Klimawandel und Pflanzenbau

Stetige Anpassung

Hagel, Sturm und Starkregen prägten 2017 an vielen Orten in Deutschland die Wetterausschläge. Ist dies alles menschengemachter Klimawandel oder liegt das im „normalen Schwankungsbereich?“, fragen sich viele Menschen. Sicher ist, die Landwirtschaft ist eine wetterabhängige Branche, und der Pflanzenbau muss sich ständig immer wieder neu an Veränderungen anpassen. Die Landwirte tun dies etwa durch eine veränderte Sortenwahl mit mehr Trockenstresstoleranz, später abreifende Sorten, Frostschutz- und Sommerberegnung sowie ein auf den Betrieb angepasstes Risikomanagement mit Ertragsschadenversicherungen oder Erntekontrakte.

Die landwirtschaftlichen Versicherungen hatten 2017 viele Schadensfälle durch Hagel, Sturm oder Starkregen zu regulieren. Auch kam es trotz der anhaltenden Trockenheit im Frühjahr in vielen Regionen Deutschlands zu Hochwasser. Bei Wein und Obst brachten Spätfröste enorme Schäden. So lagen etwa beim Bodensee-Obst die Ausfälle in vielen Obstplantagen bei über 50 Prozent. Sturm- und Hagelschäden trafen Raps und Mais in Norddeutschland kurz vor der Ernte – und verursachten dadurch wiederum Millionenschäden. Sie trafen auch auf Regionen, die bisher als schadenärmer gegolten haben wie Mecklenburg-Vorpommern, wo Hagel an einem Tag den erntereifen Raps vernichtete, berichtet die Vereinigte Hagelversicherung in ihrem Jahresrückblick. Dazu fiel im Norden Deutschlands so viel Regen zur Getreideernte und der darauffolgenden Stoppelbearbeitung sowie der Aussaat der Folgefrucht, dass das Sturmtief „Xavier“ große alte Bäume wie Streichhölzer umknicken ließ und den Feuerwehren viele Einsätze bescherte. In Niedersachsen fiel zur Maisernte langanhaltender Regen. Viele Maisschläge konnten nicht geerntet werden, weil die Häcksler in tiefem Schlamm versanken und teilweise sogar erst durch Raupenfahrzeuge wieder befreit werden konnten.

Kleinräumige Wetterereignisse bringen Schaden

Ist dies nun der viel zitierte Klimawandel und geht das so weiter? Der Deutsche Wetterdienst gibt ein stückweit Entwarnung: Es sind die kleinräumigen Wettereignisse, die den Landwirten das Leben schwer machen, doch insgesamt halte sich die Entwicklung in normalen Grenzen, erklärte Dr. Paul Becker vom Deutschen Wetterdienst in einem Interview mit der Vereinigten Hagelversicherung in deren Jahresbericht 2017.

Pflanzenbau hängt vom Wetter ab

Die Landwirte haben sich seit jeher mit sich verändernden Rahmenbedingungen und unterschiedlichem Wetter auseinandergesetzt, schließlich mussten sie schon immer „unter freiem Himmel produzieren“. Doch es gibt natürlich Grenzen der Anpassungsfähigkeit, etwa wenn später Starkfrost auf Obstbäume in der Vollblüte trifft und deshalb ein großer Teil der Obstblüten im Bodenseeraum trotz frostsichernder Maßnahmen erfroren ist. Wie kommt es dazu? Obstbäume blühen heute etwa zwei Wochen früher als noch vor 30 Jahren. Allerdings sind sie dadurch auch anfälliger für Spätfrost, und die pflanzenbaulichen und wirtschaftlichen Schäden können enorm sein.

