Ratten auf dem Vormarsch. Droht eine Rattenplage?

13.09.2007 Forschung & Technik

Wanderratten werden gegen Köder resistent: Mutationen machen ihre Bekämpfung immer schwieriger

In Deutschland breiten sich Rattenpopulationen aus, die gegenüber den gebräuchlichen Bekämpfungsmitteln (Rodentiziden) resistent sind. Die bislang erfolgreichen Rodentizide enthalten Wirkstoffe, die die Blutgerinnung bei der Ratte hemmen sollen. Jetzt drohen die Nager überhand zu nehmen, denn sie haben ihr Erbgut angepasst: Mutationen an einem Gen, das für die Blutgerinnung wichtig ist, wurden als Resistenzursache identifiziert.

Appetit auf Rattengift

Erste Hinweise auf resistente Ratten gab es Anfang der 80er Jahre bei Lingen im niedersächsischen Landkreis Grafschaft Bentheim. Landwirte meldeten der Landwirtschaftskammer, dass sie der Rattenplage nicht mehr Herr würden. „Auf einem Betrieb wurden pro Woche 200 Kilogramm Köder gefressen, und der Appetit der Ratten ließ nicht nach. Trotzdem verendeten die Tiere nicht. Das war völlig ungewöhnlich“, erinnert sich Prof. Gerhard Lauenstein, seinerzeit Berater an der Landwirtschaftskammer Weser-Ems. Da eine Ratte etwa 20 Gramm Köder pro Tag frisst, tummelten sich schätzungsweise über 1 400 der gefährlichen Nager auf diesem Betrieb!

Bekämpfung ist Pflicht

Landwirtschaftliche Betriebe mit Tierhaltung sind besonders attraktiv für Ratten, da die Stallungen einen idealen Unterschlupf und reichlich Nahrung bieten. Zu den „ansässigen“ Populationen gesellen sich im Herbst auch freilebende Tiere, die ein gemütliches Winterquartier suchen. Die ungebetenen Gäste sind daher für landwirtschaftliche Betriebe eine ständige Bedrohung. Ihre Bekämpfung ist für Tierhalter, besonders für Schweinehalter sogar gesetzlich vorgeschrieben. Treten Tierseuchen auf, gehört die konsequente und wirkungsvolle Bekämpfung der Nager zu den ersten Hygienemaßnahmen. So soll verhindert werden, dass sich eine Seuche auf Rattenpfoten in benachbarte Ställe einschleicht.

Gefährlich und extrem schädlich

Ratten übertragen nicht nur Tierseuchen, sondern auch Krankheiten, die für den Menschen gefährlich sind. Sie fressen Mensch und Vieh die Nahrung weg und verunreinigen darüber hinaus mit ihrem Kot und Urin Futtermittel und Lebensmittelvorräte. Auch Bauschäden gehen auf ihr Konto, weil sie Verkleidungen und Dämmungen zernagen und sogar vor Elektrokabeln nicht Halt machen.

Antikoagulantien: immer noch das Mittel der Wahl

Ratten sind ausgesprochen lernfähig. Einen Köder, der einen Artgenossen unmittelbar nach dem Fressen vergiftet, rühren sie nicht mehr an. Deshalb werden seit den 50er Jahren so genannte Antikoagulantien eingesetzt. Das sind Wirkstoffe, die allmählich die Blutgerinnung hemmen. Erst wenn die Ratte diese Stoffe regelmäßig über zwei Wochen aufnimmt, führen innere Blutungen schließlich zum Tod. Antikoagulantien sind - neben dem Begasungsmittel Blausäure - bis heute die einzigen zugelassenen Mittel zur Bekämpfung der gefährlichen Nagetiere.

Mutation macht resistent

Antikoagulantien werden in der Humanmedizin zur Behandlung von Thrombosen eingesetzt. Die Medizin gab auch den entscheidenden Anstoß für die Erforschung der Resistenz bei Ratten. Auch Menschen sprechen unterschiedlich stark auf Antikoagulantien an. Man stellte fest, dass bei Veränderungen an einem bestimmten Gen (VKORC1) höhere Dosen dieser Wirkstoffe benötigt werden, um Blutgerinnseln vorzubeugen. Ratten verfügen über dasselbe Gen und bei den resistenten Nagern wurden vergleichbare Mutationen gefunden.

Resistenz breitet sich aus

In den 90er Jahren wurde die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) eingeschaltet, weil die Probleme mit den Ratten-Mutanten weiter zunahmen. Nachdem die Nager zunächst nur gegen verhältnismäßig schwache Wirkstoffe gewappnet waren (Chlorphacinon und Warfarin; später auch gegen Coumatetralyl) die bereits seit den 50er Jahren eingesetzt werden), entwickelten sich weitere Resistenzen gegen neue Wirkstoffe. In den 90er Jahren vertrugen Ratten mit Resistenz-Gen bereits viel giftigere Substanzen als zehn Jahre zuvor (zum Beispiel Bromadiolon und zum Teil auch Difenacoum). „Offensichtlich ist die Mutation an dem Resistenz-Gen die Voraussetzung dafür, dass Ratten auch gegen neue Wirkstoffe unempfindlich werden“ resümiert Dr. Hans-Joachim Pelz, Leiter des Instituts für Nematologie und Wirbeltierkunde der BBA. Mit Untersuchungen an Hunderten von Ratten hatte der Experte bei resistenten Tieren diese Mutation nachgewiesen.
Nur wirksame Mittel ausbringen!

Die Zunahme der Resistenzen erschwert die erfolgreiche Bekämpfung. Wo Nager bereits gegen bestimmte Wirkstoffe unempfindlich sind, müssen neue, stärker wirksame Präparate eingesetzt werden. Die Wahl des richtigen Mittels, die fachgerechte Ausbringung und das regelmäßige Nachfüllen der Köder entscheiden darüber, ob der Mensch der Rattenplage noch Herr werden kann.