Kautschukbaum: unverzichtbar für unsere Mobilität
Kautschukbäume produzieren über einen Zeitraum von rund 30 Jahren einen Milchsaft, der durch Anschneiden der Rinde gewonnen werden kann.
Kautschukbaum: unverzichtbar für unsere Mobilität
Weißer Latex wird durch Vulkanisation zu schwarzem Gummi
Der Kautschukbaum zählt zu den wichtigsten Nutzpflanzen, obwohl ihn viele gar nicht kennen. Naturkautschuk besticht nämlich durch seine physikalischen Eigenschaften. Rückprallelastizität, Zugfestigkeit und Abriebfestigkeit machen ihn in vielen Produkten unverzichtbar. So stecken in jedem Autoreifen rund 2 Kilogramm.
Wissenswertes
Der Kautschukbaum ist ein Beispiel von vielen, wie eine in Amerika heimische Pflanze nach Entdeckung des Kontinents weltweite Bedeutung erlangte. Bereits die indigenen Einwohner des Amazonasgebiets nutzten dessen Milchsaft, um damit Kleidung und Gefäße wasserdicht zu machen. Der als Latex bezeichnete Saft wird durch Anzapfen der Bäume gewonnen. Dafür schneidet man die Baumrinde ein und fängt die heraustropfende Flüssigkeit auf. Der Baum heißt in der Sprache der Ureinwohner folgerichtig „weinendes Holz“. Im Saft sind rund 33 Prozent Kautschuk enthalten.
Eine bahnbrechende Erfindung machte Kautschuk zu einem gefragten Rohstoff während der Industrialisierung Europas und Nordamerikas. 1839 gelang es Charles Goodyear, durch Schwefelzugabe aus weichem und plastischem Kautschuk formfesten und zugleich elastisch verformbaren Gummi zu machen. Die sogenannte Vulkanisation des Kautschuks führt außerdem zu höherer Reißfestigkeit, Dehnfähigkeit und besserer Beständigkeit gegenüber Alterung und Witterungseinflüssen. Gummi für Schuhe, Regenmäntel, Fahrrad- und später auch Auto- sowie Flugzeugreifen fand reißenden Absatz, sodass im brasilianischen und peruanischen Amazonasgebiet die Kautschukbaum-Plantagen rasant aus dem Boden schossen. Häufig begründeten Zwangsarbeiter den legendären Reichtum der Kautschukbarone und den Aufschwung von Städten wie Manaus. Das frühere Dorf entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum „Paris der Tropen“. Die Stadt im Urwald verfügte Ende des 19. Jahrhunderts über Kanalisation, Elektrizität, die erste Straßenbahn Brasiliens und ein prunkvolles Theater aus italienischem Carrara-Marmor.
Der Kautschukboom hielt bis Anfang des 20. Jahrhunderts an. Zuvor war es Schmugglern gelungen, Samen außer Landes zu schaffen. In südostasiatischen Ländern gab es nun die ersten Ernten. Der Verlust der Monopolstellung der Amazonasländer führte auch zum Niedergang von Manaus. Der Verfall wurde erst durch einen neuen Wirtschaftsboom Anfang der 1970er Jahre gestoppt.
Kautschuk wird aktuell zu 70 Prozent für Reifen und Luftschläuche verwendet. Ein beträchtlicher Teil dient außerdem der Herstellung von Dichtungen, Stoßdämpfern, Schwingungselementen, Handschuhen, Matratzen, Klebstoffen, Kondomen, Luftballons oder Radiergummis. In vielen Erzeugnissen steckt neben Naturkautschuk aus Latex synthetischer Kautschuk aus Erdöl. Synthetischer Kautschuk besitzt zwar nicht die überragende Zug- und Abriebfestigkeit. Aber er verbessert die Eigenschaften des Naturprodukts, in dem es ihm eine bessere UV- und Ozonbeständigkeit als auch eine höhere Öl- und Lösemittelresistenz verleiht.
Neben dem Kautschukbaum könnte der bei uns wachsende Russische Löwenzahn demnächst Latex liefern. Seit 2012 fördert das Bundeslandwirtschaftsministerium Züchtung, Anbau und Verarbeitung ertragreicher Sorten. Mit dem Projekt soll die Importabhängigkeit verringert und die nachhaltige Erzeugung gefördert werden.
Herkunft und Standort
Der Kautschukbaum (Hevea brasiliensis) stammt aus dem Amazonasbecken. Die Tropenpflanze benötigt eine mittlere Temperatur von 27 Grad Celsius, rund 2000 Millimeter Jahresniederschlag und einen gut durchlüfteten Boden. Heute wird er als Nutzpflanze in Ländern des sogenannten Kautschukgürtels angebaut, der geographisch zwischen dem 30. Breitengrad südlicher und nördlicher Breite liegt.
Anbau
Die Pflanze wird überwiegend in Plantagen kultiviert. Aus dem harten, hellen Holz („Rubberwood“) werden nach Ende der Latexgewinnung bevorzugt Decken- und Wandverkleidungen, Leisten, Möbelteile oder Spanplatten. Im Regenwald wachsen die Bäume gut 20 Meter hoch und erreichen einen Stammdurchmesser von 80 Zentimetern. Plantagenbäume werden aufgrund der begrenzten Nutzungsdauer nur etwa 35 Zentimeter dick.
Pflanzenschutz
Die südamerikanischen Kautschukbäume sind vor allem durch den Pilz Microcyclus ulei bedroht, der die Blattfallkrankheit verursacht. Diese Krankheit hat neben den südostasiatischen Anbietern zum Niedergang des Anbaus rund um den Amazonas beigetragen. Eine Ausbreitung auf südostasiatische und afrikanische Länder ist nach Einschätzung von Experten nur eine Frage der Zeit. Außerdem müssen die Anbauer weltweit vor allem auf Wurzelnekrosen und Bakterienfäulen achten.
Ernte und Verarbeitung
Im Alter von fünf bis sieben Jahren werden die jungen Bäume erstmalig angezapft. Mit einem Messer schneiden die Arbeiter die Rinde flach ein. Am tiefsten Verwundungspunkt bringen sie einen Becher an, in den der Milchsaft hineintropft. Die Schnitte müssen nach wenigen Tagen erneuert werden. Die Latexgewinnung erstreckt sich über ungefähr 30 Jahre.
Dem gesammelten Latex wird Essig- oder Ameisensäure zugesetzt. Der enthaltene Kautschuk koaguliert. Er lässt sich dann von den übrigen Inhaltsstoffen trennen, wird getrocknet und mittels Vulkanisation zu den verschiedenen Gummiarten weiterverarbeitet.
Zahlen
2024 wurden weltweit 14,6 Millionen Tonnen Naturkautschuk produziert, Tendenz steigend. Zum Vergleich: Synthetischer Kautschuk lag im gleichen Jahr bei 14,8 Millionen Tonnen (Zahlen: International Rubber Study Group). Die weltweit größten Produzenten 2024 waren Thailand mit 4,8, Indonesien mit 2,3 und die Elfenbeinküste mit 1,7 Millionen Tonnen. Brasilien rangiert auf Platz 12 mit 0,3 Millionen Tonnen (Zahlen: FAOSTAT). Auf 1 Hektar können 500 Bäume bis zu 2 Tonnen Kautschuk liefern. Im Verbundvorhaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums streben die Beteiligten einen Ertrag von 1 Tonne pro Hektar aus Löwenzahn an.