Tomaten und Gurken kommen ohne Erde aus

11.05.2017 Schule & Wissen

Substratkulturen überwiegen mittlerweile im Profianbau – keine Geschmacksunterschiede feststellbar

Vor 30 Jahren kamen findige Gärtner in den Niederlanden auf die Idee, ihr Gemüse in Gewächshäusern ohne Erde anzubauen. Als Ersatz dienten Substrate wie Steinwolle oder Holzfasern. Weil das Verfahren viele Vorteile hat, verbreitete es sich in den folgenden Jahren auch in Deutschland. Theo Reintges verrät uns interessante Details. Er betreut das Gemüse-Versuchswesen bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Herr Reintges, welche Gemüsekulturen wachsen auf Substraten und wie groß ist ihr Anteil gegenüber dem Anbau im Boden?

In Deutschland wachsen im Unterglas-Erwerbsanbau mittlerweile etwa 80 Prozent der Tomaten und Gurken sowie mehr als 50 Prozent der Paprika auf Substraten. Darüber hinaus eignen sich auch Kulturen wie Auberginen. Bei den Substraten dominieren Kokosfasern und Steinwolle. Außerdem werden Holzfasern, Perlite – das ist aufgeschäumtes Vulkangestein – und Bims verwendet. Ein anderes Verfahren gibt es bei Salaten und Kräutern. Diese Kulturen wachsen zum Teil in Rinnen, durch die Nährlösung fließt (Nährfilmtechnik) oder sie schwimmen gleich auf der Nährlösung.

Schmeckt das auf Substrat angebaute Gemüse?

Dazu gab es viele vergleichende Verkostungen, zum Beispiel bei Tomaten. Das Ergebnis: Der Geschmack hängt von der Sorte und der Anbaujahreszeit ab. Ob Erde oder Substrat verwendet wird, spielt keine Rolle.

Wie funktionieren die Substratverfahren?

Die Pflanzen wachsen auf kleinen Foliensäcken oder in Containern. Etwa zwei bis fünf Liter Substrat reichen pro Pflanze. Weil kein Boden vorhanden ist, der Wasser speichern kann, wird die Pflanze bis zu 30 Mal pro Tag bewässert. Mit einer Nährlösung, die exakt auf den Bedarf der Kultur zugeschnitten ist. Ein Steuerungscomputer bemisst die Bewässerung und regelt das Anmischen der Nährlösung in der Düngestation. Dieser technische Aufwand macht ein 10 000 Quadratmeter großes Gewächshaus etwa 20.000 bis 30.000 Euro teurer. Aber der höhere Ertrag, die optimale Nährstoffeffizienz und andere Vorteile gleichen die zusätzlichen Kosten mehr als aus. Die Ware ist für den Verbraucher nicht teurer.

Welche weiteren Vorteile bietet das Verfahren?

Der entscheidende Vorteil besteht darin, dass sich die Gärtner auf den Anbau einer Kultur spezialisieren können. Er muss nicht aus Fruchtfolgegründen ständig das angebaute Gemüse wechseln. Stattdessen kann der Betriebsleiter über zehn oder 20 Jahre ausschließlich Tomaten oder Gurken anbauen. Das vereinfacht die Vermarktung. Und er richtet das Gewächshaus optimal für die jeweilige Kultur ein. So zum Beispiel mit dem richtigen Bewässerungssystem oder ideal platzierten Anbindedrähten.

Wieso gibt es kein Fruchtfolgeproblem?

Substrate verhalten sich anders als Mutterboden. Bei wiederholtem Anbau eines Gemüses reichern sich im Boden spezielle bodenbürtige Krankheiten wie Verticillium, Fusarium oder auch Nematoden an. Die Wurzelausscheidungen verursachen zudem eine sogenannte Bodenmüdigkeit. Die Ernten sinken immer weiter ab. Ganz anders in den Substratverfahren: Steinwolle, Perlite und Kokossubstrat können nach einem Jahr ausgetauscht werden. Die Substrate lassen sich aber auch dämpfen und sind dann sechs bis sieben Jahre verwendbar. Das würde prinzipiell auch mit Mutterboden funktionieren. Aber der Aufwand und damit die Kosten sind wegen des größeren Volumens sehr viel höher.

Gibt es Unterschiede im Pflanzenschutz?

Nein. In den Systemen mit und ohne Erde müssen die Anbauer ihre Pflanzen vor den gleichen Schaderregern schützen. Meistens sind das Schadinsekten wie Weiße Fliege, Läuse und Spinnmilben, die im Gewächshaus vor allem mit Nützlingen wie Schlupfwespen, Gallmücken, Raubmilben und Raubwanzen bekämpft werden.

Gehört den Substratverfahren die Zukunft?

Ja, sie sind Standard für die Produktionsbetriebe. Sie haben sich in den geheizten Kulturen wie Tomaten, Gurken und Paprika längst durchgesetzt. Im Boden wirtschaften mittlerweile überwiegend nur noch die biologisch anbauenden Betriebe.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Reintges.