Wärmeres Klima und zunehmende Wetterextreme
Wärmeres Klima und zunehmende Wetterextreme
Wie reagieren Rapszüchter auf den Klimawandel?
In einem vorherigen Interview zum Thema Rapszüchtung und Klimawandel sprachen wir mit Dr. Carsten Oertel, Leiter der Rapszüchtung Winter- und Sommerraps bei der Deutschen Saatveredelung AG Lippstadt (DSV) am Standort Salzkotten-Thüle in Nordrhein-Westfalen, über die Rapszüchtung von der ersten Kreuzung bis zur neuen Rapssorte. Jetzt sprach das IVA-Magazin mit Dr. Christian Flachenecker, Leiter der Winterrapszüchtung bei der Norddeutschen Pflanzenzucht Hans-Georg Lembke KG (NPZ) am Standort Hohenlieth (Holtsee) in Schleswig-Holstein, über die Auswirkungen des Klimawandels auf Raps und welche Maßnahmen Pflanzenzüchter ergreifen, um Raps an Klimaveränderungen anzupassen.
Herr Dr. Flachenecker, kann Raps aus Ihrer Sicht zum Klimaschutz beitragen?
Aber ja! Raps leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz – sowohl durch seine positiven Effekte auf Boden und Umwelt allgemein als auch als nachwachsender Rohstoff für eine nachhaltige Energie- und Rohstoffproduktion. Raps hat tiefreichende Wurzeln, die bis zu 1,80 Meter reichen können. Sie lockern die Erde auf, verbessern die Bodenstruktur sowie Luftdurchlässigkeit und fördern den Humusaufbau. Die auf dem Feld verbleibenden Pflanzenreste von etwa 10 Tonnen Trockenmasse pro Hektar wirken dabei als natürliches Düngemittel. Zudem schützt die elfmonatige Bodenbedeckung durch die Rapspflanze den Boden effektiv vor Wind- und Wassererosion und bewahrt ihn vor Austrocknung.
In der Fruchtfolge hat Raps eine positive Vorfruchtwirkung, weil nach der Ernte Stickstoff und weitere wichtige Nährstoffe im Boden verbleiben, wodurch der Düngebedarf der nachfolgenden Kultur, beispielsweise Weizen, verringert wird. Mit Raps als Vorfrucht lassen sich durchschnittlich rund 10 Prozent höhere Erträge erzielen, was die Klimabilanz verbessert.
Und wie sieht es mit Raps als nachwachsendem Rohstoff aus?
Raps bindet während seines Wachstums große Mengen an CO₂ aus der Atmosphäre. Bei der Nutzung von Raps als Biokraftstoff wird nur das zuvor gebundene CO₂ freigesetzt, weshalb dieser Energieträger als nahezu klimaneutral gilt. Zusätzlich liefert Raps wertvolle Ausgangsmaterialien für Biokraftstoffe und biobasierte Produkte wie Glycerin, das in der Chemie- und Kosmetik-Industrie Verwendung findet. Damit trägt er zur Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern bei. Mit dem Rapsextraktionsschrot steht eine regionale Eiweißquelle zur Verfügung, die importiertes Soja ersetzt und somit Treibhausgasemissionen aus Übersee-Importen reduziert. Der Anbau und die Verarbeitung von Raps stärken somit regionale Wirtschaftskreisläufe und tragen insgesamt zu einer nachhaltigen Agrarproduktion bei.
Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf den Raps als Kulturpflanze?
Der Klimawandel stellt den Raps vor neue Herausforderungen: Wir beobachten, dass die höheren Temperaturen im Herbst zur Folge haben, dass die Pflanzen schneller altern. Normalerweise braucht Raps 800 Wachstumsgradtage*, um optimal überwintern zu können. An vielen Standorten, vor allem auch in Ostdeutschland, erreicht der Raps bis zum Vegetationsende aber schon über 1000 Wachstumsgradtage. Die Folge: Der Raps ist zu weit entwickelt und dann anfälliger gegen Frost; zudem fehlen den Pflanzen die Nährstoffe; deshalb kann es passieren, dass Ertragsanlagen wie Triebe und Knospen abgeworfen werden, und das geht letztendlich zu Lasten des Ertrags. Ein wärmeres Klima begünstigt zudem Pilzkrankheiten wie Falscher Mehltau, Sklerotinia oder Phoma.
Schädlinge wie Rapserdfloh, Rapsglanzkäfer, Kleine Kohlfliege, Kohlschotenmücke oder Rüssler breiten sich vermehrt aus. Deren Bekämpfung ist für Landwirte schwierig, da durch nationale und EU-weite Regulierungen immer weniger wirksame Pflanzenschutzmittel zur Verfügung stehen. Zudem beobachten wir zunehmende Extremereignisse: Starkregenereignisse und in Folge Staunässe beziehungsweise längere Trockenperioden können das Wachstum der Pflanzen, den Ertrag oder die Ölqualität mindern. Es kommt zu Spätfrösten im Frühjahr oder zu extremer Hitze im Sommer, was die Blüte, Bestäubungsaktivitäten oder die Samenbildung beeinträchtigen kann.
Was können Sie als Rapszüchter dagegen tun?
