<p>Der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln wird kontrovers diskutiert. Ein Positionspapier des DLG-Ausschusses Pflanzenschutz soll die Diskussion versachlichen.</p>
© Matthias Wiedenau
11.09.2026
Nutzen verus Risiko: Pflanzenschutz im Experten-Check

Ziel ist die Erzeugung gesunder und qualitativ hochwertiger Lebensmittel in ausreichenden Mengen

Die Mehrzahl der Landwirte schützen ihre Kulturen mit chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln. Das verursacht bei vielen Menschen oft Unbehagen oder sogar Ablehnung. Der Ausschuss für Pflanzenschutz der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) um Professorin Dr. Verena Haberlah-Korr von der FH Südwestfalen hat Nutzen und Risiken beurteilt. Das IVA-Magazin sprach mit ihr.

Frau Dr. Haberlah-Korr, Sie sind Vorsitzende des DLG-Ausschusses für Pflanzenschutz. Zusammen mit Fachleuten aus Wissenschaft, Beratung, Behörden, Industrie und Landwirtschaft haben Sie ein Positionspapier zum modernen Pflanzenschutz veröffentlicht. Welche Motivation steckt dahinter?

Der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln wird von den unterschiedlichen Interessensgruppen kontrovers diskutiert. Wir erörtern im Positionspapier die Grundlagen für einen nachhaltigen und zukunftsfähigen Pflanzenschutz. Neue Entwicklungen werden kritisch beobachtet und bewertet. Im Endeffekt wollen wir die Diskussion versachlichen.

Was ist Ihre wesentliche Erkenntnis?

Wir brauchen modernen Pflanzenschutz. Kulturpflanzen werden von zahlreichen Schaderregern befallen und konkurrieren mit Unkräutern um Standraum. Um die dadurch verursachten Schäden einzudämmen, ist es unerlässlich, die Kulturen zu schützen. Wurmstichige Äpfel, von Läusen befallener Salat und schimmeliges Gemüse möchte verständlicherweise niemand auf dem Teller haben. Darum brauchen wir einen Werkzeugkasten mit einem breiten Spektrum an Instrumenten, zu dem auch eine ausreichende Vielfalt an modernen Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffen gehört.

Geht es Ihnen auch um hohe Erträge?

Ja, aber nicht nur. Effektive Pflanzenschutzstrategien sorgen dafür, dass ausreichend Lebensmittel erzeugt werden und die Rentabilität der landwirtschaftlichen Betriebe gesichert wird. Sie sind aber ebenso entscheidend, um die Kontamination von Nahrungs- und Futtermitteln zum Beispiel mit gesundheitsgefährdenden Giftstoffen aus Schimmelpilzen zu vermeiden. Damit tragen sie wesentlich dazu bei, gesunde, qualitativ hochwertige und sichere Nahrungsmittel zu erzeugen.

Verbraucher sind vor allem besorgt über mögliche Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Lebens- und Futtermitteln sowie im Trinkwasser. Wie ist hier die Faktenlage?

In Deutschland überwachen und bewerten unter anderem das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) die gesundheitliche Qualität von Lebensmitteln. Mit sehr feinen Messgeräten können sie selbst winzige Kontaminationen aufspüren. Diese liegen aber nur sehr selten über der für jeden Wirkstoff und jedes Lebensmittel individuell festgelegten Rückstandshöchstgrenze, die als Maß für die potenzielle Gesundheitsgefährdung steht. Und das Umweltbundesamt (UBA) meldet, dass auch die Trinkwasserqualität in Deutschland in den meisten Fällen „sehr gut“ ist.

Der Rückgang der Biodiversität wird von Teilen der Öffentlichkeit mit dem Pflanzenschutzmittel-Einsatz in Verbindung gebracht. Wie sieht Ihre Beurteilung dazu aus?

In die Veränderung des Artenspektrums fließen zahlreiche Faktoren ein, etwa die veränderte landwirtschaftliche Produktionsweise mit größeren Flächen und abnehmender Weidetierhaltung oder die zunehmende Versiegelung der Böden durch Häuser- und Straßenbau. Nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen spielt der Pflanzenschutz ebenfalls eine Rolle, ist aber aufgrund der Komplexität des Systems schwierig zu bemessen.

Die Politik übt Druck aus, chemischen Pflanzenschutz noch sicherer zu machen. Im Rahmen der „Farm to Fork“-Strategie der EU sollen bis 2030 die Einsatzmengen um die Hälfte sinken. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Es ist gut, darüber nachzudenken, wie Aufwandmengen und Risiken von Pflanzenschutzmitteln verringert werden können. Dies aber pauschal an der eingesetzten Menge oder Zahl der Mittel festzumachen oder ganz auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz zu verzichten, finde ich nicht sinnvoll. Das Auftreten von Schaderregern und damit die Notwendigkeit von Pflanzenschutz hängt sehr stark von der Witterung ab – mehr Pilzkrankheiten in feuchten Jahren, meist mehr Schadinsekten in trockenen. Dafür braucht man eine Vielfalt an Wirkstoffgruppen. Gehen weitere Wirkstoffe verloren, besteht die Gefahr, dass zum Beispiel die krankheits- und schädlingsanfälligen Kulturpflanzen Kartoffel, Wein, Hopfen, Zuckerrübe, Raps oder Erdbeere von unseren Äckern verschwinden und aus dem oft nichteuropäischen Ausland zugekauft werden müssten. Dort gelten im Gegensatz zu uns weit weniger strenge Zulassungsvorgaben für Pflanzenschutzmittel.

Sie plädieren im Positionspapier für modernen Pflanzenschutz. Was kann man sich darunter vorstellen?

Mittlerweile stehen viele Maßnahmen zur Auswahl, um den Bedarf an Pflanzenschutzmitteln zu verringern. Das reicht von schnelleren Züchtungsverfahren für krankheitsresistentere Sorten über hochentwickelte Hacktechnik und dem KI-unterstützten punktgenaue Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis hin zu mehr Forschung zu biologischen Wirkstoffen. Der chemische Pflanzenschutz sollte immer die letzte Option sein. Aber wir brauchen diese Option auch in Zukunft, selbst wenn in der Vergangenheit hier zweifelsfrei Fehler begangen wurden. Lange stand der Einsatz chemisch-synthetischer Mittel im Fokus, ohne dass deren langfristige Auswirkungen immer vollständig berücksichtigt wurden. Heute sind Pflanzenschutzmittel effizienter und weisen geringere unerwünschte Nebenwirkungen auf als frühere Generationen von Wirkstoffen.

Abschließend lässt sich sagen, dass Pflanzenschutz sehr wohl Risiken mit sich bringt. Das ist bei falsch angewendeten Medikamenten in der Human- oder Tiermedizin nicht anders. Bei einer verantwortungsvollen Anwendung überwiegt der Nutzen für die Erzeugung unserer Lebensmittel meiner Meinung nach jedoch deutlich.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Haberlah-Korr.

 

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