Schulklassen, die sich mit der Entwicklungsgeschichte von Kulturarten befassen. „Im Grunde kann jeder kommen“, meint Börner. Das IPK gibt die Muster in kleinen Mengen von 30 bis 50 Samen kostenlos ab. Allerdings könne man nicht alle Wünsche erfüllen: „Größere Saatgumengen müssen sich die Nutzer durch eigene Zwischenvermehrungen selbst erzeugen.