Was passiert, wenn Landwirte weniger düngen und spritzen?

08.08.2013 Forschung & Technik

Dauerversuche in Dahnsdorf zeigen langfristige Effekte auf

Wer beim Pflanzenschutz sparen und dennoch gut ernten will, muss clever sein. Je mehr eingespart werden soll, desto höher wird das Risiko von Ertragsverlusten. Dies ist eines der Ergebnisse der Dauerversuche im brandenburgischen Dahnsdorf, 50 Kilometer südwestlich von Berlin. Dr. Jürgen Schwarz vom Julius Kühn-Institut (JKI) ist der wissenschaftliche Versuchsfeldleiter. Er weist darauf hin, dass zukünftig das Klima die Pflanzenschutzstrategien stärker beeinflussen wird.

Dr. Schwarz, in Dauerversuchen werden ähnliche Fragestellungen über viele Jahre nahezu unverändert wiederholt. Lohnt der Aufwand?

Ja, Langzeitversuche über mindestens15 bis 20 Jahre sind sinnvoll. Nur so können wir die Effekte von Bewirtschaftungsstrategien überprüfen, die sich erst nach mehreren Jahren einstellen. Das JKI liefert damit Landwirten nützliche Erkenntnisse, die sie wegen des hohen Aufwands selbst kaum ermitteln könnten. Mit unserem Know-how schalten wir uns aber auch in die öffentliche Diskussion ein und begleiten unter anderem die Umsetzung des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln (NAP). In dessen Mittelpunkt stehen Maßnahmen, die Innovationen im Pflanzenschutz fördern und die Verfahren des integrierten Pflanzenschutzes weiterentwickeln sollen. 

Welche Fragestellungen bearbeiten Sie momentan?

Wir prüfen unter anderem die Auswirkungen von unterschiedlichen Pflanzenschutz- und Düngungsintensitäten. In einem Minderungsversuch beobachten wir, welche Folgen es hat, wenn der chemische Pflanzenschutz gegenüber der „Guten fachlichen Praxis“ um 25 oder 50 Prozent reduziert wird. Darüber hinaus geht es um die Bodenbearbeitung mit und ohne Pflug. Die Versuche laufen seit 18 Jahren. 

Können Sie bereits gesicherte Ergebnisse präsentieren?

In der 25 Prozent-Variante des Minderungsversuchs können die Erträge bei sehr gezieltem Pflanzenschutzeinsatz bisher ähnlich hoch sein wie in der Normalvariante. Bei der 50 Prozent-Variante verringert sich der Winterweizenertrag bereits um durchschnittlich 15 Prozent. Wird gar kein Pflanzenschutzmittel eingesetzt, liegen die Verluste bei 40 Prozent. Während sich Einsparungen bei Pilz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln meist unmittelbar im gleichen Jahr auswirken, werden die Folgen bei Unkräutern und -gräsern erst nach und nach sichtbar. Der Besatz baut sich von Jahr zu Jahr weiter auf, sodass unter anderem Kornblume und Kamille in Dahnsdorf für die Kulturpflanzen zu einer immer größeren Konkurrenz um Wasser, Licht und Nährstoffe werden. 

Wie beeinflusst die Bodenbearbeitung die Ernten?

Wir können die Ertragseffekte von wendender und nicht-wendender Bodenbearbeitung noch nicht sicher abschätzen. Fest steht aber, dass bei nicht-wendender, also pflugloser Arbeitsweise im Mittel mehr Glyphosat zum Einsatz kommt. Wir setzen den Wirkstoff ein, um vor der Saat die in dieser Variante verstärkt auftretenden Unkräuter und Ungräser auszuschalten. In den meisten Versuchsjahren war die Maßnahme nötig, allerdings gilt es von Fall zu Fall zu unterscheiden. Auf der anderen Seite spart die nicht-wendende Bodenbearbeitung etwa 50 Prozent der benötigen Energie für die Bodenbearbeitung ein. 

Was können Landwirte aus Ihren Ergebnissen lernen?

Alles dreht sich um das „notwendige Maß“. Die Maßnahmen müssen sich am Bedarf orientieren, ein sogenanntes Schema F bringt keinen weiter. Landwirte müssen immer auf die Kultur und die jeweilige Situation bezogen entscheiden. Wer Pflanzenschutzmittel einsparen will, muss seine Kulturen noch genauer beobachten, braucht mehr Fachkenntnis und auch eine intensivere Beratung. Der Arbeitsaufwand wird also größer. Je mehr der Landwirt einsparen möchte, desto höher wird auch das Risiko spürbarer Ertragsverluste. Verringerte Aufwandmengen beim Pflanzenschutz können zudem die Resistenzentwicklung von Schaderregern fördern, besonders bei Ungräsern. Vorsorglich sollte der Landwirt deswegen Wirkstoffe innerhalb der Fruchtfolge regelmäßig wechseln. Neue Herausforderungen wird aber auch die Klimaänderung, die sich andeutet, mit sich bringen. 

Und worin äußern sich diese?

Der Pflanzenschutzaufwand wird bei steigenden Durchschnittstemperaturen ähnlich sein wie heute, aber das Spektrum der Schaderreger, die es zu bekämpfen gilt, wird sich verschieben. Wärmeliebende Arten wie Hirsen nehmen zu. Diese zu kontrollieren ist allerdings sicherlich einfacher, als mit den zunehmenden Extremwetterereignissen umzugehen, die wir in den letzten Jahren beobachtet haben. Sehr kalte oder warme Winter, trockene Frühjahrsmonate und Starkniederschläge – darauf können sich Landwirte nur sehr begrenzt einstellen. 

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