Weltwettertag: Wetterexperte Sven Plöger über wechselhaftes Wetter und den Klimawandel

Zum Internationalen Tag der Meteorologie am 23. März sprachen wir mit dem Meteorologen und Fernseh-Moderator

Im Februar bis zu 18 Grad Celsius, geöffnete Straßencafés im Dezember, das Grillfest im Sommer fällt ins Wasser. Den Äckern fehlen Frost und Schnee, dafür ist es im Mai so kalt, dass kein Pflänzchen wachsen mag. Spielt nur unser Wetter verrückt, oder zeigt sich so der Klimawandel? Wetterexperte Sven Plöger rät, den Blick auf´s Ganze zu richten und warnt vor Aktionismus in der Klimapolitik.

Die Versicherungswirtschaft hat angegeben, sie habe im Jahr 2013 knapp sieben Milliarden Euro für die Folgen von Sturm, Hochwasser und Hagel gezahlt. Dabei hob sie die Häufung verschiedener Wetterextreme innerhalb weniger Monate hervor. Sind das die Vorboten des Klimawandels oder sind wir schon mitten drin?

Wir sind in der Tat mitten drin im Klimawandel, wie man etwa am rasch zurückgehenden arktischen Eis sehen kann. Wichtig ist es aber, Wetter und Klima zu unterscheiden. Beim globalen Klima mitteln wir das Wettergeschehen über 30 Jahre und den ganzen Globus, beim Wetter geht es hingegen um das tägliche Geschehen in der Atmosphäre mit all seinen typischen Schwankungen. Unwetter sind kurzfristige Wetterereignisse, die oft sehr regional auftreten und dort dann große Schäden verursachen. Deshalb haben wir es mit einer großen Schwankungsbreite zu tun und werden – erfreulicherweise – auch immer mal wieder Jahre mit geringerem Schadenaufkommen erleben.

Müssen wir in Zukunft mit einer Zunahme von Wetterextremen rechnen?

Die Wahrscheinlichkeit dafür ist hoch, denn in einer wärmeren Atmosphäre steckt mehr Energie. Dennoch gilt diese Aussage nicht für alle Regionen dieser Welt gleichermaßen. Verlagern sich etwa die mittleren Zugbahnen von Sturmtiefs in eine andere Region, so wird sich die Sturmgefahr hier zwar erhöhen, in den Bereichen, wo bisher die intensivsten Stürme stattfanden, wird der Wind jedoch abnehmen. Einfache Antworten gibt es bei der Vielzahl von Zusammenhängen im Erdsystem leider nicht. „Erdsystem“ ist mir übrigens noch ein wichtiges Stichwort: Seit einigen Monaten ist oft zu hören, der Klimawandel mache eine Pause, weil sich die Atmosphäre seit rund 15 Jahren nicht mehr erwärmt habe. Das stimmt für die Atmosphäre in der Tat, auch wenn das Temperaturniveau außergewöhnlich hoch ist, aber dafür erwärmen sich die Ozeane deutlich. Sie puffern also die Temperaturentwicklung in der Atmosphäre und können ihre Wärme jederzeit wieder abgeben. Das ganze Erdsystem erwärmt sich also weiter. Wir müssen also immer das große Ganze sehen und dürfen unsere Aussagen nicht nur auf Teilaspekte beschränken.

Wie beurteilen Sie die Auswirkungen eines möglichen Temperaturanstiegs für die Landwirtschaft? Können wir in Hessen bald Zitronen ernten?

Mit einer Zitronenvorhersage für Hessen bin ich als seriöser Meteorologe vorsichtig (lacht). Eben wegen der Komplexität des Systems. Wahrscheinlich ist aber, dass im Sommer die Hitzeperioden überproportional zunehmen. Für mathematisch Interessierte: Das hängt damit zusammen, dass die Temperaturen etwa Gauß-normalverteilt sind und die Fläche unter der warmen Flanke der Kurve bei Verschiebung überproportional wächst. Auch ist es wahrscheinlich, dass Hagelgewitter zunehmen werden – für die Landwirtschaft ein großes Problem, das sogar den Vorteil einer längeren Vegetationsperiode zunichte machen kann.

Müssen sich die Landwirte auf die Einwanderung invasiver Arten wie Schädlinge, Unkräuter, Krankheitserreger einstellen?

Die Natur ist immer im Fluss und passt sich den Gegebenheiten an. So wandern Fauna und Flora mit den sich ändernden Bedingungen mit. Schon heute beobachtet man Schädlinge, die bei uns früher nicht heimisch waren und – um von erfreulicherem Getier zu sprechen – auch einige Vogelarten haben sich bereits entschlossen hier zu überwintern, was sie vor 30 Jahren noch nicht taten. Der entscheidende Unterschied zwischen der derzeitigen und den vielen früheren Klimaveränderungen liegt übrigens in der Geschwindigkeit. Die jetzigen Prozesse laufen auch durch menschengemachte Faktoren schneller ab als früher. Das kann im Einzelfall Arten auch an die Grenze ihrer Anpassungsfähigkeit führen.

In Ihrem neuen Buch "Klimafakten" schreiben Sie, dass sich abwarten lohnen kann. Lässt sich das Problem also aussitzen?

Nein, wenn wir diesen Planeten für uns alle in einem möglichst lebenswerten Zustand halten wollten, ist „aussitzen“ sicher der falsche Weg. Aber einem Abwarten können durchaus rationale Überlegungen zugrunde liegen, denn Klimaschutz bedeutet, dass wir jetzt für einen späteren Erfolg investieren müssen. Aber natürlich möchte niemand Fehlinvestitionen tätigen. Deswegen ist die Frage erlaubt, ob wir unsere klimatische Zukunft heute schon genau genug kennen – gerade auch bezüglich ihrer regionalen Ausprägung. Investitionen können in einer Region sehr erfolgreich sein, in einer anderen wegen der dort vielleicht ganz anderen Bedingungen aber völlig sinnlos. Und vielleicht schaffen wir es in einigen Jahren ja sogar, Kohlendioxid als Rohstoff zu verwenden. Kurzum: Warten bringt Wissen und hat damit einen ökonomischen Wert. Aber um an den ersten Satz anzuknüpfen: Es gibt sicher einen Schwellenwert, ab dem die Staaten ihr teilweise auch taktisches Zögern beenden müss(t)en.

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