Wildes Wetter - weniger Wein

Kälte, Regen und ein goldener Oktober ließen die Weinernte 2010 kleiner ausfallen

Deutscher Wein wird knapp und teuer, lautet die eine Botschaft. Die Qualität des Jahrgangs 2010 ist hervorragend, lautet die andere. Nach Schätzungen des Deutschen Weininstituts (DWI) haben die deutschen Winzer nur etwa sieben Millionen Hektoliter geerntet, ein Viertel weniger als 2009. Ursache war das verrückte Wetter: ein langer, kalter Winter und viel Regen zur Weinblüte. Wenig Sonne bis in den September ließ die Fruchtsäurewerte steigen. Monika Reule, Geschäftsführerin des DWI, rechnet dennoch mit guten Qualitäten.

„Insgesamt schätzen wir den Jahrgang 2010 gut ein“, sagt Monika Reule, „Ein Viertel der Gesamternte dürfte Prädikatsweinniveau erreichen.“ Dies gelte insbesondere für die später reifenden Rebsorten wie Riesling, Silvaner oder Burgunder. Regional fielen die Leseergebnisse sehr unterschiedlich aus: Während im Weinland an der Elbe in Sachsen sogar mehr Trauben als im Vorjahr geerntet wurden, mussten Winzer im Rheingau und in der Pfalz Einbußen um 30 Prozent hinnehmen. In den großen Weinbauregionen Rheinhessen, Pfalz, Baden, Württemberg, Franken und Mosel wurde durchweg weniger geerntet als im Durchschnitt der Vorjahre. 

Später Start und verregnete Blüte

Kälte und Regen dominierten die erste Jahreshälfte. Der lange Winter und niedrige Temperaturen bis in den April verzögerten den Vegetationsbeginn und den Austrieb der Reben. Ende Mai und Anfang Juni störte das schlechte Wetter die empfindliche Phase der Rebblüte : Bei Kälte und Regen werden deutlich weniger Blüten befruchtet als an warmen, trockenen Tagen. Aus diesem Grund entwickelten sich weniger Beeren an den Trauben als in normalen Jahren – Experten sprechen von einem geringen Fruchtansatz. Überdies zerschlug der Hagel in der Pfalz noch einen Teil der Trauben. 

Frühen Sorten fehlte Sonne

Im August regnete es überall reichlich. Prinzipiell muss das kein Nachteil sein: Trauben, die in dieser Phase gut mit Nährstoffen versorgt sind, entwickeln sich besser und enthalten viele Aromastoffe. Frühen Sorten fehlte jedoch dieses Jahr oft die Sonne. Die Folge: hohe Fruchtsäuregehalte im Most. Nach Einschätzung von Ökonomierat Adolf Schmitt, Vorsitzender des Verbandes Moselwein e.V., muss das kein Problem sein: „Während südeuropäische Produzenten ihren Weinen im Keller Säure zusetzen müssen, verfügen unsere Weine über eine natürliche im Weinberg entstandene Fruchtsäure.“ Hohe Säurewerte können durch biologische Prozesse im Fass oder durch die so genannte Kellertechnik beim Ausbau der Weine abgebaut werden. Insbesondere die späten Traubensorten profitierten vom goldenen Oktober. Sie speicherten mit jedem Sonnenstrahl mehr Süße. 

Moselweine mit hohen Oechslegraden

Sonne und milde Temperaturen im Oktober sowie eine lange Weinlese stimmen die Winzer an der Mosel optimistisch. „Unsere Erwartungen an die Qualität wurden weit übertroffen“, sagt Adolf Schmitt. Die Moselwinzer rechnen mit sehr fruchtigen Weinen mit erfrischender Fruchtsäure. Den hohen Anteil an Beeren- und Trockenbeerenauslesen des Jahrgangs 2010 erklären Winzer mit der „saubersten und klarsten Botrytis seit Jahrzehnten“. Beeren, die mit der Edelfäule Botrytis befallen waren schrumpften durch Sonne und Wind zu Rosinen. Mit den Beeren schrumpfte die Erntemenge. Gestiegen sind dagegen die Mostgewichte. 120 Grad und mehr bei gleichzeitig hoher Fruchtsäure verleihen dem edelsüßen 2010er Riesling einen Eiswein-Charakter. 

Klasse statt Masse – auch im Rheingau

Kleine Ernte, gute Qualität: Das ist auch das Fazit der Winzer im Rheingau. Sie erwarten Spitzenweine – trotz der Wetterkapriolen. Probleme bereiteten hier und dort Fäulnispilze in verregneten Lagen. Sie zwangen die Winzer, die Trauben früh zu ernten. Gesundes Lesegut blieb auch im Rheingau länger am Stock und sammelte in den letzten Sonnentagen noch wertvolle Oechsle. Weinkenner können sich auf einen kleinen aber feinen Jahrgang 2010 einstellen. Und auf höhere Preise für den edlen Rebensaft.

Prognostizierte Weinmosterntemengen in den deutschen Anbaugebieten 2010 

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