Landwirtschaft und Biodiversität – kein Gegensatz

Geht es um Biodiversität und Landwirtschaft, tauchen zwei Behauptungen wiederholt auf: „Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sterben aus“ und „Intensive Landwirtschaft verhindert Biodiversität". Ist das wirklich so? In der Wissenschaft sind Studien, die diesen Zusammenhang aufstellen, umstritten. Wie misst man Biodiversität? Wann war der Idealzustand gegeben, mit dem man vergleicht? Aber wann fließen neu hinzugekommene Arten in die Berechnung der Artenvielfalt ein? Fakt ist: Im Zuge der modernen Landwirtschaft ist die Zahl der Neusiedler gestiegen. Die intensive Landwirtschaft leistet einen ganz wesentlichen Beitrag zur Erhaltung einer Vielfalt von Ökosystemen, nicht zuletzt durch ihren (im Vergleich zum ökologischen Landbau) geringeren Flächenverbrauch. Gleichzeitig setzt die Branche zahlreiche Maßnahmen zur Erhaltung der Biodiversität um.

Biodiversität erfordert ganzheitliche Betrachtung

Der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln wird oft mit dem Rückgang der biologischen Vielfalt in Verbindung gebracht. Jüngere Studien, die diesen Zusammenhang belegen wollen, sind in der Wissenschaft jedoch sehr umstritten. Nach Auffassung des Industrieverbands Agrar ist hier eine ganzheitliche Perspektive gefragt. Es ist unzureichend, nur die Biodiversität der intensiv bewirtschafteten Agrarfläche zu betrachten. Hier wirken Pflanzenschutzmittel abwehrend gegen Schadorganismen oder Unkräuter, mit denen die Kulturpflanzen um Nährstoffe und Wasser konkurrieren müssen – weniger Vielfalt ist hier nicht nur in Kauf genommen, sondern beabsichtigt. Der generelle Verzicht auf Pflanzenschutzmittel würde die Ertragskraft der Landwirtschaft nahezu halbieren – mit drastischen Folgen für die Lebensmittelpreise.

Intelligentes Landschaftsmanagement lässt der biologischen Vielfalt Raum

Erst die intensive Bewirtschaftung bestehender Agrarflächen und die aus ihr resultierenden höheren Erträge verhindern, dass auch an anderer Stelle Natur in Ackerland umgewandelt werden muss. Ein Beispiel: Verglichen mit dem rapiden Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahrzehnte dehnte sich das Agrarland relativ langsam aus – mit der gleichen Anbaufläche konnten immer mehr Menschen ernährt werden. Dazu haben unter anderem die Entwicklung ertragreicher Pflanzensorten, der Einsatz von Mineraldünger und der chemische Pflanzenschutz beigetragen.

Moderne Produktionsweisen lassen höhere Erträge auf den bestehenden landwirtschaftlichen Flächen zu. So werden andernorts naturnahe Flächen oder Naturräume geschont. Landwirtschaft und Naturschutz profitieren also beide von einem intelligenten „Landschaftsmanagement“. Das heißt, Produktionsflächen und natürliche Lebensräume sollen nebeneinander existieren und ihre jeweiligen Funktionen erfüllen können.

Artenvielfalt anders gesehen: Zahl der Einwanderer steigt

Wenn vom Rückgang der Artenvielfalt die Rede ist, wird meist dem Schutz „alteingesessener“ Arten ein anderer Stellenwert zugemessen als so genannten Neusiedlern. Wenn man nur die Abgänge bisher heimischer Arten zählt, entsteht der Eindruck, dass die Artenvielfalt zurückgeht. Zählt man aber die zahlreichen Neusiedler mit, wird deutlich, dass die Zahl der Säugetier- und Vogelarten in den meisten Regionen Mitteleuropas seit 1900 zu- und nicht abgenommen hat.

Vielzahl von Maßnahmen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt

Biologische Vielfalt zu fördern ist eine Aufgabe, die alle angeht. Bewirtschafter von Flächen, die privaten und öffentlichen Eigentümer sowie die öffentliche Hand, aber auch jeder Einzelne tragen eine gemeinsame Verantwortung. Alle Akteure und Nutzergruppen müssen ihren Beitrag zur Erhaltung der biologischen Vielfalt leisten. Dazu gehören neben Landwirten auch Naturschützer, Forstwirte, Jäger und andere Interessengruppen.

Um auch in den Kulturlandschaften der Zukunft landschaftliche Eigenarten und damit gute Bedingungen für die dort lebenden Tier- und Pflanzenarten zu schaffen, müssen viele unterschiedliche Akteure gut abgestimmt und konstruktiv zusammenarbeiten.

Die Rückkehr der Feldlerche

Feldlerchenfenster. Quelle: DBVWas schon kleine Maßnahmen innerhalb intensiv geführter Kulturpflanzenbestände zum Schutz der Artenvielfalt beitragen können, zeigt das Beispiel der Feldlerchenfenster. Die Feldlerche ist eine heimische Vogelart. Ihre Population ist seit den 60er-Jahren in ganz Europa stark zurückgegangen. Die Feldlerche fand kaum noch günstige Nistplätze und Futter, war Raubtieren ausgeliefert und nicht zuletzt auch durch landwirtschaftliche Maschinen gefährdet. Dank der Feldlerchenfenster hat sich der Bestand stellenweise vervierfacht. Innerhalb der Äcker bleiben fünf bis zehn Meter lange Fenster von der Breite einer Sämaschine brach liegen. Diese Fenster bieten Feldlerchen ideale Brut- und Nahrungsbedingungen. Sind die Fenster einmal angelegt, können Dünger und Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, ohne die Brut der Vögel zu beeinträchtigen.