Unser Ziel ist die Entwicklung robuster und ertragreicher Rapssorten, die langfristig für die heimische Landwirtschaft attraktiv bleiben, da sie auch unter schwierigen Bedingungen und bei Wetterextremen gesund bleiben und stabil im Ertrag sind. So entwickeln wir Sorten, die Hitze- und Trockenstress besser verkraften, etwa durch ein tiefes Wurzelwerk, und die ein effizienteres Wasser- und Nährstoffmanagement haben. Neue Sorten benötigen beispielsweise weniger Stickstoff und Phosphor. Gleichzeitig legen wir Wert auf Frosttoleranz, damit winterharte Pflanzen auch Spätfröste unbeschadet überstehen. Ein weiterer Aspekt ist die Blühzeitsteuerung, um Sorten zu schaffen, die ihre Blüten an die jeweiligen klimatischen Bedingungen anpassen können und so Ertragsschwankungen minimieren.
Wie sieht es mit Krankheiten und Schädlingen aus?
Die Widerstandsfähigkeit von Raps gegenüber Krankheiten wurde durch die Resistenzzüchtung in den letzten Jahren sehr stark verbessert. Unsere Sorten sind heute viel gesünder als in der Vergangenheit. Wir haben Resistenzen gegen Kohlhernie (ein einzelliger Protist), das von Blattläusen übertragene Turnip Yellow Virus und gegen zahlreiche Pilzkrankheiten (unter anderem Phoma, Verticillium, Cylindrosporium) eingezüchtet. Anders ist die Situation bei Schädlingen: Effektive Resistenzen gegenüber Insekten etc. sind im Raps bisher nicht bekannt, aber es laufen viele Forschungsarbeiten, um solche Resistenzen aus rapsverwandten Arten (zum Beispiel Weißer Senf) einzukreuzen. Bis dieser sehr langwierige Weg beschritten ist, ist unser Ansatz, Sorten zu züchten, die toleranter und widerstandsfähiger gegenüber Schädlingsfraß sind.
Bringen solche Sorten auch dieselbe Ertragssicherheit und Qualität mit?
Die Ertragsstabilität ist immer im Fokus der Rapszüchtung. Neue Sorten sollen über unterschiedliche Standorte und wechselnde Wetterbedingungen hinweg zuverlässig hohe Erträge liefern. Das testen wir mit unseren nationalen und internationalen Versuchsstandorten. Zudem werden spezielle Sorten entwickelt, die auf die Anforderungen von Biokraftstofferzeugern, Lebensmittelverarbeitern (Öl- beziehungsweise Proteinproduktion) oder auf Spezialmärkte (zum Beispiel Erucaraps) abgestimmt sind.
Eine Neuheit sind beispielsweise die Runner-Sorten: Diese neuen Kreuzungen aus Sommer- und Winterraps sind wesentlich spätsaatverträglicher als die aktuellen Hybriden. Sie sollen auch für späte Saattermine dienen, brauchen keinen Kältereiz und kombinieren die Frosttoleranz des Winterraps mit der Wuchsfreudigkeit des Sommerraps. In trockenen und heißen Gebieten Südosteuropas sind Runner durchaus eine Alternative. Ob sie für Deutschland geeignet sein können, muss sich erst noch beweisen. Fest steht, Alternativen zur Züchtung gibt es nicht: Rein biologische oder agronomische Maßnahmen können Züchtung nicht ersetzen; die Anpassung an Klima, Krankheiten oder Ertragsanforderungen erfordert genetische Fortschritte. Ohne eine kontinuierliche Anpassung der Pflanzen an sich ändernde Rahmenbedingungen wäre eine effiziente, nachhaltige und ressourcenschonende Landwirtschaft nicht möglich!
Wie können Sie Landwirten dabei helfen, Raps auch zukünftig erfolgreich anzubauen?
Wir begleiten Forschungen, die herauszufinden versuchen, ob beispielsweise Ackerrandstreifen, Mischkulturen, Mulchsaaten und die Vegetation um das Feld einen Einfluss auf Schadinsekten haben. Zudem untersuchen wir im Feld, welche Beizkomponenten (zum Beispiel Biologicals, Pflanzenextrakte und Nährstoffe) der Jungpflanze gute Startbedingungen geben können, sodass sie sich rasch robust entwickelt und den Schädlingen möglichst „davonwächst“. Daneben haben wir Versuche mit verschiedenen Düngeszenarien, Aussaatstärken, Bodenbearbeitungsoptionen und Drillzeitpunkten laufen, um Landwirte bestmöglich beraten zu können.
Diese Ergebnisse und die Erfahrungen unseres Außendienstes fließen in unsere Empfehlungen ein, mit welchen praktischen Maßnahmen Landwirte den Rapsanbau nachhaltig und attraktiv gestalten können, wie zum Beispiel die Wahl angepasster Sorten, ggf. mit Resistenzen beziehungsweise Toleranzen, die Fruchtfolge zu erweitern, um den Krankheitsdruck zu reduzieren und das Nährstoff- und Bodenmanagement anzupassen. Die Vielfalt an unterschiedlichen Sorten ermöglicht eine Kombination von früh und spät blühenden Genotypen, kompakter und längerer Sorten, sowie verschiedener Resistenzausstattungen und Reifezeiten. Dadurch lässt sich das Wetter- und Infektionsrisiko auf mehrere „Spezialisten“ verteilen und die Auswirkungen des Klimawandels werden verringert.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Flachenecker.
*Wachstumsgradtage sind ein Maß für die Wärmeakkumulation, das zur Vorhersage der Entwicklung von Pflanzen verwendet wird und auf der Grundlage von täglichen Temperaturschwellenwerten berechnet wird. Ausschlaggebend ist die Summe der durchschnittlichen Tagestemperaturen von mehr als 5 Grad Celsius.