"Wir kontrollieren unangekündigt"

Kontrolleure besonders oft in "Risikobetrieben"

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“! Bundesweit sind etwa 2 500 Lebensmittelkontrolleure im Einsatz. Einer von ihnen ist Harry Sauer aus Saarbrücken. Er ist zudem stellvertretender Vorsitzender im Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure. Sauer und seine Kollegen prüfen unter anderem 1,1 Millionen Betriebe, die Lebensmittel erzeugen, verarbeiten und verkaufen.

Herr Sauer, immer wenn die Medien über echte oder vermeintliche Lebensmittelskandale berichten, wird der Ruf nach stärkeren Kontrollen laut. Wie stehen Sie dazu?

Nach meiner Feststellung sind unsere Lebensmittel entgegen der öffentlichen Wahrnehmung in den letzten Jahren immer sicherer geworden. Die große Mehrzahl der kontrollierten Betriebe arbeitet hygienisch sauber und will nicht die eigene Existenzgrundlage aufs Spiel setzen. 

Wie laufen die Kontrollen ab?

Meine Kollegen suchen unangemeldet die Lebensmittelbetriebe auf, die in bestimmten Zeitabständen kontrolliert werden müssen. Wir überprüfen Unternehmen, die Lebensmittel, aber auch Bedarfsgegenstände, Kosmetika oder Spielzeug in Verkehr bringen. Betriebe, die mit leichtverderblichen Produkten zu tun haben und solche, die bei früheren Kontrollen aufgefallen sind, werden verstärkt kontrolliert. Im Extremfall können wir Betriebe täglich aufsuchen. Wir müssen sie aber mindestens einmal in drei Jahren prüfen. Die bundesweit gültige „Allgemeine Verwaltungsvorschrift Rahmenüberwachung“ regelt die amtliche Kontrolltätigkeit. Staatliche oder akkreditierte freie Laboratorien analysieren die Proben und übermitteln die Ergebnisse an die Lebensmittelüberwachung der Länder, der Landkreise, der Städte und der Gemeinden. 

Welche Bereiche sind problematisch?    

Die häufigsten Beanstandungen gibt es bei der allgemeinen Hygiene, der Produkt- und Personalhygiene sowie bei Kennzeichnung und Aufmachung der Produkte. Zu hohe Temperaturen in der Kühltheke, unsaubere Arbeitskleidung der Mitarbeiter, keine ausreichende Handwaschgelegenheit im Betrieb – dergleichen wird angemahnt. Wir überprüfen auch Obst und Gemüse im Rahmen der risikoorientierten Probenahme und lassen es in Laboratorien auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln untersuchen. Ein geringer Teil der Proben wird beanstandet, weil zulässige Höchstgehalte von Pflanzenschutzmitteln überschritten sind. Doch im Vergleich zu anderen Bereichen wie zum Beispiel krank machenden Keimen haben Rückstände einen nachgeordneten Stellenwert. Die wahren Risiken stecken unter anderem in Lebensmitteln, die mit Salmonellen oder Staphylokokken belastet sind. Die Medienberichterstattung macht es für den Verbraucher jedoch schwierig, zwischen gefühlten und tatsächlichen Gesundheitsrisiken zu unterscheiden. 

Wie verfahren Sie mit Betrieben, die bei den Kontrollen auf- beziehungsweise durchfallen?

Damit keine Missverständnisse entstehen: In 90 bis 95 Prozent der Lebensmittelbetriebe gibt es keine oder nur geringe Beanstandungen. Bei geringfügigen Mängeln belassen wir es bei mündlichen Ermahnungen. Bei schwerwiegenden Mängeln, etwa wie Schimmelpilzen in der Produktionsstätte, im Verkaufsregal oder bei Schädlingsbefall im Lager reagieren wir sofort. Je nach Schwere des Verstoßes können wir den Betrieb vorübergehend schließen und von den Bußgeldbehörden Geldbußen verhängen lassen. Bei weniger gravierenden Fällen setzen wir eine Frist zur Nachbesserung. Wenn Personen nach dem Verzehr solcher Lebensmittel erkranken, handelt es sich um eine Sorgfaltspflichtverletzung. Dann muss der Verursacher mit einer Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung rechnen. 

Wie kann man die Kontrollen noch optimieren?

Die europäischen Schnellwarnsysteme erlauben schon jetzt die schnelle Information zu Risiken durch Futtermittel, Lebensmittel, Bedarfsgegenstände, Kosmetika und Spielwaren. Sie werden ständig weiter verbessert. Wir können bereits heute ein hohes Maß an Lebensmittelsicherheit garantieren. Pro Million Einwohner schreibt der Gesetzgeber mindestens 5 000 Lebensmittelproben im Jahr vor. Täglich werden in Europa Millionen Tonnen von Lebensmitteln in Verkehr gebracht. Ein absolutes Null-Risiko für den Verbraucher wird es niemals geben. Nach Einschätzung des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure könnten rund 1 000 bis 1 200 weitere Kontrolleure den Druck erhöhen und dazu beitragen, schwarze Schafe schneller ausfindig zu machen. In Zeiten leerer Kassen tun sich Länder und Kommunen allerdings schwer mit zusätzlichen  Personalkosten. Verbraucherschutz gibt es aber nun einmal nicht zum „Nulltarif“.

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