Entwicklungen, Ziele und Herausforderungen im Pflanzenschutz

Ein Interview mit Professor Böhmer, dem langjährigen Leiter des Pflanzenschutzdienstes Nordrhein-Westfalen

Das IVA-Magazin sprach mit dem Pflanzenschutz-Experten Prof. Dr. Bernd Böhmer (66) über Lückenindikationen, Prognosemodelle und die zukünftigen Herausforderungen im Pflanzenschutz. Professor Böhmer war bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2015 viele Jahre Leiter des Pflanzenschutzdienstes der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Er arbeitete in verschiedenen Fachgremien, unter anderem 15 Jahre im Sachverständigenausschuss für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), dessen Vorsitz er zwischenzeitlich innehatte, sowie im Technischen Ausschuss Pflanzenschutz. Viele Jahre leitete er den Arbeitskreis Lückenindikationen Pflanzenschutz im Gemüsebau sowie den Arbeitskreis Nicht-rückstandsrelevante Kulturen des Julius Kühn-Instituts. Unter seiner Mitwirkung entstanden umfangreiche Monitoring- und Virusdiagnosesysteme sowie Prognosemodelle für Landwirtschaft und Gartenbau, wie zum Beispiel das Informationssystem Integrierte Pflanzenproduktion - ISIP

Herr Professor Böhmer, was bedeutet der Begriff „Lückenindikationen“?

Der Pflanzenbau in Deutschland ist aufgrund der intensiven Gartenbau-Produktion sehr vielseitig. Der spezialisierte Gartenbau kultiviert auf einer relativ kleinen Fläche eine große Anzahl von Kulturen, sodass neben den landwirtschaftlichen Kulturen ein breites Angebot an Obst, Gemüse und Zierpflanzen zur Verfügung steht. Das daraus resultierende breite Pflanzenspektrum wird leider auch von zahlreichen Krankheiten und Schädlingen befallen. Die erforderlichen Pflanzenschutz -Maßnahmen müssen nur auf kleinen Flächen vorgenommen werden. Auf knapp 98 Prozent der Ackerfläche in Deutschland werden etwa 30 große landwirtschaftliche Kulturen angebaut, während ungefähr 400 Klein- und Kleinstkulturen auf den restlichen etwa 2 Prozent Ackerfläche produziert werden.

Die Entwicklung von Pflanzenschutz-Lösungen für diesen kleinflächigen Anbau erfordert einen hohen Forschungs- und Entwicklungsaufwand, um die Schaderreger unter den spezifischen Bedingungen effektiv bekämpfen zu können. Zahlreiche nicht-chemische Verfahren – von der Produktion von Saat- und Pflanzgut über den Einsatz von Netzen und biologischen Verfahren bis hin zu chemischen Maßnahmen – wurden im Laufe der Jahre entwickelt und zur Praxisreife gebracht. Ohne effektive und nachhaltige, Umwelt schonende chemische Bekämpfungsverfahren können die vielen gartenbaulichen Kulturen jedoch nicht gesund erhalten werden.

Und hier können dann also Lücken im Pflanzenschutz entstehen?

Ja, denn für die Hersteller sind derartige Verfahren, bei denen nur gelegentlich und nur auf kleinen Flächen Pflanzenschutzmittel angewendet werden müssen, in der Regel nicht wirtschaftlich. Entwicklungs-, Produktions-, Lager- und Vertriebskosten sind zu hoch.

Eine mangelnde Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln zur Anwendung in kleinen Kulturen zeichnete sich schon in den 1980er Jahren ab. Daraufhin haben die Pflanzenschutzdienste mit dem Julius Kühn-Institut produktbezogene Arbeitsgruppen gegründet, um die Probleme gemeinsam zu bearbeiten. Es wurde rasch deutlich, dass es sich dabei um eine Aufgabe aller Beteiligten bis hin zum Verbraucher handelt. Die größte Hürde war die Haftungsfrage bei Anwendungen in kleinen Kulturen. Erst nach einem Verzicht der Anbauer auf etwaige Schadensersatzansprüche bei Pflanzenunverträglichkeiten gegenüber Herstellern und Antragstellern war der Weg frei für die Beantragung von Zulassungen durch die Pflanzenschutzdienste in kleinen Kulturen. Viele Anwendungslücken konnten auf diese Weise geschlossen werden.

Und dieses System gibt es heute noch?

Dieses System hat auch für die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene Pate gestanden. Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland ein Verbundprojekt zwischen Anbauern, Verbänden, Herstellern, Ministerien und Behörden. In diesem Verbund werden Bekämpfungslücken und Anwendungslücken beraten, Versuche und Rückstandsuntersuchungen organisiert, sodass für kleine Kulturen Zulassungserweiterungen für zugelassene Pflanzenschutzmittel beantragt werden können.

Im Pflanzenschutz entstehen durch neue Schaderreger, neue Kulturen sowie neue Sorten und Kulturmethoden, durch Resistenzbildung, durch neue Bekämpfungsverfahren, durch den Wegfall von Pflanzenschutzmitteln, durch die Entwicklung neuer Pflanzenschutzmittel rasch wechselnde Probleme. Das Schließen von Anwendungslücken in kleinen Kulturen wird daher auch in den kommenden Jahren von großer Bedeutung für die Sicherung der gartenbaulichen Produktion in Deutschland sein.

Nach welchen Kriterien werden Pflanzenschutz-Maßnahmen indiziert? Kann man eine Notwendigkeit zur Behandlung im Voraus erkennen?

