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Umwelt & Verbraucher
05.08.2010

Landwirtschaft und Biodiversität – Gegner oder Partner?

Das Buffet ist eröffnet: Störche hinter einem Schwadmäher. Offensichtlich schätzen die geflügelten Gäste den „Service“ des Landwirts Quelle: dpa

Eine Themenreihe zum Jahr der Biodiversität

Das Jahr 2010 ist das Internationale Jahr der Biodiversität, der Vielfalt der Arten und ihrer Lebensräume. Grund genug, den Blick auf eine spannungsreiche Beziehung zu richten: Biodiversität und Landwirtschaft. Sind sie Gegner oder Partner? Profil Online betrachtet in loser Folge, wo sich Landwirtschaft und Artenvielfalt berühren und worauf es ankommt, wenn Landwirtschaft und Biodiversität eine harmonische Beziehung eingehen sollen.

Zwei Behauptungen prägen die Diskussion:

„Immer mehr Arten sterben aus“ und „Intensive Landwirtschaft verhindert Biodiversität“. Ist das wirklich so? „Wenn ehrlich Bilanz gemacht würde, käme man für die Säugetier- und Vogelarten in den meisten Regionen Mitteleuropas zu dem Ergebnis, dass seit 1900 die Artenzahl zu- und nicht abgenommen hat“, schreibt Josef Helmut Reichholf, Professor an der Technischen Universität München, Vogelkundler und ehemaliges Präsidiumsmitglied des World WildLife Funds (WWF). Seit dem Ende der letzten mitteleuropäischen Eiszeiten vor 18 000 Jahren ist die Artenvielfalt förmlich explodiert: Der Geobotaniker Professor Rainer Lösch von der Universität Düsseldorf schätzt, dass allein die Zahl der Blütenpflanzen in Mitteleuropa von circa 100 auf aktuell rund 2 500 gestiegen ist. Vor 4 000 Jahren sind die Buchen nach Deutschland eingewandert. Überließe man hierzulande Äcker, Grünland und Siedlungsflächen der Natur, wären bald zwei Drittel Deutschlands von einem relativ artenarmen Buchenwald bedeckt.

Keine Entwicklung ohne Wandel

Warum ist dann immer wieder vom Artensterben die Rede? Die Negativbilanz entsteht, weil der Artenschutz „alteingesessenen“ Arten einen anderen Stellenwert zumisst als so genannten Neusiedlern. Neu zugewanderte Arten werden erst einmal nicht mitgezählt, sondern nur die Abgänge der bekannten heimischen Arten.

„Die Natur ist dynamisch, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht“, sagt Reichholf. Ein Gleichgewicht kennt der Naturhaushalt nicht. Die Artenzusammensetzung ändert sich permanent. Und dafür sind Mensch und Natur gleichermaßen verantwortlich. Die Ökologiebewegung versucht, Verhältnisse als ideal zu definieren, die zu einem früheren Zeitpunkt geherrscht haben und strebt danach, diesen Ideal-Zustand wieder herzustellen. Aber wann war dieser gegeben? Vor 50, vor 100 oder vor 200 Jahren? Wann waren Natur und Landwirtschaft „im Einklang“? Und wenn sich Zustand und Zeitpunkt definieren ließen, wären die Verhältnisse vergangener Tage dann wieder herstellbar? Wäre das überhaupt erstrebenswert? Wäre die Menschheit heute noch mit den bescheidenen Erträgen einer Landwirtschaft wie vor 50, 100 oder 200 Jahren zu ernähren? Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 40, 50 oder 60 Jahren und mit der harten Arbeit in einer Landwirtschaft – dem größten Arbeitgeber früherer Jahrhunderte – wie zu jener Zeit? Mit unsicheren Erträgen, oft einseitiger Ernährung „nach Saison“, mit Phasen des Hungers und mit den dadurch verursachten Mangelerscheinungen? Schafft vielleicht die Landwirtschaft unserer Tage bessere Möglichkeiten, die Ernährung zu sichern und Artenvielfalt zu fördern?

Die Geschichte der blauen Blume – wie aus Gegnern Partner werden

Die Kornblume ist mit dem Getreideanbau vor Jahrhunderten aus dem östlichen Mittelmeerraum eingewandert. Sie zählt zu den Altsiedlern oder Archeophyten. Noch vor 100 Jahren war sie ein gefürchtetes Ackerunkraut. Die Saatgutreinigung unserer Vorfahren war so wenig effizient, dass Samen der Kornblume immer wieder mit ausgesät wurden, zum Ärger der Bauern. Heute verbindet sich mit der hübschen Zugereisten das Bild einer schönen, blühenden Ackerflur. Darum wird sie mit Samenmischungen in so genannten Blühstreifen wieder ausgesät. Im Acker selbst hat es die Kornblume zwar schwerer, aber Landwirt und Verbraucher profitieren von höheren Erträgen als Effekt der verbesserten Saatreinigung:

Ein Weg zur Erhaltung der Artenvielfalt ist koordiniertes Biotopmanagement Auch die zweite Behauptung: „Intensive Landwirtschaft verhindert Biodiversität“ ist nur teilweise richtig: Auf intensiv kultivierten Flächen ist die Biodiversität niedriger als an naturbelassenen Standorten. Das ist auch gut so, denn Getreide, Mais oder Zuckerrüben brauchen Flächen, auf denen sie gesund heranwachsen, ohne mit Unkräutern um Wasser und Nährstoffe konkurrieren zu müssen, frei von Pilzkrankheiten und ohne von Insekten angefressen zu werden. Ließe man die Natur dort ungestört walten, wäre die Ernte gering und die Bilanz traurig: viel Saatgut, Treibstoff und Arbeit für dürftigen Ertrag.

Kulturpflanzen mit angemessenen Erträgen anzubauen und gleichzeitig Habitatvielfalt auf derselben Fläche zu pflegen, ist nicht möglich. Je höher aber der Ertrag der landwirtschaftlich genutzten Flächen, desto mehr Naturräume können frei bleiben: Wenn es gelingt, dort die Vielfalt der Arten und ihrer Lebensräume erfolgreich zu fördern, dann können Landwirtschaft und Biodiversität Partner werden. Die Beiträge zur Biodiversität zeigen Schritte auf dem Weg in diese Richtung.

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Maik Baumbach

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