Unkraut oder "Wildkraut"?

12.05.2011 Haus & Garten

Unkraut ist die Opposition der Natur gegen die Diktatur der Gärtner (Oskar Kokoschka)

Wer seinen Garten plant, muss sich überlegen, wieviel Gestaltungsmöglichkeiten der Gartenfreund und welche Entfaltungsmöglichkeiten die Natur erhalten soll. Fast jeder Garten hat einen Randbereich, in dem auch mal Wildpflanzen wachsen dürfen. Unkraut oder Wildpflanze – wo ist der Unterschied? Die meisten “Unkrautprobleme” im Garten sind durch Jäten oder Hacken zu lösen. Bei speziellen Problemen sollte man sich unbedingt beim Fachhandel, oder durch die Mitarbeiter des amtlichen Pflanzenschutzdienstes beraten lassen, damit die Behandlung auch zum gewünschten Erfolg führt.

Mit der Pflanzenvielfalt im Garten stellt sich bald die Vielfalt an Tierarten ein. Die Vogelmiere beispielsweise ist Nährpflanze für zahlreiche Schmetterlingsarten wie Hausmutter, Graubär, Schwarzes C, Gemeine Graseule sowie verschiedene andere Spanner- und Eulenarten. Der Weiße Gänsefuß ist bei der Gemeinen Graseule und anderen Eulenarten begehrt. Korbblütler wie Acker- und Gänsedistel sind Nahrungsquelle für zahlreiche Schmetterlinge und Käfer, aber auch für Schweb- und Florfliegen. Deren Larven wiederum ernähren sich von Blattläusen, und stellen damit einen natürlichen Gegenspieler für diese Schädlinge dar. Die wilde Möhre, wie auch die Kulturmöhre oder Dill sind Nährpflanzen für die Raupen des seltenen Schwalbenschwanzes.

Selbst die Große Brennnessel hat ihre guten Seiten. Für den Vegetarier ist sie ein Wildgemüse, für den Kleintierhalter eine Futterpflanze, für Raupen bekannter Schmetterlingsarten, wie Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Admiral oder Landkärtchen eine Nährpflanze und für den Apotheker eine Heilpflanze. Beifuss ist ein wertvolles Gewürz für den weihnachtlichen Gänsebraten. Löwenzahn, Wegerich und andere Arten lassen sich zu Salaten verarbeiten. Zum Unkraut werden diese Pflanzen eigentlich nur dann, wenn sie mit Nutzpflanzen um Standraum, Licht, Wasser und Nährstoffe konkurrieren oder sich über Gebühr ausbreiten. Je nach Standort und Witterung kann beispielsweise eine Pflanze des Kleinblütigen Franzosenkrautes 5 000 bis 10 000 Samen, eine Hirtentäschelkrautpflanze bis 40 000 Samen und eine Gemeine Beifußpflanze bis zu 70 000 Samen produzieren, wenn man sie „auswachsen“ lässt. 

Zu nützlichen Wildkräutern verwandeln sich dieselben Pflanzen im Herbst: Wenn sie auf den abgeernteten Flächen auflaufen , bilden sie als natürliche Mulchdecke einen Bodenschutz , der so lange willkommen ist, wie die Pflanzen nicht zur Samenreife kommen. Sie müssen vorher beseitigt oder als Gründüngung untergegraben werden. 

Unerwünschter Pflanzenwuchs – auch eine Geschmacksfrage

Unkraut oder Begleitflora, das hängt vor allem vom Standort ab. Experten unterscheiden zwischen Wildaufwuchs, unerwünschtem Pflanzenwuchs und Unkraut.

  • Wildaufwuchs ist ein strukturbestimmendes oder duldbares Element in naturnahen und gestalteten Ökosystemen.
     
  • Unerwünschter Pflanzenwuchs wird vorwiegend aus ästhetischen Gründen als störend empfunden. Hier entscheiden der individuelle Geschmack und das ästhetische Empfinden über die persönliche Einstufung der “wilden” Pflanzen. Die netten Farbtupfer der Gänseblümchen können mit der Zeit im Rasen überhand nehmen, da die ausdauernden Pflanzen unter dem Rasenmähen nicht leiden und aus dem Wurzelstock sehr regenerationsfähig sind. Auch der Gemeine Löwenzahn und Weißklee verdrängen mit der Zeit die Gräser. Dann wird aus Rasen eine Blumenwiese.
     
  • Unkraut ist Pflanzenaufwuchs, der mit den Kulturpflanzen um Standraum, Licht, Wasser und Nährstoffe konkurriert. Dann leiden die Kulturpflanzen und der Ertrag. Besonders problematisch sind Wurzelunkräuter, wie Quecke, Ackerschachtelhalm, Winde oder Giersch.
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Wann dulden, wann bekämpfen?

Pflanzen verdienen also eine differenzierte Betrachtung. Es kann sich lohnen, im Spannungsfeld zwischen Unkraut und Wildkraut den goldenen Mittelweg für den eigenen Garten zu suchen. Eine einzelne Brennnesselpflanze mag ihre Aufenthaltserlaubnis haben. Vereinzelte Dillpflanzen „wild“ im Garten auf den Gemüsebeeten wachsen zu lassen, kann sich lohnen: Dill ist nicht nur ein wohlschmeckendes Küchenkraut, er bietet auch Schmetterlingen Nahrung. Wer einzelne Dillpflanzen bis zur Samenreife stehen und verwildern läßt, kann mit etwas Glück Raupen und Schmetterlinge des Schwalbenschwanzes beobachten. Selbst niedrige Pflanzen wie die einjährige Rispe in Pflasterfugen von Wegen, Sitzplätzen oder Auffahrten müssen kein Zeichen für gärtnerische Nachlässigkeit sein.

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