Saatgutwechsel in der Jungsteinzeit
Verkohlte Emmerkörner aus einem Vorratsfund einer linearbandkeramischen Siedlung bei Werl, Nordrhein-Westfalen.
Schon Steinzeitbauern nutzten verschiedene Getreidearten
Schon vor 7000 Jahren haben die Bauern im heutigen Rheinland und in Hessen den Getreideanbau diversifiziert, indem sie unterschiedliche Getreidearten anbauten. Früher als bisher angenommen sorgten landwirtschaftliche Innovationen dafür, dass die Lebensmittelversorgung widerstandsfähiger und flexibler wurde.
Das bewies ein interdisziplinäres Projekt der Frankfurter Goethe-Universität und der Universität zu Köln: „Diversifizierung und Wandel. Untersuchungen zu Besiedlung und Landwirtschaftspraktiken im 5. Jt. v. Chr. im zentralen Mitteleuropa“. An dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt waren Wissenschaftler aus den Fachgebieten prähistorische Archäologie, Archäobotanik, Vegetationsgeschichte, Archäozoologie und Dendroarchäologie beteiligt. Das Forschungsteam fand heraus, dass bäuerliche Gesellschaften bereits vor knapp 7000 Jahren begannen, neue Getreidesorten in ihr Kulturpflanzenspektrum zu integrieren. Die Ergebnisse der Studie wurden im Journal of Archaeological Science veröffentlicht.
Forschung an verkohlten Samenresten
Bekannt war bereits, dass die ersten Bauern in Mitteleuropa der sogenannten Linearbandkeramischen Kultur angehörten und den Kontinent zwischen etwa 5400 und 5000/4900 v. Chr. bevölkerten. Sie kultivierten fast ausschließlich die Urweizenarten Emmer und Einkorn, beides Spelzgetreide, die vor der Weiterverarbeitung entspelzt werden mussten. Ebenfalls bekannt war, dass neue Getreidesorten, bei denen das Entspelzen entfällt – etwa Nacktweizen und Gerste – während des sogenannten Mittelneolithikums (circa 4900 bis circa 4500 v. Chr.) eingeführt wurden. Um dies genauer zu untersuchen, hat das Forschungsteam archäobotanische Makroreste aus 72 neolithischen Fundstätten im Rheinland gesammelt und ausgewertet. Die Proben bestehen aus verkohlten Resten von Sämereien und datieren aus der Zeit vom späten 6. bis zum frühen 4. Jahrtausend v. Chr. Sie wurden aus Siedlungsgruben der jungsteinzeitlichen Bauern geborgen.
Die Wissenschaftler fanden signifikante Unterschiede zwischen den neolithischen Phasen. Überraschenderweise ergab die Studie, dass die für das Mittelneolithikum charakteristischen landwirtschaftlichen Veränderungen bereits zu Beginn dieser Periode erkennbar waren. „Die Integration neuer Getreidearten machte die Landwirtschaft resilienter und flexibler. Sie ermöglichte nicht nur den Anbau von Winter-, sondern auch von Sommerkulturen und die potenzielle Nutzung einer größeren Vielfalt von Böden sowie eine mögliche Verringerung des Arbeitsaufwands“, sagt Professor Silviane Scharl vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität zu Köln. Eine Diversitätsanalyse zeigte, dass die steinzeitlichen Bauern die größte Diversität im Anbauspektrum um 4350 v. Chr. erreichten. Danach geht sie wieder deutlich zurück, was auf eine erneute Transformation des Agrarsystems hindeutet, die Gegenstand weiterer Forschung ist. Einige Anzeichen deuten darauf hin, dass in der Folgezeit die Viehwirtschaft, vor allem die Rinderhaltung, zugenommen hat.
Anbau nach Standort- und Umweltbedingungen
Die Studie verdeutlicht, dass jungsteinzeitliche Bauern landwirtschaftliche Techniken und Praktiken entwickelt hatten, mit denen sie sehr flexibel auf regionale und sich wandelnde Umweltbedingungen reagieren konnten. Und dass sie sehr gut über die Umweltbedingungen in ihrer Region Bescheid wussten und ihre Strategien zur Nahrungsmittelproduktion entsprechend angepasst haben. Auch die noch an der Uni Frankfurt laufenden Untersuchungen zu Landschaftsveränderungen belegen, dass die Menschen das Land um ihre Siedlungen strategisch nutzten und je nach verfügbaren Ressourcen unterschiedliche Wege in der Viehzucht fanden, um ihre Tiere zu ernähren.
Quelle: idw-online