"Gerade Bauern in Entwicklungsländern profitieren von Gentechnik"

24.04.2015 Forschung & Technik

Göttinger Wissenschaftler werteten 147 Studien aus: Höhere Erträge, weniger Pflanzenschutzeinsatz, mehr Gewinn

Seit Mitte der 1990er-Jahre wachsen gentechnisch veränderte (gv) Pflanzen in vielen Regionen der Erde. Mittlerweile liegt ihr Anteil bei rund zehn Prozent. In Deutschland verläuft die öffentliche Diskussion über den Nutzen der Grünen Gentechnik sehr kontrovers. Grund genug für ein Team um den Göttinger Agrarökonom Professor Matin Qaim, die Effekte im Rahmen einer Meta-Analyse genauer zu untersuchen.

Professor Qaim, was ist eine Meta-Analyse und welche Themen haben Sie bearbeitet?

Eine Meta-Analyse wertet die Ergebnisse existierender Studien systematisch aus, um einen besseren Gesamtüberblick zu bekommen – in unserem Fall über die Auswirkungen von gv-Pflanzen auf Erträge, Pflanzenschutzmitteleinsatz und Gewinne für die Bauern. Alle existierenden Publikationen zum Thema weltweit zu identifizieren war eine Herausforderung. Am Ende konnten wir 147 Studien für die Analyse verwenden. Ziel war es, auf Basis der vielen Einzelstudien ein klareres Gesamtbild zu bekommen, in der Hoffnung, dass dies zu einer Versachlichung der emotionalen Diskussion beitragen kann.

Können Sie uns kurz Ihre Ergebnisse erläutern?

Bauern, die gentechnisch veränderte Pflanzen eingesetzt haben, konnten ihre Erträge um durchschnittlich 22 Prozent und die Gewinne um 68 Prozent steigern sowie den Pflanzenschutzmitteleinsatz um 37 Prozent verringern. Die Effekte waren bei insektenresistenten Nutzpflanzen größer als bei herbizidtoleranten. Wir haben zudem festgestellt, dass Bauern in Entwicklungsländern stärker von gv-Pflanzen profitieren als ihre Kollegen in den Industrieländern. Das führen wir auf die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen zurück. In tropischen Ländern sind die Ertragsrisiken durch Schaderreger größer als in der gemäßigten Zone.

Ihre Erkenntnisse widersprechen der Argumentation der Gentechnik-Gegner…

Ja, das stimmt. Immer wieder weisen die Gegner auf eine steigende Abhängigkeit der Bauern von den Saatgutfirmen und auf höhere Pflanzenschutzaufwendungen hin. Doch die Zahlen sprechen für sich. Nicht ohne Grund setzen beispielsweise indische Bauern zu 95 Prozent auf gentechnisch veränderte Baumwolle. In Südamerika beträgt der Anteil bei Soja sogar fast 100 Prozent. Die meisten gv-Pflanzen sind in Entwicklungsländern übrigens nicht patentiert, das Saatgut ist relativ erschwinglich geblieben. Insgesamt verwundert es daher nicht, dass viele lokale NGOs in diesen Ländern eine positivere Einstellung zur Gentechnik haben als bei uns.

Es ist nicht auszuschließen, dass einzelne Studienergebnisse durch die Auftraggeber beeinflusst werden. Haben Sie das berücksichtigt?

Unsere Meta-Analyse stützt sich zu 95 Prozent auf öffentlich geförderte Arbeiten, deren Ergebnisse deutlich streuten. Der Geldgeber für eine Studie war aber für uns kein Kriterium, eine Studie mit aufzunehmen oder nicht, solange ein wissenschaftlicher Mindeststandard erfüllt war. Vereinzelt sind auch Studien dabei, die von der Industrie oder von NGOs finanziert waren. Interessanterweise gibt es bei den Ergebnissen keine systematischen Unterschiede zwischen privat und öffentlich finanzierten Arbeiten. Ich möchte betonen, dass unsere eigenen Arbeiten zu diesem Thema ausschließlich aus öffentlichen Mitteln finanziert wurden.

Stehen den positiven Zahlen auch Risiken gegenüber?

Die Grüne Gentechnik kann einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Landwirtschaft leisten. In ihr steckt noch deutlich mehr Potenzial als Herbizidtoleranz und Insektenresistenz. Sie ist aber kein Allheilmittel. Wer gv-Pflanzen anbaut, muss genauso nach guter fachlicher Praxis arbeiten wie andere Landwirte auch. Wenn ein Bauer beispielsweise auf einem Feld viele Jahre nacheinander gv-Soja sät und immer das entsprechende Totalherbizid spritzt, braucht er sich über resistente Unkräuter nicht zu wundern. Dies ist bereits in einigen Anbauregionen geschehen. Ein anderer Bereich ist der Patentschutz für das Saatgut. Das geistige Eigentum der Züchter sollte natürlich geschützt werden. Aber wir müssen auch in Zukunft angepasste Lösungen finden, die vor allem armen Kleinbauern den Zugang ermöglichen. Die Züchter müssen ihre Gewinne nicht bei den Ärmsten der Armen machen.

Wie stehen die Chancen, dass Sie mit Ihrer Arbeit die Diskussion um die Gentechnik versachlichen?

Es ist schon zu hoffen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse die Diskussion längerfristig beherrschen. Wir wissen allerdings aus Erfahrung, dass sachliche Argumente häufig einen schweren Stand in emotional geführten Diskussionen haben, die von kritisch eingestellten NGOs bestimmt werden. Umso wichtiger ist eine faktenorientierte Beurteilung. Sonst führt der politische Druck der Gegner zu immer höheren Regulierungshürden und Entwicklungskosten, die sich nur noch die multinationalen Konzerne leisten können. Viele Chancen der Technologie blieben ungenutzt. Kleinere Unternehmen und Forschungseinrichtungen würden verschwinden und nur noch wenige große Unternehmen den Markt beherrschen.

Weitere Informationen zur Meta-Analyse finden Sie  >>> hier

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