Klimawandelgehölze: Interview mit Baumschulgärtner Lars Kasper

Exoten und einheimische Arten sinnvoll kombinieren

Lars Kasper hat nach seiner Ausbildung zum Baumschulgärtner einige Jahre in der Containerpflanzen-Produktion gearbeitet, danach seinen Gärtnermeister gemacht und arbeitet seither als Berater für Garten- und Forstpflanzen. Seit 2012 betreibt er seine Baumschule für Klimawandelgehölze im baden-württembergischen Riedlingen. Das IVA-Magazin sprach mit ihm über Klimawandelgehölze, die mit Sachverstand ausgewählt eine wertvolle Bereicherung für unsere Gärten, Parks und Wälder darstellen.

Herr Kasper, warum brauchen wir Klimawandelgehölze?

Das Klima hat sich während der gesamten Erdgeschichte immer wieder von einer Eiszeit zu einer Warmzeit gewandelt. Das ist vollkommen normal. Auf den anderen Kontinenten konnten die verschiedenen Baumarten wandern, da die Gebirge diagonal zur Küste liegen. In Europa ist das anders. Hier liegen die Alpen quer und die Baumarten konnten nicht oder nur sehr schlecht wandern. Daher ist der europäische Kontinent im Vergleich zu Amerika und Asien auch viel artenärmer. Die Pflanzen, die ich in meinem Portfolio anbiete, waren zu 90 Prozent einmal hier heimisch. Da sie jedoch nicht wandern konnten, sind sie irgendwann ausgestorben.

Sterben auch heute noch Bäume aus?

Ja, im Moment sieht man das Baumsterben ganz drastisch, da sich das Klima aufgrund des Wandels durch den CO2- und Methan-Anstieg so schnell ändert wie noch nie. Die Esche stirbt aus, die Linde bekommt Probleme und auch die Fichte hält es bei der Trockenheit nicht mehr gut aus. Krankheiten wie das Eschentriebsterben, das Stigmata-Triebsterben bei der Linde oder die Rußrindenkrankheit beim Ahorn sind ganz typische Beispiele dafür. Zudem können sich auch Schädlinge bei uns breit machen, die es bis jetzt bei uns noch nicht gab. Dazu zählen Prozessionsspinner und Prachtkäfer.

Und mit welchen Gehölzen kann man dem Klimawandel entgegnen?

Ich beobachte seit langem Baumarten, die in Klimazonen mit hartem Frost, strenger Hitze und intensiver Trockenheit zurechtkommen. Die wichtigsten Regionen, aus denen ich das Saatgut besorge, sind der Kaukasus, die Mandschurei, Nordamerika, Sibirien, China, Japan und Südeuropa. Diese Baumarten, wie zum Beispiel der Schnurbaum, der Amberbaum und die Blasen-Esche, sind seit mehr als 150 Jahren in Südosteuropa als Straßenbaum erprobt. Dort sind Hitze und Trockenheit extremer als bei uns. Die Bäume halten das strenge Klima dort aus, ohne Schäden zu erleiden.

Also sollten wir diese Bäume auch in unseren Wäldern anpflanzen?

Ganz klar: ja. Sie sollen unsere „Brotbaumarten“ nicht verdrängen und diese komplett ersetzen, aber sie können ein gutes zweites Standbein im Forst werden. Es ist sehr wichtig, solche Baumarten langsam in Wäldern, Städten und Parks anzupflanzen. So erhöht sich die Artenvielfalt in Flora und Fauna und Krankheiten und Probleme würden seltener. Ein gutes Beispiel ist der Borkenkäfer: Er hätte in einem Mischwald wenig Chancen. Er konnte sich nur deshalb so stark ausbreiten, da er mit der Fichte einen ständigen Wirt gefunden hat.

Unsere einheimischen Bäume sind ganz klar wichtiger als die fremdländischen. Aber unsere Ökosysteme können gut durch die fremdländischen Bäume unterstützt werden. Alle heimischen Eichen und Buchen gedeihen sehr gut. Die Weißtanne und die Kiefer können sich ebenfalls sehr gut behaupten. Bei der gemeinen Esche, dem Berg-Ahorn und dem Spitz-Ahorn bin ich für die Zukunft eher skeptisch, das wird sich mit der Zeit zeigen. Ich sage immer, dass 95 Prozent einheimische Baumarten gepflanzt werden sollten. Die restlichen 5 Prozent können dann mit fremdländischen Baumarten bestückt werden. So stören wir das natürliche Gleichgewicht nicht, sondern unterstützen es.

