Präzisionslandwirtschaft – Vorteil für Landwirt und Umwelt

22.04.2010 Forschung & Technik

Stellen Sie sich ein sanft im Wind wogendes Getreidefeld vor – scheinbar ist eine Pflanze wie die andere. Doch der Schein trügt. Das weiß Landwirt Klaus Münchhoff aus Derenburg in Sachsen-Anhalt spätestens, seitdem er seinen Mähdrescher mit einer Ertragsmessung ausgestattet hat. Die Erntemengen schwanken innerhalb seiner Parzellen nämlich extrem. Mit Hilfe von Präzisionsgeräten, wie GPS, Sensoren, Computermodellen und Hightech-Maschinen will er den Ursachen auf den Grund gehen und sie beseitigen.

Wieso sind Sie ein Anhänger der Präzisionslandwirtschaft?

Bis vor einigen Jahren wusste ich zwar, dass es auf meinen Äckern extreme Bodenunterschiede gibt. Aber dass die Erträge so stark schwanken, hätte ich nicht gedacht. Mit der Ertragsmessung und -kartierung auf meinem Mähdrescher kann ich das ermitteln. Die Pflanzenerträge schwanken sogar innerhalb weniger 100 Quadratmeter stark. Ich habe gleich vermutet, dass es mit der Nährstoffversorgung zusammenhängen muss. Nach vielen hundert Bodenproben wusste ich dann mit Gewissheit, dass manche Pflanzen Hunger leiden während andere überversorgt sind. Beides ist nicht gut. Also versuche ich seitdem teilflächenspezifisch und sehr präzise zu düngen, damit jede Pflanze optimal wachsen kann.

Was bedeutet das konkret?

Die Bodenprobenergebnisse für die wichtigen Pflanzennährstoffe Phosphor und Kali gebe ich in den Bordcomputer auf meinem Traktor ein. Der sorgt dafür, dass sich der Düngerstreuer nur dort auf den Äckern öffnet, wo die Pflanzen auch Dünger benötigen. Das funktioniert mit Hilfe von GPS. Das System ermittelt die Position des Traktors auf dem Acker und vergleicht sie mit den vorher an diesen Stellen ermittelten Bodengehalten. Ein weiterer wichtiger Pflanzennährstoff ist Stickstoff. Um diesen optimal zu bemessen, habe ich einen Sensor auf dem Dach meines Traktors angebracht. Das Gerät misst die Färbung des Getreides, errechnet daraufhin dessen Stickstoffbedarf und gibt die Daten ebenfalls an den Düngerstreuer weiter. Doch Präzisionslandwirtschaft bezieht sich bei mir auch auf den Pflanzenschutz . Ebenfalls mit Sensorunterstützung bringe ich wachstumsregulierende Wirkstoffe dort in das Getreide, wo sie erforderlich sind.

Welche Auswirkungen hat die teilflächenspezifische Wirtschaftsweise?

Im Durchschnitt der Betriebsflächen habe ich in den letzten Jahren zum Beispiel sechs Kilogramm Stickstoff oder 24 Kilogramm Phosphor pro Hektar und Jahr eingespart. Das sind in der Summe viele Tausend Euro. Die Bestände sind jetzt gleichmäßiger. Dadurch kann ich sie gezielter vor Krankheiten schützen und, weil sie gleichmäßiger abreifen, auch leichter ernten. Weil jede Pflanze das bekommt, was sie braucht, gehen weniger Nährstoffe verloren, zum Beispiel durch Auswaschung ins Grundwasser – ein weiterer Pluspunkt der Präzisionslandwirtschaft.

Entscheiden Computermodelle jetzt über alle Maßnahmen? Wird die Erfahrung des Ackerbauern überflüssig?

Computermodelle und Simulationen können mit den Daten, die sie ihm liefern, den Landwirt nur unterstützen. Seine Erfahrung wird nicht überflüssig. Im Gegenteil – er muss die Computerergebnisse auswerten und umsetzen. Landwirte müssen heute und erst recht in Zukunft die Arbeitsabläufe intensiv vorbereiten, gedanklich und im Büro. Eine neue Herausforderung für mich wird in diesem Jahr die Umstellung auf Datenfernübertragung zwischen Büro und Arbeitsmaschinen sein. Das lästige Überspielen der Daten entfällt. Außerdem plane ich zusammen mit einem Software-Hersteller, die Leistung meiner Maschinen mit einem zusätzlichen Computer zu überwachen. Damit hoffe ich die Betriebsabläufe zu verbessern und die teuren Maschinen optimal auszulasten.

Präzisionslandwirtschaft kostet viel Geld, bevor sie Einsparungen ermöglicht. Lohnt sich die Investition auch für kleinere Betriebe?

Die erforderlichen Investitionen haben meinen Geldbeutel zunächst belastet. Allerdings habe ich schon nach wenigen Jahren die Kosten durch Einsparungen bei Dünger, Pflanzenschutz, Zeit und Maschinenkosten sowie Mehrerträge erwirtschaftet. Für kleinere Betriebe lohnt sich die Anschaffung, wenn mehrere zusammen in Gemeinschaftsmaschinen investieren. So hat beispielsweise der Nachbarbetrieb auf die Anschaffung eines Düngerstreuers verzichtet und lässt die Arbeiten von meinen Mitarbeitern durchführen. Im Gegenzug erledigt der Nachbarbetrieb bei mir den teilflächenspezifischen Einsatz des Wachstumsregulators.