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Forschung & Technik
07.05.2013

Feldmäuse rücken zusammen wenn sie sich stark vermehren

Mit Legeflinten werden Köder verdeckt in die Gänge gelegt. Foto: Matthias Wiedenau

Jojo-Effekt bei der Populationsentwicklung – Bekämpfung bleibt schwierig

Feldmäuse sind wertvolle Glieder im Ökosystem Acker, aber nur solange sie nicht überhand nehmen. Vermehren sie sich zu stark, werden die kleinen Nager aus landwirtschaftlicher Sicht zur Plage. Sie sind durch Pflanzenschutzmaßnahmen kaum in den Griff zu bekommen und können im Extremfall Existenzen gefährden. Im Jahr 2012 verursachten sie Schäden in dreistelliger Millionenhöhe, so Dr. Jens Jacob vom Julius Kühn-Institut (JKI) in Münster. Er erforscht seit Jahren das Phänomen der Mäuse-Massenvermehrung. Um zukünftige Plagen vorherzusagen, hat er zusammen mit anderen Wissenschaftlern ein Prognosemodell entwickelt.

Dr. Jacob, können Sie die jährlichen Schäden durch Feldmäuse in Deutschland beziffern?

Ja, in Jahren mit großen Populationen von mehr als 2 000 Tieren pro Hektar betragen allein die Vorernteverluste 100 bis 120 Millionen Euro. Das kommt alle drei bis vier Jahre vor. Die Zahlen basieren auf Schätzungen zum Beispiel von Beratern und Mitarbeitern des Bauernverbands. Hinzu kommen Einbußen durch Kabelfraß, Flächenumbruch oder Verunreinigungen in Futtersilagen, die aber bislang nie umfassend bewertet worden sind. Im Jahr 2012 waren vor allem Landwirte in den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen betroffen.   

Auf welche Pflanzen haben Feldmäuse besonderen Appetit?

Wenn sie in Massen auftreten, putzen sie so ziemlich alles weg, was Bauern auf ihren Äckern anbauen: Getreide, Raps und Grünlandgräser, aber auch Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben oder Möhren. In Hausgärten wandern sie normalerweise aber nicht ein, es sei denn, sie grenzen direkt an einen Acker. In Gärten ist eher die Schermaus zuhause. 

Wann gerät eine Population aus dem Gleichgewicht?

Dazu gibt es verschiedene Theorien. Nach meiner Meinung sind mehrere Gründe für die periodischen Massenvermehrungen ausschlaggebend. Milde Temperaturen und nur kurze nasse Phasen sind gesund für die Tiere. Ebenso ein üppiges und vor allem proteinreiches Nahrungsangebot. Wenn Bauern den Boden nur flach und selten bearbeiten, können sich die Feldmäuse in ihren unterirdischen Bauten nahezu ungestört vermehren. Ebenso förderlich ist es für die Mäuse, wenn die Bodenoberfläche möglichst ganzjährig von hohem Bewuchs bedeckt ist. Das schützt Feldmäuse beispielsweise vor Raubvögeln. Treffen mehrere Faktoren zusammen, kann sich aus einem Feldmauspaar am Jahresanfang bis zum Herbst eine Großfamilie mit bis zu 2 000 Mitgliedern entwickeln. Die Feldmaus zeigt darüber hinaus ein Sozialverhalten, das die Massenvermehrung begünstigt. Die Tiere rücken bis zu einem gewissen Punkt einfach zusammen, wenn es auf dem Acker enger wird.  

Das kann aber nicht ewig so weitergehen…

Richtig. Das funktioniert nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich die zuvor genannten äußeren Faktoren wie Wetter, Nahrung oder Bodenbearbeitung verändern. Intensiv diskutiert werden aber auch die von innen wirkenden Faktoren, zum Beispiel Verhaltensänderungen. Wenn die Tiere zu dicht zusammen leben, wächst der Stress. Bei Rangordnungskämpfen setzen sich große aggressive Tiere durch und entwickeln Revierverhalten. Die Nachkommen der Konkurrenten werden getötet und die Populationen schrumpfen. Sehr hohe Besatzzahlen begünstigen zudem die Durchseuchung mit Krankheitserregern. Der ausgeprägte wellenförmige Verlauf der Tierzahlen ist auch für andere Kleinnager typisch. Bekanntestes Beispiel sind die Lemminge. 

Sie haben jetzt ein Prognosemodell entwickelt. Was steckt dahinter?

Das Modell ist vom JKI und dem Agrarsoftware-Unternehmen proPlant GmbH entwickelt worden. Wir haben mit statistischen Verfahren Witterungsverläufe identifiziert, die bestimmte Populationsgrößen zur Folge haben. Voraussetzung dafür sind jahrzehntelange Monitorings der Feldmausbestände, die uns die entsprechende Datengrundlage liefern. Diese liegen für die östlichen Bundesländer vor und wurden uns von den Pflanzenschutzdiensten freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Anhand der Witterung kann das Modell regionalspezifisch mit den Ampelfarben Rot, Gelb und Grün die Wahrscheinlichkeit für eine Massenvermehrung im folgenden Frühjahr beziehungsweise Herbst angeben. Obwohl wir uns nur auf Wetterdaten stützen, erreichen wir eine Genauigkeit von etwa 75 Prozent. 

Was können Landwirte machen, die in „roten“ Regionen wirtschaften?

Sie müssen vorbeugen und rechtzeitig bekämpfen. Bevor eine Massenvermehrung einsetzt, wandern die Tiere aus ihren Rückzugsgebieten wie grünen Wegen, Feldsäumen, Brachland rund um Windkraftanlagen oder Böschungen, in die Äcker ein. Gerade an den Grenzflächen sollte man die Tiere möglichst effizient kontrollieren. Landwirte machen das mit zinkphosphidhaltigen Ködern, die sie verdeckt in die Gänge ablegen, die zu den Bauten führen. Sind die Tiere bereits flächendeckend vertreten und mehrere Tausend Tiere pro Hektar vorhanden, ist diese aufwändige Methode nicht mehr praktikabel. Wenn eine massive Gefahr für die Ernte nicht anders abzuwehren ist, kann mit einer Notfallgenehmigung ein anderes Mittel breitflächig eingesetzt werden. Dieses kann aber Nebenwirkungen auf andere Wildtiere haben. Leider gibt es nur diese beiden Möglichkeiten. Wo Landwirte den Boden noch für eine Aussaat vorbereiten müssen, sollten sie ausreichend tief bearbeiten. Feldmausräuber wie Greifvögel, Wiesel, Marder, Füchse, Störche oder Reiher sollten selbstverständlich unterstützt werden. Ihre Bedeutung wird nach meiner Meinung allerdings oft überschätzt. Sie können zwar dazu beitragen, kleine Populationen klein zu halten. Aber für Feldmausinvasionen wie im Jahr 2012 reicht ihr Appetit nicht aus.

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