Der 'Integrierte Pflanzenschutz' fordert, wenn alternative Pflanzenschutz-Maßnahmen nicht zum Erfolg geführt haben, einen zielgerichteten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Darüber hinaus müssen spezifisch wirkende Pflanzenschutzmittel zum optimalen Termin ausgebracht werden, um eine hohe Effektivität der Maßnahmen sicherzustellen. Das setzt voraus, dass ein etwaiger Befall bzw. eine hohe Infektionswahrscheinlichkeit im Pflanzenbestand erkannt wurde und eine weitere Befallsentwicklung und Schädigung des Pflanzenbestands zu befürchten ist. Das erfordert eine intensive Bestandskontrolle. Sowohl für die Betriebe als auch für die Pflanzenschutzdienste sind diese Bestandskontrollen, die nicht nur für Behandlungsmaßnahmen, sondern auch für den Export erforderlich sind, mit hohem Personalaufwand verbunden. Bestandskontrollen und termingerechte Anwendungen sollten daher soweit wie möglich mithilfe technischer Möglichkeiten vereinfacht werden.

Und diese Prognose leisten heute computergestützte Expertensysteme?

Die Pflanzenschutzdienste haben bereits in den 1980er Jahren erkannt, dass die Bestandsüberwachungen und darauf aufbauende Entscheidungshilfen auf Dauer nur mit der sich entwickelnden Computertechnik erfolgreich sichergestellt werden können. Dass computergestützte Monitoring- und Entscheidungsmodelle mit hohem Kostenaufwand verbunden sein würden, war offensichtlich. Aus diesem Grund haben die Pflanzenschutzdienste der Länder die „Zentralstelle für EDV-gestützte Entscheidungshilfen und Programme im Pflanzenschutz“, kurz ZEPP, gegründet, die von den Bundesländern gemeinsam finanziert wird.

Später hat die Entwicklung des Internets weitere Möglichkeiten zur Schaffung einer Online-Plattform eröffnet. Auf diese Plattform mit dem Namen ISIP (Informationssystem Integrierte Pflanzenproduktion) können heute die Pflanzenschutzdienste, die Pflanzenbauberater, aber auch alle Landwirte und Gärtner zugreifen. Aktuelle Informationen, Klima-, Bestands- und Krankheitsentwicklungen sind schlagspezifisch abrufbar.

Was sind die Fragen und Herausforderungen der Zukunft?

Die Entwicklung der Sensortechnik und der Einsatz von Drohnen lassen zukünftig erhebliche Erleichterungen und eine Verbesserung der Effektivität der Monitoring-Maßnahmen erwarten. Was wir aber nicht vergessen dürfen, ist, dass die Schadwirkung von Krankheiten und Schädlingen von der Gesellschaft in den hochentwickelten Ländern aufgrund ausreichend verfügbarer, vielseitiger, gesunder Nahrungsmittel und einer sehr guten wirtschaftlichen Situation ignoriert wird. Die Fehleinschätzung möglicher Gefahren des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln führt zu einer Überbewertung, zu einer abstrakten Angst, die immer aufwändigere Untersuchungen und Prüfungen, selbst für die kleinsten Anwendungsgebiete fordert, wodurch hohe Prüf- und Zulassungskosten entstehen. Die hohen Aufwendungen machen die Zulassung nur noch für breit einsetzbare Pflanzenschutzmittel wirtschaftlich, spezielle Formulierungen für die Anforderungen kleiner Anwendungsgebiete sind nicht mehr möglich. Der Anspruch integrierter Pflanzenschutz -Maßnahmen nach einer spezifischen Wirkung mit weitest gehender Schonung der sogenannten Nicht-Zielorganismen kann kaum mehr gezielt verwirklicht werden.

Gibt es künftig weniger Neu-Zulassungen bei Pflanzenschutzmitteln?

Die hohen Zulassungsanforderungen haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass weniger Wirkstoffe verfügbar sind. Insbesondere im Bereich der Insektizide sind große Bekämpfungsprobleme entstanden, die sich durch rasche Resistenzbildung in den nächsten Jahren verstärken werden.

Ist das ein deutsches oder ein europäisches Problem?

Die Maßnahmen zur Harmonisierung der Zulassung in Europa haben bisher leider nur wenig Wirkung gezeigt. Aufgrund einer Reihe nicht harmonisierter Bewertungskriterien ist auch in den nächsten Jahren nicht mit einer befriedigenden Harmonisierung zu rechnen.

Wie ist ihr Fazit?

Die genannten Probleme stellen große Herausforderungen für die Gesunderhaltung der Kulturpflanzen und die Produktion gesunder Nahrungsmittel dar. In einem Verbundprojekt zwischen Anbauern, Verbänden, den Herstellern, Ministerien und Behörden ist es gelungen, die Vielzahl kleiner Anwendungsgebiete mit geeigneten Bekämpfungsverfahren zu schließen. Eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung hat auch die Schließung von Bekämpfungslücken in großen Kulturen. Auch bei dieser Aufgabe bedarf es gemeinsamer Anstrengungen und einer Fokussierung aller Forschungs- und Entwicklungseinheiten öffentlicher wie privater Einrichtungen, um die Nahrungsmittelproduktion einer weltweit wachsenden Bevölkerung bei weitest gehender Schonung der Umwelt auf hohem Niveau sicherzustellen.

Herr Professor Böhmer, vielen Dank für das Gespräch.