Minimalschnitt im Spalier – eine neue Form der Reberziehung

12.03.2015 Forschung & Technik

Selbstregulierende Wuchskraft oder chaotischer Wildwuchs? Ein Berater und ein Winzer erläutern ihre Standpunkte – pro und contra Minimalschnitt.

Am Minimalschnitt scheiden sich die Geister. Wie schon der Name sagt, werden Reben dabei wenig bis überhaupt nicht beschnitten. Ein Argument für die Minimalerziehung ist die Arbeitszeitersparnis. Die bisher übliche, arbeitsintensive Reberziehung kommt damit auf den Prüfstand. Ihre Anhänger argumentieren, dass nur die herkömmliche Reberziehung Top-Qualitäten hervorbringt.

Pro Minimalschnitt

Oswald Walg ist Lehrer und Berater für Weinbau mit dem Schwerpunkt Weinbautechnik beim DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück, Standort Bad Kreuznach. „Vom Charme des Minimalschnitts im Spalier lassen sich immer mehr Praktiker beeindrucken“. Die Rebanlage wird belassen, wie sie ist. Ein Meter achtzig Zeilenbreite genügt. Rebschnitt, Biegen der Äste und Heften entfallen. Wichtig ist es, die Triebe zwischen den Heftdrahtrahmen gut zu befestigen. damit die oberen Trauben nicht auf die unteren drücken.

Zum Pflanzenschutz wird ab der Blüte jede Zeile befahren, weil die Dichte der Laubwand die Spritzbrühe nur unzureichend bis zur nächsten Zeile durchlässt. Der Beerenansatz wird mit dem Vollernter ausgedünnt. So reifen lockerbeerige Trauben heran. Auf Ertrag verzichten, um bessere Qualität zu erzielen, das gilt für beide Erziehungsmethoden. Sind die Trauben gesund, kann die Lese später einsetzen. Das eröffnet dem Kellermeister beste Voraussetzungen für die Weinherstellung.

Hagel, Sonnenbrand, Frost, Wildverbiss und die Rebenkrankheit Esca können dem Minimalschnitt wenig anhaben. Wenn beim Normalschnitt 60 bis 70 Prozent der unteren Triebe erfrieren, ist das ein schmerzhafter Verlust. Beim Minimalschnitt im Spalier macht das weniger aus. 40 – 50 Stunden Arbeitszeit fallen pro Hektar an. Die Erzeugung der Trauben für einen Liter Wein kostet dadurch 15 bis 20 Cent weniger. Zum Vergleich: 180 bis 250 Stunden sind bei Normalerziehung üblich. Mit dem aktuellen Trend zu besserer Qualität verträgt sich der Minimalschnitt im Spalier. Premiumqualität beruht in erster Linie auf Ertragsbegrenzung. Ob 6 000 Liter pro Hektar per Normal- oder Minimalschnitt produziert wurden, spielt keine Rolle.

Contra Minimalschnitt

Manfred Vogel erzieht seine Reben konventionell. Er bewirtschaftet seit fast 40 Jahren ein Weingut in der Südpfalz. Seine Philosophie lautet „Qualität im Weinberg und Sensibilität im Keller“. Mit dem Rebschnitt legt er gezielt die Grundlage für den nächsten Jahrgang. Zur guten Führung eines Weinguts gehört für Manfred Vogel höchste Sorgfalt.

1975 hat der Winzer in einen kleinen Weinbaubetrieb mit damals vier Hektar Rebenfläche eingeheiratet. Heute bewirtschaftet er knapp 60 Hektar und kauft noch von 25 Hektar Trauben zur Weiterverarbeitung zu. Heute vermarktet das Weingut 8 000 Liter Wein pro Hektar. Vogel beobachtet seine Reben genau und behandelt sie bei Bedarf sachgerecht und gezielt mit zugelassenen Pflanzenschutzmitteln.

Auch wenn es für jeden Weinbauer sehr verlockend ist, mit weniger Arbeitskräften auszukommen, überwiegen bei Manfred Vogel die Zweifel, dass auf einer Minimalschnittanlage wirklich gute Qualitäten zu erzielen sind. „Wie soll ich da als Betriebsleiter den Zustand des Weinbergs erkennen?“ Er kann sich nicht vorstellen, dass man im dichten Laub Pflanzenschutz wirksam einsetzen kann, und er befürchtet böse Überraschungen bei der Weinlese, wenn sich im Inneren der dichten Laubwände Krankheiten und Schädlinge verstecken und dort unerkannt auf ihre Weise seine Erträge reduzieren. Manfred Vogel setzt auf Durchblick in der Rebanlage. Um höchste Qualität zu erzielen, schneidet er die Reben zurück und bindet die verbleibenden sorgsam an die Drähte. Er dünnt das Reblaub aus und halbiert die noch grünen Trauben bei der sogenannten Grünlese.

Minimalschnitt kann Manfred Vogel sich allenfalls zur Herstellung von einfachen Verarbeitungsweinen vorstellen. Wirtschaftlich interessanter sind aber hochwertige Weine. Er hat aus seinen Anfängen gelernt. Nur mit Qualität komme man weiter. „Ich bin gegenüber allem aufgeschlossen, was uns Winzer weiterbringt indem es Kosten spart, unsere Arbeit erleichtert und unsere Qualität fördert. Minimalschnitt gehört für mich nicht dazu.“  

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