Alte und neue Apfelsorten haben ihre Fans

Doch verdeckte Verkostungen liefern eindeutige geschmackliche, visuelle und inhaltliche Ergebnisse

Früher war alles besser, auf nahezu allen Gebieten – davon sind viele fest überzeugt. Beim Apfel, des deutschen Verbrauchers liebstes Obst, hält sich diese Meinung besonders hartnäckig. Was ist dran an den knackigen Stars von gestern? Begeistern sie auch heute Anbauer und Verbraucher? Oder stechen moderne Sorten die nostalgisch gehätschelten Uralt-Favoriten doch auf ganzer Linie aus?

„Genauso wie bei Autos ist bei den bekannten Apfelsorten eine ständige Modellpflege notwendig.“ Franz Rueß, Leiter des staatlichen Versuchsguts in Weinsberg, Baden-Württemberg, setzt sich ganz entschieden für Neuerungen ein. Die derzeit die Ladentheken füllenden Apfelsorten Elstar, Jonagold, Fuji oder Braeburn sind für ihn „längst nicht mehr aktuell“. Vor allem farbintensivere Neuzüchtungen haben es ihm angetan.

Ganz anderer Meinung ist Hans-Joachim Bannier in seinem „Obstbaum-Arboretum“ in Olderdissen bei Bielefeld. Er blickt in die Vergangenheit und hält alte Sorten wie beispielsweise Gravensteiner, Goldparmäne, Cox Orange und Rote Sternrenette für „geschmacksvielfältiger“ und nicht zuletzt für deutlich robuster und für Allergiker geeigneter.

Alte Sorten sind etwas für Liebhaber

Angesichts derart gegensätzlicher Meinungen empfiehlt sich die Nachfrage bei einem „Schiedsrichter“. Hubert Siegler, Versuchsingenieur im Obstbau in Veitshöchheim bei Würzburg, bezieht Position. „Alte Sorten sind eine Angelegenheit von Liebhabern“, sagt er klipp und klar, „die nur diese Richtung verfechten“. Die Mehrzahl der Konsumenten und auch die meisten Anbauer wollen neuere Apfelsorten mit einer ganz anderen Geschmacksrichtung. Süß-aromatisch, knackig und saftig müssen sie sein. Alte Sorten haben einen hohen Säuregehalt und mussten sich, so wurde es früher gefordert, lange Zeit lagern lassen.  Außerdem ist das Spektrum der Altsorten weit gefächert. Sie sind Spezialisten: Manche sind zum Backen, andere zum Kochen oder zum Einmachen oder als Tafelapfel angebaut worden. Entsprechend gab es saure, halbsüße, süße und fruchtige oder feste und sämige Äpfel, Früchte mit dünner Schale oder sehr große Exemplare.   

Geeignet für den Profianbau und den Hobbygärtner?

Jahrhunderte alte Züchtungen sind als gärtnerisches Kulturgut zweifellos erhaltenswert, so urteilen viele Baumschulen. Aber die wenigsten davon sind für Hobbygärtner empfehlenswert, erfährt man bei Baumschuler John Hermann Cordes im norddeutschen Holm. Nach seiner Erfahrung sind sie oft krankheitsanfällig, pflegeintensiv oder geschmacklich nicht gut genug. Häufig werden sie von Pilzerkrankungen wie Schorf, Rost oder Mehltau befallen. Daraus zieht die Züchtung ihre Konsequenzen: Aussehen und Festigkeit mögen noch so gut ankommen, mitentscheidend für die Praxistauglichkeit in der professionellen Anlage oder im Hausgarten sind die Kriterien Geschmack sowie Widerstandsfähigkeit gegen Umwelteinflüsse und Schädlinge.

So richtet sich das Obstbau- und Forschungszentrum Jork im Alten Land bei Hamburg im Zuge des Klimawandels längst auf die Apfelsorten der Zukunft ein. „Wir prüfen, ob sie hier wachsen und reif werden“, sagt Berater Dr. Matthias Görgens. Wenn in den kommenden Jahrzehnten die Temperaturen um ein bis zwei Grad ansteigen, würde das sicherlich ein anderes Sortiment erfordern.

Der Verbraucher hat das Wort

Blindverkostungen im Sinne tatsächlich verdeckter Verkostung sprechen für den Versuchsingenieur Hubert Siegler, Veitshöchheim, eine deutliche Sprache. „Alte“ Sorten rangieren dabei regelmäßig unter „ferner liefen“. Der Geschmack der modernen Apfelsorten entspricht den heutigen Vorlieben,  betont Siegler. Sie sind saftig, knackig und attraktiv und kommen in jedem Testfall besser an. 

Geradezu euphorisch urteilt Franz Rueß, für den es „noch nie zuvor“ geschmacklich so gute Tafeläpfel wie heute gegeben hat. Seine favorisierten Newcomer für die Ergänzung oder gar die komplette farbintensive Ablösung sind die Sorten Mairac, Sapora, Natyra und Wellant. Das letzte Wort wird aber immer der Verbraucher haben. Mit dem Rückwärtsgewandten sei im Obstbau gleichwohl nicht viel zu gewinnen, davon sind die Experten fest überzeugt, auch wenn jeder Gartenbesitzer seiner Probierfreude freien Lauf lassen solle. „Im Obstbau ist Nostalgie unproduktiv“, mahnt Hubert Siegler. „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“      

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