Welche Gehölze kommen denn besonders gut mit langanhaltender Trockenheit zurecht?

Relativ hitzetolerant sind alle Magnolienarten, Eichen, Buchen, die Blumenesche, die Blasen-Esche, der Schnurbaum, die Scheinzypresse, der Lederhülsenbaum die Sicheltanne und die türkische Tanne. Gut zurecht kommen auch alternative Ulmenarten wie der Guttaperchabaum und die Zelkove oder die Sibirische Ulme. Es gibt aber noch viele weitere Baumarten, die sich potenziell eignen und derzeit als Klimawandelgehölze für Deutschland und Nordeuropa erprobt werden. Hier erwartet uns in Zukunft noch ein großer Schatz an neuen Pflanzen.

Es gibt kleinere Baumarten für den Garten oder für den Einsatz als Straßenbaum. Andere Baumarten, wie verschiedene Edelkastanien, Eichen mit essbaren Früchten, Nussbäume, der Lederhülsenbaum, Schwarzfichte und andere können auch in der Landwirtschaft als Landschaftselemente eingesetzt werden. Sie schützen Wiesen und Ackerflächen vor dem Austrocknen und vor Erosion, liefern essbare Früchte und wertvolles Schnittgrün.

Wie sieht es denn mit der Bienen- und Vogelfreundlichkeit der Exoten aus?

Diese steigt enorm, wenn man bei der Auswahl darauf achtet. Es gibt sogar regelrechte Bienenbäume. Hier muss man zwischen den Vogel- und Bienenbäumen für den Wald und für den Garten/Stadt unterscheiden.

Fangen wir mit den Bienen- und Vogelbäumen für die Stadt, den Garten oder in der Nähe der hauseigenen Imkerei an. Die wertvollsten Exoten für den Imker sind hier die Honig-Esche (Euodia hupehensis), der Götterbaum (Ailanthus altissima), die Blasen-Esche (Koelreuteria paniculata), die spätblühende Traubenkirsche (Prunus serotina) und der Judasbaum (Cercis siliquastrum). Diese wichtigen Bienenbäume liefern nicht nur wertvollen Nektar und Pollen, sondern durch deren wertvolle Saat leckere Früchte für die Vögel.

Die Früchte der späten Traubenkirsche können als Marmelade, Gelee, Saft oder Likör verwendet werden. Die Blätter des Götterbaums werden in Asien sogar gegessen und wie Kohl gekocht. Der Nutzen hierbei ist endlos. Diese aufgeführten Bäume sollten allerdings nicht in den Wald gepflanzt werden. Der Ausbreitungsdrang ist durch die Wurzelbrut zu groß. Im Garten oder in der Stadt werden sie in Zukunft unersetzlich sein. Sie kommen alle mit den kargsten Böden zurecht.

Kommen wir zu den Bienen- und Vogelbäumen für den Wald. Diese Bäume können perfekt in jeden Bestand eingemischt werden. Hierbei zählen alle Ahorn-Arten zu den besonders wichtigen Frühtrachten für die Bienen. Der Silber-Ahorn (Acer saccharinum), Zucker-Ahorn (Acer saccharum), Rot-Ahorn (Acer rubrum) und der Französische Ahorn (Acer monspessulanum) blühen alle zeitlich leicht versetzt. Aus Zucker-, Silber-, und Rot-Ahorn kann spielend leicht der begehrte Ahornsirup für die heimische Produktion gewonnen werden. Sie enthalten weit mehr Zucker als die heimischen Ahorn-Arten. Durch die versetzten Blütezeiten der verschiedenen Ahorn-Arten erhalten seltene Wildbienen und Hummeln bereits im Februar bis zum April zur einsetzenden Obstbaumblüte ein reiches Nahrungsangebot.

Der Gelbholzbaum (Cladrastis lutea) kann am Waldrand eingesetzt werden und bietet ebenfalls eine große Fülle an duftendem Nektar. Sein Holz ist glänzend gelb und ist bei Kunsttischlereien sehr beliebt. Der Tulpenbaum (Liriodendron tulipifera) ist die Urform der Magnolien und viele tausend Jahre alt. Sein Holz ist extrem wertvoll und wird in den USA als Yellow Polar zu Spitzenpreisen verkauft. Der Tupelobaum (Nyssa sylvatica) bietet mehr Nektar als jeder heimische Baum. Er wächst in den Sümpfen der USA. Der Honig ist so gehaltvoll und exzellent im Geschmack, dass es in den USA eigens Sumpfimker gibt, die den Honig per Ruderboten einholen. Früher wurden ganze Bienenstöcke in den hohlen Ästen des Tupelobaums transportiert. Der Tupelobaum verträgt dabei nicht nur strenge Hitze, sondern auch langzeitige Überschwemmungen.

