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Forschung & Technik
08.12.2010

Sind Sekundärschädlinge vermeidbar?

Dr. Stefan Rauschen, Institut für Biologie III der RWTH Aachen - Foto: RWTH Aachen

Neue Schädlinge im Pflanzenbau können unterschiedliche Ursachen haben. Der integrierte Pflanzenbau beugt vor.

So genannte Sekundärschädlinge machen beim Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen von sich reden: Wissenschaftler haben beobachtet, dass sich beim Anbau von Bt-Mais, der die Pflanze vor den Larven des Maiszünslers schützt, der Western Bean Cutworm in den USA stark vermehrt hat. In China hat der Anbau von Bt-Baumwolle, die gegen die Larven der Baumwolleule resistent ist, zu einer starken Vermehrung von Weichwanzen geführt. Profil Online hat bei Dr. Stefan Rauschen vom Institut für Biologie III der RWTH Aachen nachgefragt, wie es zu einer Vermehrung von Sekundärschädlingen kommt und wie Landwirte vorbeugen können. Hier zeigt der integrierte Pflanzenschutz, wie er von deutschen Landwirten praktiziert wird, seine Vorteile.

Über Sekundärschädlinge wird in letzter Zeit oft im Zusammenhang mit gentechnisch veränderten Pflanzen berichtet. Ist das Auftreten von Sekundärschädlingen ein neues Problem, das mit der Verbreitung gentechnisch veränderter Pflanzen zusammenhängt?

Aus meiner Sicht ist diese Betrachtung zu einseitig. Das Auftreten von Sekundärschädlingen kann ganz unterschiedliche Ursachen haben: Das können klimatische Veränderungen sein, Veränderungen der Anbaumethoden, Resistenzen von Nutzpflanzen gegenüber bestimmten Schädlingen, wie es bei Bt-Mais und Bt-Baumwolle der Fall ist, oder Pflanzenschutzmaßnahmen, die bestimmte Schädlinge zurückdrängen. Sekundärschädlinge sind ja nichts anderes als Insekten, die bislang nicht als Schädlinge in Erscheinung traten, und deren Bekämpfung ab einem gewissen Zeitpunkt notwendig wird, weil sie sonst nennenswerte wirtschaftliche Schäden verursachen. 

Sind Sekundärschädlinge folglich Ihrer Meinung nach unvermeidbar?

Unter bestimmten Voraussetzungen schon. In jedem Ökosystem findet ein freies Spiel der Kräfte aller vorhandenen Arten statt. Das bedeutet, dass sich je nach Gegebenheiten die eine oder andere Art stärker vermehren kann – insbesondere dann, wenn sehr selektiv eine Art bekämpft und dadurch ein Konkurrent indirekt gefördert wird. 

Die selektive Bekämpfung von Schädlingen ist ja gerade das Ziel des modernen Pflanzenschutzes… 

Richtig. Früher wurden bei uns nahezu ausschließlich Pflanzenschutzmittel eingesetzt, die für viele Insektenarten giftig waren. Solche Mittel werden heute noch in Schwellenländern, wie zum Beispiel in Indien und China, und in Entwicklungsländern eingesetzt. Auch im ökologischen Landbau werden Mittel eingesetzt, die sehr unspezifisch bekämpfend wirken, wie zum Beispiel Kupfer- oder Schwefelpräparate. Der große Vorteil der modernen chemischen Wirkstoffe, die im integrierten Pflanzenschutz eingesetzt werden, ist, dass sie relativ selektiv wirken. Das heißt, dass sie gezielt Schädlinge bekämpfen und Nützlinge schonen… 

….und damit dazu beitragen, dass sich andere Insekten so stark vermehren, dass sie zu Schädlingen werden können.

Das ist in der Tat möglich. Allerdings heißt das nicht, dass es zur selektiven Bekämpfung eine sinnvolle Alternative gibt: Selektiver Pflanzenschutz ist notwendig, damit die Eingriffe in das natürliche Gefüge möglichst gering bleiben und damit die Artenvielfalt der Insekten erhalten bleibt. Die Weiterentwicklung eines umweltverträglichen Pflanzenschutzes halte ich für unverzichtbar, weil Schädlinge Resistenzen entwickeln oder sich durch das Zurückdrängen bestimmter Insekten neue Arten besser entwickeln können.

Dass es in Indien und in den USA zur Massenvermehrung neuer Schädlinge gekommen ist, liegt auch daran, dass durch den Anbau der gentechnisch veränderten Pflanzen deutlich weniger unspezifisch wirkende Insektizide gespritzt wurden. Dadurch wurde die Umwelt geschont. Dass sich die Insektenpopulation dadurch aber auch verändert, war zu erwarten. 

Wie kann der Entwicklung von Sekundärschädlingen aus Ihrer Sicht vorgebeugt werden?

Meiner Meinung nach ist der integrierte Pflanzenbau vorbildlich. Das ist auch der Grund, weshalb es bei uns solch ein massives Auftreten von Sekundärschädlingen wie in China nicht gibt. Bei uns beobachten die Pflanzenschutzdienste kontinuierlich die Entwicklung bestimmter Insekten und Krankheitserreger, wie zum Beispiel Erreger bedeutender pilzlicher Pflanzenkrankheiten. Wenn bestimmte Schadschwellen überschritten werden, empfehlen die Dienste den Landwirten geeignete Maßnahmen. So kommt es normalerweise erst gar nicht zu einer Massenvermehrung.

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