Digitalisierung soll Landwirtschaft noch effizienter machen

01.06.2017 Forschung & Technik

Bewirtschaften Start-Ups und Apps den Bauernhof 4.0?

Autonome Traktoren als fahrende Rechenzentren, Apps zur Unkrautbestimmung und Vorhersage von Krankheiten oder Drohnen zur Erntebeurteilung – vieles ist heute schon Realität. Muss der Landwirt bald um seinen Job fürchten?

Die Digitalisierung ist ein Megatrend in der Landwirtschaft. Von Sensoren, die anhand der Pflanzenfarbe die Düngung steuern, hat man schon gehört. Oder von Traktoren, die mit GPS-Unterstützung schnurgerade über den Acker fahren. Doch das ist nur der Anfang. Start-Ups, Landtechnikfirmen oder Forschungseinrichtungen arbeiten momentan fieberhaft an der Zukunft: Produktionsprozesse steuern sich selbst, Maschinen kommunizieren mit Maschinen, Drohnen ermitteln über den Feldern per Nahinfrarotaufnahmen Stresssituationen, Krankheiten oder voraussichtliche Pflanzenerträge, eine Vielzahl von Minirobotern bekämpfen Unkräuter oder übernehmen andere Pflegearbeiten usw. Dies ist nur eine kleine Auswahl. Der Bauernhof 4.0 soll bald Realität werden. Dafür müssen sich die vielfältigen Anwendungen mittels modernster Informations- und Kommunikationstechnik verzahnen und mit Farmmanagement-Systemen zentral steuern und überwachen lassen.

Höhere Effizienz, bessere Qualität

Sensortechnik, Elektronik und Software machten bei Landmaschinen nach Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure bereits 2015 rund 30 Prozent der Wertschöpfung aus. Die Digitalisierung gibt es nicht zum Nulltarif. Landwirte haben aber gute Gründe für die Investitionen: Mit Sensoren und Apps lassen sich Weizen, Äpfel oder Gemüse effizienter, ressourcenschonender und mit höherer Qualität erzeugen. Ein Beispiel sind Prognosemodelle zu Krankheitsentwicklungen. Damit kann der Landwirt noch fundierter Entscheidungen treffen. Selbst wenn nur 5 Prozent Treibstoff, Zeit oder Pflegeaufwand eingespart werden, rechnet sich neue Technik besonders auf größeren Betrieben überraschend schnell.

Daher verwundert es nicht, dass die Weichen in der Branche auf Wachstum stehen. Weltweit wächst der Markt für digitale Präzisionslandwirtschaft nach einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger jährlich um 12 Prozent.

Weniger Hand-, mehr Kopfarbeit

Glaubt man den Behauptungen in der Werbung, ist der Weg zum Bauernhof 4.0 nur noch Formsache. Es scheint, als könne der Landwirt zudem massiv Arbeitszeit einsparen. Das bestätigen Landwirte, die bereits praxisreife Verfahren anwenden. Allerdings wird ein beträchtlicher Teil der Zeitersparnis auf dem Feld durch mehr Büroarbeit wieder aufgebraucht. Der Landwirt muss bereit und in der Lage sein, seinen Beruf noch mehr als Managementaufgabe mit umfangreicherer Steuerung und Kontrolle der Prozesse zu verstehen. Systemexperten sind in Zukunft mehr denn je gefragt. Das leicht nostalgische Image vom traditionellen Landmann wird durch die neuen Entwicklungen scheinbar auf den Kopf gestellt.

Hindernisse auf dem Weg

Der digital vernetzte Bauernhof 4.0 ist keine Utopie mehr. In der Praxis gibt es jedoch noch größere Baustellen. Vor allem das Datenhandling ist eine Herausforderung. Dafür benötigt es einheitliche Formate. Ein Traktor muss mit dem angehängten Pflanzenschutzgerät „sprechen“ können, eine Drohne mit dem Farmmanagement-System oder das Buchführungsprogramm mit der Lagerhaltung. Das ist noch lange keine Selbstverständlichkeit. Manchmal sind noch nicht einmal die Geräte und Systeme eines Herstellers untereinander kompatibel. Sogenannte Insellösungen können allenfalls eine Zwischenlösung sein. Nur mit funktionierenden Vernetzungen kann die Digitalisierung ihre Stärken ausspielen. Die Beteiligten müssen sich also zusammenraufen und gemeinsame Standards erarbeiten. Damit die Arbeit mit den großen Datenmengen Spaß macht, benötigt der Landwirt schnelle Internetverbindungen. Gerade in ländlichen Gebieten gibt es aber noch größere Lücken im Breitbandausbau. Das Thema Datenschutz brennt ebenso unter den Fingernägeln. Viele Hersteller arbeiten mit Clouds, die teilweise leicht zu hacken sind.

Gummistiefel-Ära vorbei?

Selbst wenn diese Hindernisse einmal bewältigt sind, wird die Gummistiefel-Ära nicht Geschichte sein. Landwirtschaft ist ein Geschäft unter freiem Himmel und findet nicht unter definierten Bedingungen in einer Fabrikhalle statt. Wetter ist nur begrenzt kalkulierbar. Es beeinflusst die Landwirtschaft jedes Jahr in anderer Art und Weise. Die Natur ist eben nicht digital! Deshalb wird der Grüne Daumen des Landwirts auch in Zukunft gefragt sein. Und die Gummistiefel ebenfalls.