Andere Fruchtfolgen, mehr Kulturen, angepasste Sorten

Durch den Klimawandel verschiebt sich das Anbauspektrum im gesamten Pflanzenbau und die Landwirte, Winzer, Gärtner oder Obstanbauer müssen sich mit ihren Sorten und Fruchtfolgen (der Aufeinanderfolge der einzelnen landwirtschaftlichen Kulturen) anpassen. Die Landwirte bauen zum Beispiel bei längerer Vegetationszeit später reifende Maissorten an. Der Maisanbau ist in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten immer weiter nach Norddeutschland vorgerückt. Beim Getreide und insbesondere beim Weizen ist Trockenstresstoleranz zunehmend ausschlaggebend bei der Sortenwahl.

Schädlinge und Krankheiten passen sich ebenfalls an

Aber auch die „Gegenspieler“ der landwirtschaftlichen Kulturpflanzen passen sich an: Heute finden wir bei uns Mücken, die es früher in unseren Breitengraden nicht gab bzw. überleben sie milde Winter. Im Ackerbau spielen Blattläuse, Thripse und Zikaden eine Rolle als wirtschaftlich bedeutende Schädlinge. Für den Pflanzenschutz bedeutet zum Beispiel die frühere und schnellere Frühjahrsentwicklung auch ein früheres Auftreten von Insekten und anderen tierischen Schaderregern oder Pilzkrankheiten. Die längere Vegetationsphase kann auch dazu führen, dass sich eine weitere Generation an Schädlingen entwickeln kann und den Befallsdruck weiter erhöht. Daher müssen die Prognosemodelle für die Landwirte laufend evaluiert und angepasst werden.

Andere Saat- und Erntezeiten

Durch den Klimawandel schwanken auch die Lufttemperatur und die Bodenwasserparameter zunehmend stärker, was die Pflanzenbauer ebenfalls vor Herausforderungen stellt. Der herbstliche Übergang von der grünen Vegetationsphase zur Vegetationsruhe im Winter verschiebt sich nach hinten. Das bedeutet für die Landwirte, dass sie sich mit ihren Aussaatterminen etwa bei Winterweizen anpassen müssen und mit der Aussaat ebenfalls nach hinten rücken. Das birgt aber wiederum die Gefahr, dass die Äcker aufgrund Nässe nicht mehr befahren werden können. Wenn in den milden Wintern eine Frostphase auf Kulturen ohne schützende Schneedecke trifft, drohen größere Frostschäden. Dadurch, dass die Kahlfröste nicht mehr so tief in den Boden eindringen, gibt es weniger Bodengare (das Auflockern des Bodens durch das natürliche Frostsprengen), was wiederum für eine lockere Ackerkrume im Frühjahr sorgt.

Klimawandel verlangsamen

Die Landwirtschaft ist also einerseits vom Klimawandel im Pflanzenbau betroffen, muss andererseits auch ihren Beitrag zur Verlangsamung desselben leisten, indem sie die Freisetzung von Treibhausgasen vermindert. Denn der größte Teil der Lachgas- und Ammoniak-Emissionen Deutschlands stammt aus der Landwirtschaft. Die wichtigsten Ammoniak-Quellen in der Landwirtschaft sind die Wirtschaftsdüngerlagerung und -ausbringung, Emissionen aus Stallanlagen sowie die Harnstoffdüngung. Da die Emissionen überwiegend bei mikrobiellen Zersetzungsprozessen im Boden entstehen, ist es entscheidend, die Effizienz ammoniumhaltiger Düngemittel zu verbessern. Durch die jüngste Novellierung der Düngeverordnung wird die Emissionsminderung vorangetrieben: Gülle muss beispielsweise möglichst schnell in den Boden eingearbeitet werden, sie wird angesäuert oder mit Nitrifikationshemmstoffen versehen, um die gasförmigen Verluste zu verringern. Zudem nutzen viele Landwirte heute schon die Möglichkeiten von „Precision Farming“, bei dem die Flächen teilflächenspezifisch und somit exakt auf den aktuellen Bedarf gedüngt werden. Mit all diesen Maßnahmen trägt die Landwirtschaft zur Minderung der Lachgas- und Ammoniak-Emissionen bei.