Totholz für einen lebendigen Garten

29.05.2008 Haus & Garten

Totholzecken sind ein wertvoller Lebensraum für viele Nützlinge

Sie werden von Marienkäfern, Ohrwürmern und Schlupfwespen besiedelt, bieten Unterschlupf für Igel oder Mauswiesel und sind die Nahrungsgrundlage für Pilze: Totholzhaufen im Garten schaffen Lebensräume. Gärtner mit „grünem Daumen“ nutzen dafür das Schnittholz von Bäumen und Sträuchern sowie Baumstümpfe, abgestorbene Äste oder vermodernde Stämme. Lothar Radtke, Hobbygärtner aus Hilchenbach, befasst sich nun seit fast zwanzig Jahren mit Totholzecken und gibt hier wertvolle Tipps für alle Interessierten.

In einem „aufgeräumten“ Garten landet Totholz in der Grünen Tonne. Wieso nicht bei Ihnen?

Totholz ist alles andere als tot. Es ist ein wichtiges Glied im Nährstoffkreislauf der Natur und bietet Lebensraum für viele Tiere und Pilze. Daher rate ich allen Naturfreunden, einen Totholzhaufen in einer Ecke des Gartens anzulegen. Es ist faszinierend, wie dieser Lebensraum von einer überwältigenden Zahl an Lebewesen besiedelt wird. Mit einer Lupe wird die gewaltige Vielfalt erst sichtbar.

Welche Arten profitieren vom neuen Lebensraum?

Pilze, Flechten, Moose, Wirbellose und Säugetiere – aus jeder dieser Gruppierungen habe ich bereits mehrere Arten in meinem Garten angetroffen. Auch Insekten sind stark vertreten: Ameisen, Hautflügler, Schmetterlinge und Käfer finden hier ihre Nische. Wissenschaftler schätzen, dass alleine circa 20 Prozent aller im Mitteleuropa vorkommenden Käfer auf Totholz angewiesen sind. Darunter auch vom Aussterben bedrohte Arten wie der Rindenkäfer (Teredus cylindricus). Ebenso beeindruckend ist, dass rund 2 500 Pilzarten eine Beziehung zu Totholz haben.

Wo liegt der Nutzen für den Gartenfreund?

Mich persönlich erfüllt es mit großer Freude, wenn mein Garten lebt. Viele Arten nutzen die Totholzecken als Trittsteine für die Besiedlung. So zum Bespiel wichtige Nützlinge wie die Gemeine Florfliege (Chrysoperia carnea), die im Inneren des Haufens überwintert. Die Lieblingsspeise ihrer im Frühsommer schlüpfenden Larven sind die meinerseits eher unerwünschten Blattläuse. Auch ein anderer Bewohner des Totholzes hat es auf Blattläuse abgesehen: Schlupfwespen legen ihre Eier in die Schädlinge, die Larven schlüpfen und fressen die Läuse von innen auf. Wildbienen sind ebenso in Totholzzonen anzutreffen. Neben den Honigbienen übernehmen sie einen großen Teil der Bestäubungsarbeit im Garten. Zudem stellen sich Meisen, Kleiber, Amseln oder Fliegenschnäpper ein, die hier Unterschlupf und reichlich Nahrung finden.

Kann ein genügend großes Totholzangebot im Garten den Pflanzenschutzaufwand reduzieren?

Totholzecken sind ein Element, das zu einem ökologischen Gleichgewicht und zur Artenvielfalt im Garten beiträgt. Funktionierende Kreisläufe und Nützlinge sorgen insgesamt dafür, dass das Gefährdungspotenzial für die Kulturpflanzen geringer wird, aber ganz ausschalten kann man es natürlich nicht. Bei Bedarf ist gezielter chemischer Pflanzenschutz mein Mittel der Wahl. Das eine schließt das andere nicht aus. Natürlich müssen wir sorgsam und verantwortungsvoll bei der Pflege unserer Pflanzen vorgehen. Der Totholzhaufen und mein Bekämpfungsmittel gegen den „verflixten“ Giersch (Aegopodium podagraria) vertragen sich durchaus.

Wo und wie legt man einen Totholzhaufen an?

Am besten geeignet ist ein schattiger Platz in der Nordwest-Ecke des Gartens unter Sträuchern oder Bäumen. Vorher den Boden lockern, damit von unten Käfer, Kellerasseln und Regenwürmer einwandern können. Die Zweige und Äste locker aufschichten, damit von allen Seiten Luft heran kann. Obendrauf können auch größere Stücke Holz aufgelegt werden, wenn möglich bereits besiedeltes Totholz. Wer kein eigenes Material hat, kann nach Rücksprache mit dem Förster im Wald Restholz sammeln.
Wenn möglich, sollte mehr Laub- als Nadelholz verwendet werden, denn darin kommen mehr Pilze vor. Es empfiehlt sich, in unmittelbarer Nähe Bodendecker anzupflanzen, so zum Beispiel Kleines Immergrün, Efeu-Gundermann sowie Gefleckte oder Rote Taubnessel. Zum einen kann sich der Gartenliebhaber am Gebrumme unzähliger Hummeln erfreuen, zum anderen bleibt damit der Boden um den Totholzhaufen feucht. Aber bitte aufpassen: Alle vorgeschlagenen Bodendecker wandern gerne.

Was raten Sie allen Interessenten?

Zunächst einmal ist es wichtig, vorher mit dem Partner zu sprechen und mit den Nachbarn Kontakt aufzunehmen. Hier und da kann zu schnelles Handeln schwerwiegende Folgen im zwischenmenschlichen Bereich haben, denn ein Totholzhaufen könnte leicht als Zeichen für einen unaufgeräumten Garten oder einen faulen Gärtner, missverstanden werden. Das wäre aber falsch. Richtig ist: Der Totholzhaufen im Garten zeichnet den Naturliebhaber aus. Bei manchen Gartenfreunden muss die Totholzecke erst im Herzen wachsen. Wenn sich das Holz erst einmal dekorativ in die Kräuterzone oder in rankende Gewächse eingliedert, wird es aber Interesse und Neugier – im Idealfall auch Begeisterung – wecken.