IVA im Dialog: Digitales Parlamentarisches Frühstück zu Biostimulanzien und Biologischen Pflanzenschutzmitteln

15.07.2021

"Biostimulanzien und Biologische Pflanzenschutzmittel – wie wichtig sind Naturstoffe für den integrierten Pflanzenbau der Zukunft?" Diese Frage diskutierten rund 60 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Medien bei einem digitalen Parlamentarischen Frühstück auf Einladung des Industrieverbands Agrar e. V. (IVA) am 14. Juli 2021. Die Landwirtschaft soll nachhaltiger und klimafreundlicher werden. Diese Erwartungen werden seitens Politik und Gesellschaft immer deutlicher formuliert – sei es national als auch auf europäischer Ebene mit der Farm to Fork Strategie. Der Pflanzenbau der Zukunft soll dabei mit deutlich weniger chemischen Pflanzenschutzmitteln und Mineraldüngern auskommen. Große Hoffnungen ruhen auf biologischen Pflanzenschutzmitteln und Biostimulanzien. 

Beide Produktbereiche stellen im IVA bereits wichtige Säulen dar und sind zentraler Bestandteil des integrierten Pflanzenbaus, betonte Jörn-Fried Johannsen, Vorsitzender des IVA-Fachbereichs Biostimulanzien. Die Industrie wird in den nächsten Jahren europaweit etwa 4 Milliarden Euro in die Entwicklung neuer biologischer Mittel investieren. Denn ob auf Basis von Pflanzenextrakten oder Mikroorganismen – innovative Naturstoffe seien aus einem Pflanzenbau der Zukunft nicht mehr wegzudenken, so Johannsen. Nun gelte es, die passenden Rahmenbedingungen für den Einsatz und die Zulassung dieser Produkte voranzutreiben. Hierzu gehören insbesondere auch unabhängige Konformitätsbewertungsstellen für die Bewertung von Biostimulanzien. 

Dies sieht auch Marlene Milan vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) als eine der größten Herausforderungen. Sie betonte in ihrem Vortrag, dass die Zulassungsanforderungen und Guidance Documents oftmals ungeeignet für biologische Mittel seien, da sie für chemisch-synthetische Wirkstoffe entwickelt wurden. Dies müsse schneller und einfacher werden – gerade auch, da die Nachfrage nach biologischen Produkten wächst. So stieg der Anteil an ökologisch bewirtschaftenden Flächen ebenso wie der Bio-Absatzmarkt in den letzten Jahren deutlich an. Die Entwicklung neuer pflanzlicher Wirkstoffe verfolge dabei auch das Ziel, umstrittene Mittel, wie zum Beispiel Kupfer, zu substituieren.

Professor Dr. Johannes Jehle, Leiter des Instituts für Biologischen Pflanzenschutz am Julius Kühn-Institut (JKI), sprach unter anderem zu Forschung und Entwicklung biologischer Produkte. In den kommenden Jahren müsse sich die Forschung vor allem auf die Grundlagen, die Anwendungen und die Folgen konzentrieren, so der Wissenschaftler. Jehle sieht bei biologischen Produkten ein Selektivitätsdilemma gegeben. Zum einen wirkten die Mittel sehr spezifisch auf einen Schaderreger, damit gebe es keine oder nur geringe negative Auswirkungen auf die Umwelt sowie weniger Rückstandsbelastungen. Zum anderen sei die Anwendung dadurch sehr begrenzt und gerade bei Schädlingskomplexen oder neuen Schaderregern schwierig. Der Markt sei somit klein und für weniger Anbieter attraktiv. Hinzu kämen die lange Zulassungsdauer und hohe Kosten. Es sollte daher darüber nachgedacht werden, diese Kosten nicht allein dem Antragsteller zu überlassen, so Jehle. Eine Möglichkeit sei, die Gesellschaft, zum Beispiel durch höhere Lebensmittelpreise, daran zu beteiligen.

Abschließend berichtete "Erklärbauer" Phillip Krainbring, der einen Ackerbaubetrieb in der Magdeburger Börde leitet, über seine Erfahrungen beim Einsatz von Biostimulanzien und biologischen Produkten. "Ich habe bereits mit Biostimulanzien gearbeitet, da wusste ich noch gar nicht, dass sie so heißen", so Krainbring. Der Landwirt setze unter anderem ein Mikroorganismen-Präparat auf dem Acker ein, um die natürliche Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen. Zudem nutze er im Mais eine alternative Beize, ebenfalls auf Basis von Mikroorganismen. Mittlerweile könne er schon deutliche Erfolge sehen und den Einsatz von mineralischen Düngern und Pflanzenschutzmitteln um teilweise bis zu 30 Prozent minimieren. Das neueste Experiment sei ein Kompost-Tee, den er selbst auf dem Hof braut. Der Landwirt und Blogger ist überzeugt, dass die Veränderung in der Landwirtschaft nur funktioniert, wenn alle, Produzenten wie Verbraucher, offen sind für Neues und auch mal etwas ausprobieren. Von der Politik wünsche er sich dabei mehr Weitsicht und einen direkteren Kontakt zum Landwirt. Viele Entscheidungen der Politik wären so ad hoc nicht umsetzbar, da Landwirtschaft auf einem System aufbaue und keine "Toolbox" sei, bei der einfach das eine gegen das andere ausgetauscht werden könne.

Darin waren sich dann auch alle Diskutanten einig: Der Wille zur Veränderung ist da. Es gelte nun, die Hürden zügig aus dem Weg zu räumen – vor allem im Bereich der Zulassung und Regulierung biologischer Mittel.