Der Geweihbaum (Gymnocladus dioicus) ist ebenfalls ein Hitzekünstler und mit der Robinie verwandt. Seine Blüten sind ebenso gehaltvoll wie die der Robinie. Er bildet jedoch keinerlei Wurzelbrut und vermehrt sich nicht ungewollt im Wald. Ein riesiger Vorteil zur Robinie. Er bildet später lange Schoten mit einem süßen Fruchtmark, welche bei Vögeln und Nagetieren aller Art sehr beliebt sind. Die Blumen-Esche (Fraxinus ornus) ist nahezu resistent gegen das Eschentriebsterben. Bisher wurden noch fast keine Bestände befallen. Sie hält extreme Hitze und Trockenheit aus. Als einzige Eschenart bildet sie Blüten aus, welche von Insekten bestäubt werden, ein weiterer, riesiger Vorteil zur heimischen Esche. Der Amurkorkbaum ist nicht nur hitzebeständig, sondern auch unglaublich frosthart. Er wird in ganz Russland in der Holzproduktion eingesetzt. Das Holz ist extrem biegsam und kann auch als Eschenersetz verwendet werden. Er zählt in Asien und in Russland zu den wichtigsten Imkerbäumen. Zudem bildet er Korkplatten, welche ganz einfach abgelöst werden können. Diese Platten sind wertvoll für die Korkproduktion.

Der Lederhülsenbaum (Gleditsia triacanthos) ist ebenfalls mit der Robinie verwandt und bildet auch keine Wurzelbrut aus. Er vermehrt sich also auch nicht unkontrolliert im Wald. In Österreich wird er in fast allen Wäldern eingesetzt. Er bildet eine wichtige Frühsommertracht für die Bienen. Zudem bildet er Stacheln an Stamm und Rinde. Dank dieser dichten Stachelbüschel kommen keine Nesträuber in den Baum, um Nester zu plündern. Die Lederschoten, welche genießbare Kapseln enthalten, hängen bis zu 30 Zentimeter lang vom Baum. Das innere Fruchtmark ist genießbar und schmeckt lecker. Zudem können die Samen als Kaffeesatz verwendet werden. In den USA werden die Samen auch oft wie Linsen gekocht. Der Schurbaum (Sophora japonica) stammt aus Japan. Er ist dort der wichtigste Bienenbaum. Er wächst sehr schnell und kommt mit allen Böden zurecht. Der letzte Hitzesommer hat dem Baum sogar sehr geholfen. In den Städten wuchs er trotzdem super gesund und schnell und bildete zahlreiche weiße Blütendolden aus. Die Bienen lieben diesen Baum, da die Blüten eine Menge wertvollen Nektar enthalten. Das Holz ist für den Innenausbau und für Bodenbeläge sehr beliebt. Aber auch Messergriffe und Kunsttischlereien werden aus dem bildschön gemaserten Holz gefertigt.

Diese Liste könnte noch unendlich weitergehen. Es gibt sogar großsämige Kiefernarten, die noch größer werden als die uns bekannten Pinienkerne. Für Vögel und Nagetiere ein unglaublicher Leckerbissen. Aber auch für uns Menschen. In Zukunft können wir uns in Mittel- und Nordeuropa unsere eigenen Pinienkerne kultivieren. Hier zählen zum Beispiel die Tränen-Kiefer, die Davids-Kiefer und die Sibirische Kiefer dazu. Es bleibt interessant und man erkennt, wie gut und reichhaltig wir unsere Natur mit der Einmischung von Exoten unterstützen können.

Und wie sieht es für die Zukunft aus?

Wir müssen uns alle Gedanken um die Zukunft machen. Das Wachstum von Bäumen ist ein Langzeitprozess über Generationen. Häufigere Hitzesommer bedeuten ganz einfach eine starke Veränderung für unser gesamtes Ökosystem. Da gibt es nichts zu beschönigen. Wir müssen uns darauf einstellen. Und deshalb habe ich mit diesem Projekt angefangen. Aber es fruchtet bereits. Ich habe in Österreich und im Allgäu einen Klimawald angelegt. Hier gedeihen die Pflanzen prächtig. Auch in den kleinen Versuchspflanzungen in den Wäldern oder den landwirtschaftlichen Flächen gedeihen diese perfekt ohne Ausfälle.

Herr Kasper, vielen Dank für das Gespräch!