Wenn das Getreide zu Boden geht

Qualität und Erträge sinken, Kosten steigen

Nach tagelangem Dauerregen oder heftigen Frühsommergewittern liegt das Getreide auf manchen Feldern flach auf dem Boden. Für den Laien mag das nur ein optischer Schönheitsfehler sein. Für die betroffenen Landwirte ist mit den Ähren aber auch die Stimmung am Boden. Die Folgen des sogenannten Lagers zehren zum Teil den gesamten Gewinn des Anbaus auf. Vorbeugende Maßnahmen sind also angesagt. Auf den Hormonhaushalt wirkende Wachstumsregler machen das Getreide standfest.

Getreide geht vor allem zu Boden, wenn es im Frühsommer stark regnet. Ähren, Blätter und Stängel werden immer schwerer und das Gewebe weicht auf. Wenn dazu der Boden völlig durchweicht ist und ein kräftiger Wind weht, gerät die Statik der Halme endgültig in Schieflage. In extremen Fällen liegen die Halme flach auf dem Boden, ganz so, als wäre eine Walze darüber gefahren.

Lagergetreide ist ein No-Go

Die Folgen sind viel weitreichender, als man im ersten Moment vermuten könnte. Weil Lagergetreide in Bodennähe oft feucht ist und nach Regenschauern schlechter abtrocknet, können die Körner bereits auf dem Halm in Keimstimmung kommen und anfangen zu wachsen. Damit sind die Qualitätskriterien für Backweizen, Backroggen oder Braugerste dahin. Die Anbauer können das Getreide oft nur noch als Futtergetreide zu einem deutlich geringeren Preis vermarkten. Neben der Qualität sinkt aber auch der Ertrag. Je nach Zeitpunkt und Stärke des Lagers um ein bis drei Tonnen pro Hektar. Besonders weil die Leitungsbahnen in der Pflanze unterbrochen werden. Bei einem Durchschnittsertrag von acht Tonnen für Weizen ist das ein mehr oder weniger großer Teil der Gewinnspanne.

Mähdrescher mögen stehendes Getreide

Doch damit nicht genug: Je dichter das Getreide am Boden liegt, desto schwieriger ist seine Ernte. Die Mähdrescher müssen langsamer fahren, brauchen mehr Diesel und verschleißen schneller. Weil die liegenden Ähren schlechter trocknen, werden sie oft feucht geerntet, was wiederum Trocknungskosten nach sich zieht. Die Halme, die vom Mähdrescher nicht erreicht werden, verursachen weitere Probleme. Sie können die nachfolgend eingesetzten Bodenbearbeitungsgeräte verstopfen. Kein Wunder also, dass Lagergetreide die Stimmung der Bauern erheblich drückt.

Höhere Gewalt oder selbstverschuldet?

Gewitter, Starkregen oder Sturm sind höhere Gewalt. Sie können jede Fläche treffen. Wenn sie besonders kräftig ausfallen, dann hat kein Getreidebestand eine Chance. Doch das ist eher die Ausnahme. Meistens kommt es nicht so schlimm. Das erkennt man daran, dass der ein oder andere Getreidebestand in die Knie geht, die Kultur auf dem Nachbar-Acker aber stehen bleibt. Landwirte haben also durchaus Möglichkeiten. Dazu zählen unter anderem sogenannte Wachstumsregler, die vorbeugend im April und Mai mit dem Pflanzenschutzgerät auf das wachsende Getreide gesprüht werden.

Wachstumsregler sind eine (Teilkasko)-Versicherung

Es stehen verschiedene Wirkstoffe zur Wahl. Mehrheitlich greifen sie in den Gibberellin-Haushalt der Pflanzen ein. Dieses Hormon steuert das Wachstum. So können die Landwirte die Pflanzen einkürzen und die Halme stabiler machen. Das Lagergetreide-Risiko wird geringer. Doch daraus zu folgern, dass viel auch viel hilft, wäre falsch. Stattdessen ist Fingerspitzengefühl gefragt. Zu hohe Aufwandmengen führen zu Ertragsverlusten. Agrarwissenschaftler führen das auf eine vorübergehende Störung des Wurzelwachstums zurück. Um die Aufwandmengen richtig zu bemessen, beachten die Anwender unter anderem Bodenart, Wasserversorgung, Pflanzenbestand, Sorte und Stickstoffversorgung. Höhere Gaben sind auf gut mit Wasser versorgten Böden möglich und bei sehr üppigen Beständen nötig.

Standfeste Sorten, gezielte Düngung

Doch die Wachstumsregler sind nicht die einzige Versicherungsmaßnahme. Jede Getreidesorte hat ihre speziellen Eigenschaften. So gibt es sehr standfeste Sorten, die sehr selten ins Lager gehen und auf gefährdeten Flächen die erste Wahl sind. Es gibt aber leider keine Eier legende Wollmilchsau, die alle gewünschten Eigenschaften wie Ertrag, Standfestigkeit, Qualität oder Gesundheit in sich vereint. Deswegen wählt der Anbauer die Sorte aus, die an seinem Standort am besten passt und die wenigsten Kompromisse erfordert. Eine wichtige Stellschraube ist auch die Stickstoffdüngung. Oft gehen auf den Feldern nur schmale Streifen ins Lager. Das können die Bereiche sein, wo durch eine fehlerhafte Handhabung des Düngerstreuers zu viel Stickstoff gefallen ist und für zu dichte Bestände gesorgt hat. Sehr üppige Bestände sind besonders anfällig, weil sich die Pflanzen im Kampf um das lebensnotwendige Licht gegenseitig nach oben treiben und dadurch instabil werden. Gefördert wird das durch zu hohe Aussaatmengen und milde Winter ohne Vegetationsruhe.