Pflanzenschutz und Bienengesundheit

28.08.2012

Hintergrundinformationen zu einer aktuellen Diskussion in Medien und Politik / Frankreich kein Vorbild

Sie ist das mit Abstand kleinste unserer Nutztiere, doch sie hat eine große Bedeutung für die gesamte Landwirtschaft: die Biene. Ihr Nutzen geht weit über die Honigproduktion hinaus; viele Kulturpflanzen sind auf die Bestäubung durch Bienen und andere Bestäuber angewiesen. Die Landwirtschaft braucht gesunde Bienen. 

Und gleichzeitig braucht die Landwirtschaft moderne Pflanzenschutzschutzmittel, um das Erntegut vor Pilzen, Pflanzenkrankheiten und Schadinsekten zu schützen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Landwirtschaft ohne chemischen Pflanzen­schutz 30 bis 50 Prozent ihrer Erträge verlieren würde. 

Landwirte brauchen wirksamen Pflanzenschutz

Das bedeutet: Schadinsekten müssen abgewehrt und unter Kontrolle gehalten werden. Dazu brauchen Landwirte eine spezielle Gruppe von Pflanzenschutzmitteln, die Insektizide. Eine besonders schonende und effektive Form der Anwendung von Insektiziden ist die Saatgut-Beizung: das Mittel wird zum Schutz schon auf die Saatkörner aufgetragen. Der Landwirt spart so Zeit und Energie, weil er so auf Spritzanwendungen bei den jungen Pflanzen verzichten kann. 

Aber machen die Mittel einen Unterschied zwischen nützlichen Insekten, wie den Bienen, und jenen Schadinsekten, die die Ernten bedrohen? Welchen Einfluss hat der Pflanzenschutzeinsatz auf die Gesundheit der Biene? Mit dieser Frage befassen sich Wissenschaftler schon seit vielen Jahren. Und auch bei der streng geregelten Zulassung der Pflanzenschutzmittel, die der Landwirt einsetzen darf, spielt der Schutz von Bienen eine wichtige Rolle: es werden nur Pflanzenschutzmittel zugelassen, die bei korrekter Anwendung kein Risiko für Bienen bedeuten. 

Dennoch häufen sich Berichte über große Verluste an Bienenvölkern bei deutschen Imkern, von einer angeschlagenen Gesundheit der Bienen ist die Rede, und auch das Wort „Bienensterben“ macht die Runde. Immer wieder wird eine Beziehung zum Pflanzenschutz-Einsatz in der modernen Landwirtschaft hergestellt. In Frankreich, so wurde es jüngst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen berichtet, hätten die Behörden „längst gehandelt“ und einen Wirkstoff aus dem Verkehr gezogen. Deutsche Behörden, so die Darstellung der Journalisten, schrecken vor den Konsequenzen zurück und „forschen noch“. 

Was ist dran an diesen Berichten? Es lohnt, einmal genauer hinzusehen. 

Winterverluste der Imker / „Bienensterben“

Zu den traurigen Gewissheiten der Imkerei gehört es, dass nicht alle Bienenvölker den Winter überstehen. Das war schon immer so. Nach besonders hohen Verlusten im Winter 2002/03 – die Imker verloren rund 30 Prozent ihrer Völker – wurde in Deutschland ein einzigartiges Forschungsprojekt ins Leben gerufen: das Deutsche Bienen-Monitoring. Führende Bienenforschungsinstitute sammelten die Daten von Imkern im ganzen Land, um der Ursache der gestiegenen Winterverluste auf die Spur zu kommen. 

Das Ergebnis eines vor zwei Jahren in einer angesehenen Fachzeitschrift veröffentlichten Forschungsberichts war eindeutig: Ursache für den Befall ist die aus Asien eingeschleppte Milbe Varroa destructor. Ein beteiligter Wissenschaftler drückte es in einem Zeitungsinterview so aus: „Der wichtigste Faktor ist Varroa, der zweitwichtigste Varroa, dann kommt Varroa“, so Peter Rosenkranz von der Universität Hohenheim gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (siehe Quellen-Sammlung am Ende des Textes). 

Neue Studien aus Frankreich

Liegt der Schlüssel zur Bienengesundheit also in der effektiven Kontrolle der Varroa-Milbe? Auch wenn dies die Auffassung der Mehrheit der führenden Bienenforscher ist, ist in der öffentlichen Berichterstattung häufig von „neuen französischen Studien“ die Rede, die ein anderes Bild ergeben hätten. So sagen die französischen Wissenschaftler, dass schädliche Einflussfaktoren, wie zum Beispiel Varroa, derzeit leichtes Spiel mit den Bienen haben, da sie durch den Einsatz einer bestimmten Gruppe von Pflanzen­schutzmitteln, den Neonicotinoiden, geschwächt sind. Experimente hätten zudem gezeigt, dass auch nicht-tödliche Dosen eines bestimmten Neonicotinoids das Orientierungsvermögen stark beeinträchtigen. Mit anderen Worten: die Bienen fanden unter Einfluss dieses Insektizids nicht zurück zu ihren Völkern. 

Die französische Regierung bat daraufhin umgehend ihre Fachbehörde ANSES (Agence Nationale de Securité Sanitaire), die vergleichbare Aufgaben hat wie das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), um eine wissenschaftliche Bewertung der Forschungsarbeiten. Denn die verwendeten Wirkstoffe sind auch in der französischen Landwirtschaft weit verbreitet. 

Das Expertengremium der ANSES lobte den innovativen Forschungsansatz der Wissenschaftler, äußerte aber erhebliche Bedenken, ob die in den Experimenten den Bienen verabreichten Mengen des Pflanzenschutz-Wirkstoffs mit der Konzentration, der die Bienen tatsächlich in der landwirtschaftlichen Praxis ausgesetzt sind, vergleichbar sind. Ausgehend von Daten aus allen europäischen Mitgliedstaaten stellte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA fest, dass die im Experiment verabreichte Wirkstoff-Konzentration rund zehn bis vierzig Mal höher war als die höchste überhaupt in der Realität gemessene Konzentration des Wirkstoffs im Nektar. 

Eine politische Entscheidung gegen die Wissenschaft

Der in Frage gestellte Wirkstoff wurde seit vielen Jahren im französischen Raps-Anbau auf zuletzt rund 790 000 Hektar eingesetzt, ohne dass es zu Beeinträchtigungen der Bienenpopulation kam. Auch vor diesem Hintergrund, so stellten die Wissenschaftler von ANSES fest, gäben die Studien keinen Anlass, die Risikobewertung im Rahmen der Zulassung des betreffenden Pflanzenschutzmittels in Frage zu ziehen. Oder einfacher: Wissenschaftlich gibt es keinen Grund, das Mittel zu verbieten. 

Und trotzdem tat der neue französische Landwirtschaftsminister Le Foll genau das: Gegen das wissenschaftliche Votum seiner eigenen Fachbehörde widerrief er die Zulassung eines wichtigen Saatgutbeizmittels. Dies muss man wissen, wenn jetzt so getan wird, als handelten die französischen Behörden resolut, während die deutschen noch zögern. Tatsächlich war es eine politische Entscheidung Frankreichs, die nach Ansicht des Industrieverbands Agrar (IVA) in Europa nicht Schule machen darf.

Mehr zum Thema:

>> Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) vom 03.04.11

>> Das Deutsche Bienen-Monitoring (Übersetzung aus dem Englischen) (PDF, 1 MB)

>> Wissenschaftliche Meinung der französischen Behörde ANSES (engl.) (PDF, 127 KB)