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Umwelt & Verbraucher
10.02.2009

Artenvielfalt – alles ist im Fluss

Besucher des bioversums erfahren, wie Ökosysteme und Wechselwirkungen zwischen Tier- und Pflanzenarten funktionieren. Quelle: bioversum

Bioversum: das biologische Gleichgewicht ist ständig in Bewegung

Seit Herbst 2008 hat das Museum Bioversum in Darmstadt-Kranichstein seine Tore geöffnet. Besucher gewinnen hier einen ganz neuen Blick auf die biologische Vielfalt und ihre Entwicklung. Das Team um Kuratorin Onno Faller geht unverkrampft an das Thema heran und vertritt teilweise verblüffende Ansichten, die gar nicht zu den Botschaften „klassischer“ Artenschützer passen.

Frau Faller, das bioversum will Wissen über biologische Vielfalt vermitteln. Wie spannend ist das Thema für den Verbraucher?

Wenn die Begriffe Schutzgebiet oder Rote-Liste-Arten fallen, schalten viele Leute einfach ab. Nach unserer Meinung hat es die Bevölkerung einfach satt, ständig den erhobenen Zeigefinger zu sehen oder Schuldzuweisungen zu hören. Deswegen ist das bioversum auch nicht – wie ursprünglich geplant – ein Museum für aussterbende Arten. Stattdessen kann man hier entdecken, wie Ökosysteme und Wechselwirkungen zwischen Tier- und Pflanzenarten funktionieren. Und vor allem, wie wir Menschen sie durch unser Verhalten beeinflussen.

Können Sie hierfür Beispiele nennen?

Wir müssen wieder mehr in die Natur, um sie zu begreifen. Deshalb halte ich gar nichts davon, wenn „Naturschützer“ die Bevölkerung regelrecht aussperren. Wieso müssen Grillplätze oder Wanderwege aus Schutzgebieten verbannt werden? Das ist eher kontraproduktiv, weil die Bürger für sich keinen Nutzen sehen. Die Akzeptanz von Schutzmaßnahmen hängt wesentlich davon ab, ob die Bevölkerung einbezogen wird. Das bioversum ist immer auf der Suche nach Möglichkeiten, wie der Artenschutz und die Anforderungen der Gesellschaft miteinander kombiniert werden können.

Welche Bedeutung hat denn für Sie der Artenschutz?

Artenschutz hat natürlich seine Daseinsberechtigung. Einzelne Arten zu schützen, ohne diese als Teil eines Lebensraums zu sehen, hat aber keinen Sinn. Artenschutz heißt letztendlich, sich mit sämtlichen Faktoren in einem Ökosystem auseinanderzusetzen. Und das kann auch heißen, dass eine bestimmte Idealvorstellung eines Ökosystems nicht auf Teufel komm raus erhalten werden muss. In der Natur existiert kein statisches Gleichgewicht! Die häufig von Artenschützern genutzten Fachbegriffe Floren- und Faunenverfälschung sind geradezu grotesk – alles ist im Fluss, ob wir es wollen oder nicht und das schon von Anbeginn des Lebens auf der Erde. Veränderung ist ein Lebensprinzip.

Heißt das, dass wir alle Artenverschiebungen einfach so hinnehmen sollen?

Wir alle müssen lernen zu differenzieren. Das Ökosystem Buchenwald wird nicht zusammenbrechen, wenn die Gelbbauchunke darin vielleicht nicht mehr vorkommt. Wichtig ist es aber, Ökosysteme in ihrer Gesamtheit zu stabilisieren. Je strukturreicher und vielfältiger sie sind, desto sicherer ist ihr Bestand und desto unempfindlicher sind sie gegenüber Störungen. Differenzieren müssen wir auch bei den rund 12 000 Arten, die durch die Völkerwanderung, die Entdeckung Amerikas und den globalisierten Handel neu zu uns gekommen sind. Viele tragen heute positiv zur Artenvielfalt bei, nur ganz wenige sind invasiv und verursachen Schäden für Menschen und Ökosysteme. Wir können die Geschichte nicht zurückdrehen sondern lediglich versuchen, in Zukunft stellenweise steuernd einzugreifen.

Einwandernde Arten werden vielfach grundsätzlich erst einmal skeptisch beäugt. Wie ist Ihre Einstellung dazu?
Die häufig verbreiteten Horrorszenarien über gefährliche Invasoren sind überwiegend Panikmache. Wir haben folgende Erkenntnisse: Von 1 000 Arten, die zu uns kommen, haben 100 Überlebenschancen, davon etablieren sich 10 auf Dauer und nur eine Art hat invasives Potenzial. Ein invasiver Neubürger ist die Beifuß-Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia), die ursprünglich aus Nordamerika kommt und unter anderem über Vogelfutter zu uns gelangt ist. Sie kann Allergien auslösen und entwickelt sich zu einem Unkraut in der Landwirtschaft. Ihre gezielte Bekämpfung ist also durchaus sinnvoll.

Wie vermitteln Sie diese Inhalte an Ihre Besucher?

Einerseits in unseren Ausstellungsräumen und im Besucherlabor, in denen wir die Bereiche „Biologische Vielfalt“ und „Biologische Invasionen“ interaktiv präsentieren. Andererseits haben wir ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Workshops, Projekttagen und Ferienfreizeiten für Schüler oder Führungen in die Natur.

Mehr unter www.bioversum-kranichstein.de

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Maik Baumbach

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