Beizen – damit junge Pflanzen unbeschadet bleiben

Eine der ältesten Vorsorgemaßnahmen im Pflanzenschutz ist das Beizen des Saatguts

Sieht man im Herbst manchen Landwirten bei ihrer Arbeit über die Schulter, reibt man sich vielleicht verwundert die Augen: Aus seiner Sämaschine fallen rötliche statt gelbe Samenkörner in die Erde. Des Rätsels Lösung: Sie haben bereits einen Arbeitsgang hinter sich. Dabei werden 2 bis 3 Gramm eines Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffs maschinell auf die Oberfläche von über 2 Millionen Samenkörnern verteilt. Das heißt, die Samen werden gebeizt, um die jungen Sämlinge vor Pilzen und Fraßschädlingen zu schützen. Sie können ihnen so stark zusetzen, dass nur ein Teil von ihnen den Winter überstehen würde, bis hin zu Totalverlusten.

Neu ist die Maßnahme nicht....

Etwa 400 v. Chr. wurde in einem Buch über den Landbau zur Abwehr von Krankheiten empfohlen, die Körner vor der Aussaat mit einem Saft von Sedum zu tränken. Erste Versuche mit chemischen Mitteln stellte J. R. Glauber (1604-1670) an. Er führte Getreidebeizversuche mit Natriumsulfat und Alkohol durch. Schon 1895 wurde in Amerika die gute Wirkung von Quecksilberchlorid erkannt. Darauf aufbauend gelang 1914 Bayer in Leverkusen der Durchbruch zu neuartigen Mitteln durch die Entwicklung von Nitrophenol-Quecksilber. 1930 wurden im Deutschen Reich etwa 800 Tonnen Quecksilberbeizmittel verbraucht. 40 bis 50 Prozent des Saatgetreides und bei Weizen sogar 80 Prozent wurden damals bereits gebeizt. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts lösten andere Verbindungen die Quecksilberbeizen ab. Die Beizmittel richten sich gegen die an den Samen haftenden Pilzsporen, die zu Erkrankungen wie Stein- und Flugbrand führen. Dabei bilden sich durch den Steinbrand später statt der Körner in den Ähren übelriechende Brandbutten. Das hat dieser früher wirtschaftlich bedeutendsten Krankheit auch den Namen Stinkbrand eingebracht. Sie kann nach wie vor ausschließlich durch Beizung bekämpft werden.

Beizen schützen die Keimlinge und Jungpflanzen aber auch vor pilzlichen Krankheitserregern, die im Boden lauern oder durch den Wind herangetragen werden, und z. B. zum Schneeschimmel, zur Schwarzbeinigkeit, zum Mehltau, zur Septoria -Blattdürre oder zu Netzflecken führen. Je nach Wirkstoffkombination werden zusätzlich auch saugend-beißende Insekten wie Brachfliegen, Läuse oder Drahtwürmer von den jungen Pflanzen ferngehalten.

Kleiner Aufwand, große Wirkung

Systemische Beizmittel dringen vom Korn auch in den Sämling ein, verteilen sich über den Saftstrom und sorgen so für einen Rundum-Schutz. Die benötigten Wirkstoffmengen sind sehr gering. Sie landen mit dem Beizmittel ausschließlich dort, wo sie benötigt werden – nämlich punktgenau direkt am Korn. Bezogen auf einen Hektar werden nur ca. 200 m² Kornoberfläche behandelt. Dafür reichen ca. 200 Milliliter Flüssigbeize, die auf 100 kg Saatgut aufgebracht werden. Ein weiterer Vorteil: Es kann unabhängig von Wind und Wetter gebeizt werden.

Trocken-, Feucht- und Suspensionsbeizen

Beim Beizen sollen die Mittel möglichst gleichmäßig und abriebfest auf der Saatgutoberfläche verteilt werden. War über lange Zeit das Trockenverfahren mit Pulver dominierend, so werden heute mehr und mehr Feucht- und Flüssigbeizen eingesetzt. Das Saatgut wird in einer abgeschlossenen Sprühkammer mit dem fein vernebelten Beizmittel benetzt. Dabei gibt es auch Formulierungen auf Wasserbasis. Sie werden als Suspensionsbeizen bezeichnet. Gut gebeiztes Saatgut erkennt man an der gleichmäßigen rötlichen Färbung.

Ein Sonderfall – Saatgut-„Pillen“

Landwirte lassen ihr Winterweizen- und Wintergerstensaatgut zu über 95 Prozent standardmäßig beizen, wie Experten schätzen. Auch in anderen Ackerkulturen wie Roggen, Hafer, Mais, Triticale, Raps und Kartoffeln ist diese Pflanzenschutzmaßnahme weit verbreitet. Zuckerrübensaatgut ist ein Sonderfall. Hier ist der Wirkstoff in einer Hülle aus einem Ton-/Torf-Gemisch um den Samen enthalten. Das so pillierte Saatgut ist einheitlich groß und schwer. So kann es mit speziellen Einzelkornsämaschinen exakt in den gewünschten Abständen ausgebracht werden.

Schutz hält nicht ewig

Allerdings können die Wirkstoffe die jungen Pflanzen nur über einen bestimmten Zeitraum schützen. Die Wirkstoffe bauen sich im Laufe der Wochen, wie andere Wirkstoffe auch, zu Kohlendioxid, Wasser und anderen unwirksamen Substanzen ab. So wirkt ein Insektizid gegen Blattläuse ca. 10 Wochen, bis die Pflanzen je nach Witterung 3 oder mehr Blätter gebildet haben. Fungizide Wirkstoffe können den Befall mit dem Septoria-Pilz um 3-4 Wochen verzögern. Theoretisch könnten andere Wirkstoffe längere Zeitspannen überbrücken. Doch solche stabilen Verbindungen würden aus Gründen des Umweltschutzes nicht zugelassen.

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