"Pflanzen könnten ihr Ertragspotenzial besser ausschöpfen"

Zukünftig weiterhin Züchtungsfortschritte, aber stagnierende Erträge

In den letzten Jahrzehnten ist der Weizenertrag auf deutschen Äckern jedes Jahr im Durchschnitt um 90 Kilogramm pro Hektar gestiegen. Auch weltweit können deswegen von einer begrenzten Fläche mehr Menschen satt werden. Das ist unter anderem ein Verdienst der Pflanzenzüchter und des immer ausgefeilteren Anbaus. Das IVA-Magazin sprach mit Gerhard Müller von der Secobra Saatzucht GmbH, für den zumindest in Deutschland ein Ende dieser Entwicklung nicht in Sicht ist.

Herr Müller, Sie beschäftigen sich schon ihr ganzes Berufsleben mit Getreide. Kennt die Ertragskurve nur eine Richtung, nämlich aufwärts?

Im Durchschnitt der letzten Jahrzehnte war das so. Beim Winterweizen stiegen die Erträge in Deutschland von 1950 bis heute von 3 auf 8 Tonnen pro Hektar und Jahr. Über viele Jahre waren es jedes Jahr 90 Kilogramm mehr. Bei Wintergerste ist es etwas weniger, hier stieg der Ertrag von 3 auf 7 Tonnen. In letzter Zeit stagnieren die Zuwächse aber. Weiter aufwärts geht es in anderen Kulturen. Bei Zuckerrüben zum Beispiel wuchs der Zuckerertrag allein in den letzten 20 Jahren von 8 von 12 Tonnen.

Welche Ursachen hat das enorme Ertragswachstum?

Von den 90 Kilogramm Ertragszuwachs beim Winterweizen gehen 32 Kilogramm nach den Erkenntnissen von uns Pflanzenzüchtern auf das Konto verbesserter Sorten. Das genetisch veranlagte Ertragspotenzial wird nach wie vor immer größer. Gleichzeitig verbesserte sich der Anbau. Die aktuelle Technik für Saat und Ernte sorgt für eine bessere Pflanzenentwicklung und geringere Ernteverluste. Große Fortschritte brachten auch die Beseitigung der Unkrautkonkurrenz, die Pilzbekämpfung oder die höhere Standfestigkeit der Halme. Darüber hinaus hat die bedarfsgerechte Ernährung der Pflanzen eine große Bedeutung für die Erträge.

Wieso kommt es beim Getreide denn jetzt zu einer Stagnation?

In den letzten Jahren sank der jährliche Ertragszuwachs bei Winterweizen auf unter 20 Kilogramm ab. Während züchterisch weiter Fortschritte gemacht werden, sind die Fortschritte in Technik, Pflanzenschutz und Pflanzenernährung nicht mehr so groß wie zum Beispiel Mitte der 1980er Jahre. Zum Teil kommt es in diesen Bereichen aufgrund politischer Entwicklungen schon zu Rückschritten. Beispiele sind die zunehmenden Verbote von Saatgutbeizen oder Pilzbekämpfungsmitteln. Diese Tendenz wird sich wohl fortsetzen. Ein Grund ist auch in den zu engen Fruchtfolgen zu suchen. Ich vergleiche die heutigen Hochertragssorten gerne mit einem PS-starken Traktor, der seine Zugkraft wegen glatter Reifen nicht ausspielen kann. Die Sorten können aufgrund der äußeren Umstände nicht ihre genetisch veranlagte Leistung bringen.

Spielt der Klimawandel auch eine Rolle?

Günstiges und ungünstiges Wetter hat es schon immer gegeben. 1959,1976 oder 2003 waren ebenso wie 2018 sehr trockene Jahre mit geringen Erträgen. Das ist wohl kaum der begrenzende Faktor. Die Züchtung passt sich zudem an veränderte Bedingungen an. So sind in den letzten Jahren zunehmend Weizensorten aus der Südhälfte Frankreichs übernommen oder eingekreuzt worden, die besser mit Wärme und Trockenheit zurechtkommen.

Wie hoch ist denn das theoretische Potenzial moderner Sorten?

Unter sehr guten Bedingungen konnten in England bereits 16,5 Tonnen Weizen pro Hektar geerntet werden. Damit ist aber noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. In Zukunft werden nach meiner Meinung auch 20 Tonnen möglich sein.

Ertrag ist ein wichtiges Zuchtziel. Welche weiteren Kriterien müssen moderne Sorten aufweisen?

Da geht es um ganz viele Eigenschaften. Unter anderem um Qualität, Nährstoffeffizienz und Gesundheit. Besonders an der Pflanzengesundheit und hier an der Widerstandsfähigkeit gegenüber Viren und Pilzkrankheiten wie Braun- oder Gelbrost arbeiten wir sehr intensiv. Wir haben jetzt eine Sorte auf den Markt gebracht, die für vergleichbare Erträge weniger Pflanzenschutzmittel benötigt als andere Sorten und die die Pflanzenschutz-Kosten um etwa 60 Euro pro Hektar senkt. Weil der Pflanzenschutz momentan so unter Druck steht, passt die Sorte sehr gut. In einigen Jahren sind vielleicht wieder andere Eigenschaften gefordert. Deshalb müssen wir Züchter immer weit in die Zukunft schauen, denn die Entwicklung einer Sorte dauert rund 10 bis 12 Jahre.

Das ist eine lange Zeit. Geht es auch schneller?

Ja. Auch dazu ein Vergleich: In der klassischen Pflanzenzüchtung kreuzen wir Sorten miteinander. Das ist so, als würden wir zwei Eimer Wasser zusammenkippen und im Anschluss den Tropfen suchen, der die gewünschten Eigenschaften hat. Mit neuen Züchtungstechniken können ganz gezielt die entscheidenden Gene zusammengebracht werden. Wir kombinieren im übertragenen Sinn nur zwei Tropfen miteinander und kommen deswegen viel schneller zum Ergebnis. Mit gentechnischen Methoden oder dem als Genschere bezeichneten Verfahren CRISPR/Cas9 könnten wir in viel kürzerer Zeit auf aktuelle Erfordernisse reagieren. Gesetzliche Vorgaben machen diese Züchtung und den Anbau der Pflanzen in Deutschland jedoch nahezu unmöglich. Anders ist das beispielsweise in den USA. Dort haben Züchter und Landwirte Wettbewerbsvorteile.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Müller.

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