Weinlese 2013: fünf Wochen Vollgas

07.11.2013 Schule & Wissen

Eine angehende Winzerin über die Faszination des Berufs und den Weg dorthin

„Anstrengend, aber auch spannend und schön“, so beschreibt  Mara Walz die Weinlese. Das gilt auch für das Extremjahr 2013 mit seinem nassen Herbst. Die angehende Winzerin liebt nämlich die abwechslungsreichen und herausfordernden Arbeiten, die der Beruf verlangt. Während ihrer dualen Ausbildung kombiniert sie Praxis und Theorie. Am Ende stehen Gesellenbrief und Bachelorabschluss.

Frau Walz, den Herbst verbinden Weintrinker vor allem mit der Weinlese. Wie erleben Sie diese Zeit?

Für mich sind diese vier bis fünf Wochen etwas ganz Besonderes. Sie sind anstrengend, weil wir alle Vollgas geben: Wenn das Wetter passt, lesen wir an sechs Tagen pro Woche. Der Arbeitstag dauert dann von sieben bis 21 Uhr. Gleichzeitig ist die Weinlese aber auch spannend und schön. Jetzt ernten wir, wofür wir das ganze Jahr gearbeitet haben. Wie ist die Qualität, wie hoch sind die Erträge? Diese Fragen bewegen uns. Freude und Enttäuschung liegen manchmal nahe beieinander.

Wer, wie Sie, in und mit der Natur arbeitet weiß, dass kein Jahr wie das andere ist. Wie ist Ihre Bilanz der diesjährigen Weinlese?

In diesem Jahr wird das Ernteergebnis nicht ganz so gut ausfallen wie in den Vorjahren, die uns verwöhnt haben. Das hängt wesentlich vom extremen Witterungsverlauf ab. Bis Mitte Juni war es ungewöhnlich kühl, dann folgte ohne Übergang eine hochsommerlich heiße Phase, und ab Anfang September wurde es nass. Die Beeren haben infolgedessen extrem viel Wasser eingelagert, die Häute platzten teilweise auf, und der Botrytis-Pilz konnte sich quer über alle Sorten ausbreiten. Zudem gab es nur wenige Phasen, in denen die Laubwand nicht nass war und die Trauben keinem Pilzdruck ausgesetzt waren. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, denn schließlich ist die Qualität des Erntegutes die Basis für alles weitere. Im Weinkeller muss nun fehlerfrei gearbeitet werden, um den vorhandenen Rohstoff optimal auszubauen.

So ein Nervenkitzel ist nicht jedermanns Sache…

Das stimmt. Aber das macht den Beruf so spannend und abwechslungsreich. Weil ich auf einem Weingut aufgewachsen bin, kenne ich es gar nicht anders. Wir können mit unserer Arbeit im Weinberg allerdings schon eine Grundlage schaffen, damit wir der Natur nicht ganz ausgeliefert sind. Das fängt mit dem ersten Schnitt im Winter an, geht über die Ausdünnung der Trauben bis hin zu gezielten Pflanzenschutzmaßnahmen gegen Peronospora, Oidium oder den Traubenwickler. Auch eine angepasste Düngung gehört dazu. Wenn hier die Weichen falsch gestellt werden, kann selbst der beste Kellermeister keinen wirklich guten Wein machen.      

Das hört sich alles sehr kompliziert an. Da müssen Berufseinsteiger sicherlich viel lernen.

Die zentralen Ausbildungsinhalte sind die Arbeiten im Weinberg, im Keller und in der Vermarktung. Jeder Bereich ist für sich allein genommen schon sehr umfangreich. Ich kenne niemanden, der alles wirklich perfekt beherrscht. Auch mein Chef, der schon viele Jahre Erfahrung hat, holt sich ab und zu Rat von außen. Ein wichtiges Hilfsmittel ist beispielsweise der Pflanzenschutz -Newsletter, der von den amtlichen Beratern unseres Landkreises herausgegeben wird. Jeder hat zwar seine Lieblingsarbeit, aber erfolgreich kann nur der sein, der das große Ganze im Blick behält und die Rädchen ineinander greifen lässt.

Was machen Sie denn besonders gerne?

An ruhigen, sonnigen Wintertagen genieße ich es, die Reben zu schneiden. Das Traubenteilen kurz vor der Zuckereinlagerung im Juli ist meine Lieblingsarbeit. Dabei verkleinere ich die vorhandenen Trauben und entferne gegebenenfalls eine dritte Traube vom Rebstock. So kann ich die Qualität beeinflussen. Die Pflanze lenkt nun 100 Prozent ihrer Energie in die verbleibenden 50 Prozent der Trauben. Die Vermarktung und die Kellerarbeit sind ebenfalls sehr interessant, aber nach ein paar Wochen bin ich froh, wieder in der Natur zu sein. Gerne beschäftige ich mich mit der Rebsorte Lemberger, aus der facettenreiche Rotweine hergestellt werden können. Es ist immer überraschend, was dabei herauskommt. Im Weißweinsegment ist der Riesling mein Favorit.   

Werden Sie demnächst Ihren eigenen Wein produzieren?

Das ist mein Ziel. Meine Eltern bewirtschaften ein Weingut in Vaihingen an der Enz. Früher oder später will ich hier einsteigen und das Unternehmen weiterführen. Momentan bin ich noch in der Ausbildung. Sie dauert voraussichtlich vier Jahre. Ich habe mich für den dualen Weg entschieden. Dabei kombiniere ich mein Weinbaustudium in Neustadt an der Weinstraße mit Praxisphasen auf einem Betrieb bei Heilbronn. Wenn alles gut geht, werde ich nachher Gesellenbrief und Bachelorabschluss in der Tasche haben.   

Als Winzertochter ist Ihnen bereits vieles in die Wiege gelegt worden. Können auch Quereinsteiger erfolgreich sein?

Auf jeden Fall. Quereinsteigern fehlen zwar zunächst viele Erfahrungen, die Winzerkinder schon gesammelt haben. Sie haben aber den Vorteil, dass sie häufig ganz neue Ideen haben und keine Betriebsblindheit kennen. Gute Kräfte werden immer gesucht, denn im praktischen Weinbau gibt es vielfältige Betätigungsmöglichkeiten. Den elterlichen Betrieb zu übernehmen ist nur eine davon. Viele Winzer haben keinen Nachfolger und suchen einen Verwalter. Andere Betriebe wachsen und benötigen Unterstützung. Die Chancen sind da, sie müssen nur genutzt werden!

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