Manchmal provokant, immer tiefsinnig: Bauer Willi mischt Bloggerszene auf

20.12.2016 Schule & Wissen

Ziel: Kommunikation zwischen Landwirten und Verbrauchern ohne ideologische Scheuklappen

„Als ich in der ARD-Talkshow „Günther Jauch“ saß, war mir klar, dass ich weitermachen muss“, sagt Dr. Willi Kremer-Schillings. Der Landwirt aus der Nähe von Köln war zuvor durch seinen Offenen Brief „Lieber Verbraucher“ bekannt geworden. Seitdem baut er in seinem Blog und auf Facebook Brücken zwischen Landwirtschaft und Verbrauchern. Und zwar auf seine ganz spezielle Art.

Herr Kremer-Schillings, Ihr Brief „Lieber Verbraucher“ hat für einigen Wirbel gesorgt. Wie ist es dazu gekommen?

Es fing damit an, dass ein Wohnbaugebiet immer näher an meinen Hof heranrückte. Die Folge: Die neuen Nachbarn schickten mir regelmäßig die Polizei vorbei. Während der Ernte wegen ruhestörenden Lärms und bei der Ausbringung von organischem Dünger wegen Geruchsbelästigung. Irgendwann ist mir die Hutschnur geplatzt. Ich habe einen Offenen Brief geschrieben, der auf dem Blog eines Bekannten veröffentlicht und innerhalb kürzester Zeit 300 000 Mal aufgerufen wurde. Darin habe ich den Verbraucher relativ böse beschimpft.

Was ist dann passiert?

Die Online-Zeitung Huffington Post ist auf den Brief aufmerksam geworden und hat ihn weiterverbreitet. Dem Redakteur hat meine „authentische Wut“ gefallen, wie er mir nachher erzählt hat. Danach ging es ab wie Schmitz Katze. Markus Lanz, Günther Jauch oder Bettina Tietjen meldeten sich ebenso bei mir wie die Redaktionen von „Monitor“ oder „Panorama“. Dazu kamen zahlreiche Zeitungen und viele Magazine, die über den wütenden Bauern geschrieben haben. Das war überhaupt nicht geplant. Aber damit hatte ich plötzlich die Möglichkeit, aus meiner ganz persönlichen Sicht vor einer großen Öffentlichkeit Dinge anzusprechen, die mir unter den Nägeln brannten und brennen.

Und die wären?

Es sind aktuelle Themen wie zum Beispiel die Rückkehr des Wolfs oder vor einigen Monaten die Diskussion um die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung. Mich beschäftigt auch die Doppel-Moral im Verbraucherverhalten. Wer ein Hähnchen für 2,79 Euro kauft, gibt an der Supermarktkasse das Recht ab, sich über Massentierhaltung zu beschweren! Die Kritik an der konventionellen Landwirtschaft nervt mich ebenfalls. In Bettina Tietjens Sendung haben wir zwei vergleichbare Warenkörbe zusammengestellt. Die konventionellen Waren kosteten 12,70 Euro, die Bioprodukte 63,00 Euro. Daraus wird klar: Die konventionelle Landwirtschaft macht einen Teil unseres Wohlstands aus. Sie sorgt zudem dafür, dass 7,5 Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben können. Dafür müssen wir manchmal gegen die Natur arbeiten. Indem wir zum Beispiel Pilzkrankheiten oder Schadinsekten bekämpfen. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich arbeite und schreibe ohne ideologische Scheuklappen. Weil ich Unternehmer bin, betreibe ich die Form der Landwirtschaft, die am lukrativsten für mich ist. Ich könnte auch Bio.

Sind das auch Inhalte in Ihrem Buch „Sauerei“?

Genau. Darin geht es um billiges Essen und die Macht des Verbrauchers. Die Motivation zum Buch war mein Eindruck, dass es zwar hunderte kritische Bücher über die Landwirtschaft gibt, aber keines erläutert die Gründe und Ursachen, wieso die Landwirtschaft so ist wie sie ist. Echte und vermeintliche Lebensmittelskandale, Schlagworte wie Massentierhaltung oder EU-Subventionen – ich erzähle in dem Buch, was dahintersteckt und warum ich als Bauer mit diesen Schlagworten ein Problem habe.

Was erreichen Sie mit Ihren Beiträgen?

Die Diskussionen im Bauer Willi-Blog und meiner Facebook-Seite zeigen mir, dass sich viele Leser an ihnen reiben und sie zum Nachdenken anregen. Im Endeffekt geht es mir darum, für Verständnis zwischen Landwirtschaft und Verbrauchern zu sorgen. Und dass die Gesellschaft die Leistungen der Landwirtschaft anerkennt. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv. Ganz besonders freue ich mich über konstruktive kritische Stimmen. Ich erhebe nämlich nicht den Anspruch auf wissenschaftliche Genauigkeit, sondern kommentiere die Themen bewusst aus meinem Blickwinkel. Und dem kann man sich anschließen oder auch nicht.

Wer steckt eigentlich hinter „Bauer Willi“? Sie können doch nicht alle Blog-Beiträge, die fast im Tagesrhythmus erscheinen, selbst verfassen...

Das „Projekt“ Bauer Willi besteht tatsächlich nur aus zwei Personen. Alois Wohlfahrt, ein Landwirt aus dem Allgäu, unterstützt mich vor allem in technischen und organisatorischen Fragen. Die sehr „übersichtliche“ Personenzahl hat den Vorteil, dass wir schnell entscheiden können. Die Ausgaben für die Technik und andere Sachkosten decken wir durch die Honorare, die ich für Vorträge erhalte. Die bekommt Herr Wohlfahrt. Das ist uns wichtig: Bauer Willi ist unabhängig und keinem gegenüber verpflichtet.

Wie macht Bauer Willi weiter?

Wir wollen unsere Veröffentlichungsfrequenz bei bauerwilli.com etwas zurücknehmen und noch mehr Wert auf tiefsinnige Beiträge legen. Damit werden die Follower-Zahlen vielleicht nicht so steigen wie bisher. Doch Zahlen sind nicht alles. Uns liegt besonders die Aufmerksamkeit der Meinungsbildner am Herzen. Dazu zählen die Medien. Für seriöse Medien zählt die Qualität. Außerdem will ich meine Berufskollegen weiter motivieren, sich stärker als bislang in Richtung Gesellschaft zu öffnen. Es muss ganz viele Bauer Willi geben!