Wenn Pflanzen zu Unkräutern werden

Mit ihrem stark verzweigten Wurzelwerk können Unkräuter dem Ackerboden mehr Nährstoffe und Wasser entziehen als die Nutzpflanzen. So beansprucht beispielsweise der Ackersenf die 2,6- bis 1,2-fache Wassermenge wie Gersten- und Haferpflanzen. Die entsprechend schnell wachsenden Kräuter beschatten die Nutzpflanzen. Wenn Klettenlabkraut die Weizenpflanzen überwuchert und verklebt, kann das Getreide nicht mehr maschinell geerntet werden. Und nun berichtet Dr. Peter Knuth, Landesanstalt für Pflanzenschutz, Stuttgart, in den DLG Mitteilungen 2/05, dass Klette, Knöterich und Fuchsschwanz - ein Ungras inmitten von Kulturpflanzen - auch gute Wirtspflanzen für Stängelälchen (Nematoden) sind.

Wildkräuter werden auf dem Acker zu Unkräutern

Ein Unkraut ist - kurz gesagt - eine Pflanze, die zur falschen Zeit am falschen Ort wächst. Meistens sind es Wildkräuter, aber auch Kulturpflanzen können zu Unkräutern werden. Etwa Kartoffelpflanzen in einem Rübenfeld, die sich hier ungeplant breit machen. Während die Stärken der Kulturpflanzen nach Jahrhunderten der Züchtung bei wichtigen Eigenschaften wie Resistenzen gegenüber Krankheiten, großen Früchten, hohem Ertrag und wertgebenden Inhaltsstoffen liegen, verfü gen Unkräuter über ein starkes Wurzelwachstum und ein ausgeprägtes Wasseraneignungsvermögen. All das führt zu ihrem insgesamt schnelleren Wachstum im Vergleich zu Kulturpflanzen.

Die Unkrautflora

der Äcker setzt sich nicht zufällig zusammen. Bei der regelmäßigen Bearbeitung von Kulturland können sich nur solche Pflanzenarten halten, die entweder vorher ihre Samen zur Reife bringen oder danach aus unterirdischen Dauerorganen (Wurzelstöcke, Knollen, Zwiebeln usw.) austreiben können. Neben Klima und Bodeneigenschaften spielen weitere Faktoren eine Rolle: die Bodenbearbeitung, die Bestellung der Felder, Erntemaßnahmen, Düngung und vor allem auch die angebauten Kulturpflanzenarten, ob Winter- oder Sommergetreide oder Blattfrucht.
Aus dem gewaltigen Samenvorrat eines Ackerbodens von bis zu ½ Million Samen je Quadratmeter keimen jeweils nur die Arten, für die günstige Bedingungen vom Menschen geschaffen werden. Und die Samen solcher Kräuter können über viele Jahre im Boden überleben.

Die Schadensschwelle

Damit die Kulturpflanzen nicht durch die Kräuter am falschen Platz zu kurz kommen, muss der Landwirt sie an dieser Stelle bekämpfen. Ob und wann das geschieht, hängt davon ab, ob die wirtschaftliche Schadensschwelle überschritten wird. Das heißt, eine Bekämpfungsmaßnahme wird nur dann durchgeführt, wenn der ohne Bekämpfung zu erwartende Schaden größer zu werden droht als die Kosten für die Bekämpfung. Die Schadensschwelle, die auch für andere Schaderreger gilt, ist der Schlüsselbegriff des Integrierten Pflanzenbaus.

Unkraut fördert Stängelälchen

Das Stängelälchen Ditylenchus dipsaci kommt im Boden vor und besiedelt die Stängelbasis von mehr als 450 Wirtspflanzen. Die Nematoden dringen mit ihrem Mundstachel und verschiedenen Speichelenzymen in das Gewebe ein und lösen die Mittellamellen der Zellen auf. Mais- und Roggenpflanzen fallen um, Rüben verfaulen total, Zwiebeln erleiden abnorme Verdickungen und Verkrümmungen. Bei ungünstigen Lebensbedingungen wie Austrocknung kann das Stängelälchen in einem bestimmten Entwicklungsstadium jahrelang überdauern. So kann es nach längerer Lagerung von befallenen Pflanzenteilen, z. B. Samen, zu einer Übertragung auf andere Pflanzen kommen.

In welchem Umfang sich die Stängelälchen in Ackerunkräutern vermehren und „Hungerjahre“ überstehen können, untersuchte die Landesanstalt für Pflanzenschutz in Stuttgart. Das Ergebnis war:
Gerade die auf Ackerflächen häufig vorkommenden Unkräuter und Ungräser sind offensichtlich hervorragende Wirtspflanzen für das Stängelälchen. Spitzenreiter sind Klettenlabkraut und Windenknöterich. Nur wenige Pflanzen reichen, um den Nematoden ein Überleben im Boden ohne Kultur-Wirtspflanzen zu ermöglichen. Mit den befallenen Samen des Klettenlabkrauts können Nematoden auf noch nicht verseuchte Felder gelangen. Aber es gibt auch einige Unkräuter, die nicht befallen werden, wie Ackerkratzdistel, Melde, Quecke und Kamille. Die Tiere konnten zwar in geringem Umfang in die Pflanzen eindringen, sich zu ausgewachsenen Tieren entwickeln, aber nicht vermehren.

Eine chemische Bekämpfung der Nematoden scheidet aus. Nur eine erfolgreiche Bekämpfung der Unkräuter in allen Kulturen kann sicher stellen, dass vorhandene Populationen der Stängelälchen zurückgehen.