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Schule & Wissen
03.02.2022

Winter- und Sommerweizen: Was ist der Unterschied?

Winterweizen ist von Sommerweizen in den gleichen Entwicklungsstadien nicht zu unterscheiden. Wenn man im Februar aber so weit entwickelte Pflanzen findet, handelt es sich um Winterweizen. Foto: Matthias Wiedenau

Kleiner Unterschied – weitreichende Folgen

„Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen Winter- und Sommerweizen?“ Die meisten Nicht-Landwirte haben mit dieser Frage ihre liebe Mühe. Die Bezeichnung der verschiedenen Weizensorten lässt mehrere Deutungen zu. Stehen sie für Saatzeitpunkt, Hauptwachstumszeit oder Erntetermin? Leider alles falsch. Ein Blick in die genetisch angelegten Eigenschaften bringt uns auf die richtige Spur.

Kältereiz beeinflusst Wachstum

Bei der Ernte im Hochsommer sind Winter- und Sommerweizen äußerlich identisch. Wer aber im März oder Anfang April einen Spaziergang durch die Feldflur macht, kann Winter- und Sommersorten eindeutig unterscheiden. Während die im Herbst ausgesäten Weizensorten schon einen dichten grünen Teppich gebildet haben, gucken gerade einmal die ersten Blätter des kurz zuvor gesäten Sommerweizens aus dem Boden heraus.

Der Grund für die verschiedenen Saattermine im Herbstbeziehungsweise im Frühjahr ist im Erbgut der verschiedenen Sorten zu suchen. Die Winterweizensorten benötigen zwischen dem Keimblatt- und dem Dreiblattstadium Kälte. Rund 40 bis 50 Tage bei Temperaturen zwischen 0 und 8 Grad Celsius sind erforderlich, damit die schosshemmenden Inhaltsstoffe in den Pflanzen abgebaut werden. Dieser Vorgang wird als Vernalisation bezeichnet. Diese Eigenschaft verhindert, dass sich früh gesäter Winterweizen schon im Herbst zu weit entwickelt. Stattdessen startet die Pflanze unter den im April einsetzenden Langtagbedingungen in die generative Phase. Dann erst „schossen“ die Halme, es wachsen Ähren, Blüten und Körner. Vereinfacht gesagt benötigt Winterweizen Winterkälte für die Ertragsbildung.

Sommergetreide möglichst früh aussäen

Sommerweizensorten brauchen diesen Kältereiz nicht. Sobald der Boden ausgangs des Winters ausreichend abgetrocknet und befahrbar ist, wird er ausgesät. Je früher, desto besser – dann kann die Vegetationsphase von Anfang an für das Wachstum genutzt werden. Das Getreide bildet dann ein leistungsfähigeres Wurzelnetz, kann das Bodenwasser besonders bei Frühsommertrockenheit besser erschließen und erzielt höhere Erträge als bei einer Saat im April.

Winter- und Sommersorten gibt es auch bei Gerste und Hafer. Grundsätzlich sind die Winterweizensorten bei den Landwirten beliebter. Sommerweizen bringt nämlich selbst bei guten Wachstumsbedingungen rund 20 Prozent weniger Ertrag. Deshalb verwundert es nicht, dass 2021 in Deutschland 2,84 Millionen Hektar Winterweizen, aber nur 27 500 Hektar Sommerweizen (Quelle: destatis) angebaut wurden.

Weniger ertragreich, ackerbaulich dennoch sinnvoll

Wann lohnt denn überhaupt der Anbau von Sommerweizen? Landwirte in Deutschland bevorzugen ihn, wenn die Vorkultur, wie zum Beispiel Zuckerrüben, zu spät im Herbst oder bei zu nassen Böden geerntet wurde, um im Anschluss noch Winterweizen einzusäen. Sommerweizen bringt im Vergleich zu Sommergerste oder Sommerhafer höhere Erträge. Er ist auch eine Alternative auf Standorten, wo ein hohes Aufkommen des Ungrases Ackerfuchsschwanz zu erwarten ist. Sommerweizen keimt nämlich schon bei deutlich geringeren Temperaturen als der gefürchtete Konkurrent um Wasser, Licht und Nährstoffe. Durch den Wachstumsvorsprung in der Entwicklung hält er das Ungras in Schach.

Weil Winterweizen im September und Oktober häufig noch in warmen Boden gesät wird, hat er oft keine Chance gegen den dann schnell keimenden Ackerfuchsschwanz. Erschwerend kommt hinzu, dass das Ungras vielfach schon resistent gegenüber den wenigen zugelassenen Pflanzenschutzmittel ist.

Sommerweizen wird gerne in die Lücken gesät, wo Winterweizen in kalten Wintern erfroren ist. Winterweizen verträgt nämlich nur Fröste bis zu minus 15 oder minus 20 Grad Celsius. In Senken, wo sich kalte Luft sammelt, oder an Stellen, wo der schützende Schnee weggeweht wurde, kommt es häufiger zur sogenannten Auswinterung. Wenn dort Sommerweizen nachgesät wird, kann das ganze Feld weiterhin einheitlich als Weizen gedüngt, vor Schaderregern geschützt und beerntet werden. Qualitativ wertet er übrigens den Winterweizen auf, weil seine Backeigenschaften besser sind.

Je kälter die Winter, desto mehr Sommerweizen

Wegen der begrenzten Winterhärte stoßen die ertragreicheren Winterweizensorten in nördlicheren und durch kontinentales Klima geprägten Ländern schnell an ihre biologischen Grenzen. In Russland mit seinen verschiedenen Klimazonen wurden 2020 16,5 Millionen Hektar Winterweizen und 12,2 Millionen Hektar Sommerweizen geerntet (Quelle: agrardialog.ru). Noch stärker kehrt sich das Verhältnis zwischen Winter- und Sommerweizen in Kanada gegenüber Deutschland um: 2018 wurden dort 1,06 Millionen Hektar Winter-, aber 7,38 Millionen Hektar Sommerweizen angebaut (Quelle: Proplanta).

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