Weltbodentag 2011: Ernüchternde Bilanz

Zunehmender Flächenverbrauch trifft Landwirtschaft, Verbraucher und Umwelt. Verbleibende Fläche intensiver nutzen

Die Internationale Bodenkundliche Union hat den 5. Dezember zum Weltbodentag erklärt. Damit soll auf die Bedeutung der begrenzten, natürlichen Ressource Boden hingewiesen werden. Doch in Deutschland werden aktuell Tag für Tag 900 000 Quadratmeter überwiegend land- oder forstwirtschaftlich genutzter Flächen in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt. Mit weitreichenden Folgen für Landwirtschaft, Verbraucher, Wasserhaushalt und für die biologische Vielfalt.

Flächenverbrauchsuhr tickt unaufhörlich

Der Landhunger in Deutschland ist riesengroß. Jede Sekunde sind es elf Quadratmeter, jeden Tag bereits 90 Hektar, also 900 000 Quadratmeter, die Baggern und Schaufeln zum Opfer fallen. Seit 1992 beträgt der Verlust über 800 000 Hektar. Das entspricht der Größe der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Zahlen, die aufhorchen lassen, ist der Boden doch eine lebenswichtige und begrenzte Ressource. Aus Ackerflächen, Grünland und Wald werden immer mehr Siedlungs- und Verkehrsflächen. Wenn das so weitergeht, ist Deutschland eines Tages komplett zugebaut. Der Deutsche Bauernverband macht deshalb mit einer Flächenverbrauchsuhr auf diese Entwicklung aufmerksam.

Dass für neu bebaute Flächen Ausgleichsflächen wie Streuobstwiesen oder Blühstreifen angelegt werden müssen, kommt der biologischen Vielfalt zugute. Der Landwirtschaft aber werden so weitere Produktionsflächen entzogen.

Weltweite Dimension

In Deutschland steht eine gleichbleibende Nahrungsmittelnachfrage bei gleichzeitig wachsendem Bedarf an Bioenergie aus nachwachsenden Rohstoffen einer schnell schrumpfenden Anbaufläche gegenüber. Was tun? Fehlende Güter aus dem Ausland einführen ist keine nachhaltige Lösung, weil unsere Nachbarländer mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben und die Weltbevölkerung unaufhaltsam weiter wächst. 80 Millionen Menschen kommen Jahr für Jahr hinzu. Nach UN-Schätzung wird bis 2050 die Neun-Milliarden-Grenze überschritten. Kein Wunder, dass Großkonzerne und Investoren aus China oder den Golfstaaten bereits riesige Ländereien in Entwicklungsländern erworben haben, um die eigene Versorgung zu sichern.  

Intensivere Nutzung ist unumgänglich

Je weniger landwirtschaftliche Produktionsfläche zur Verfügung steht, desto unabdingbarer ist die Intensivierung der Produktion. Im Bereich Pflanzenproduktion stiegen dabei dank sachgerechter Kulturführung, gezielter Pflanzenzüchtung, optimiertem Pflanzenschutz und bedarfsgerechter Düngung die Erträge in Deutschland bereits in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich an. Heute erntet ein Bauer mehr als viermal soviel Weizen pro Hektar als noch vor hundert Jahren. Diese Entwicklung ist noch lange nicht am Ende, wenn geeignete Innovationen den Weg in die Praxis finden können.  

Kann der Verbrauch verringert werden?

Den Flächenverbrauch zu stoppen wäre am allerbesten. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn trotz Weltbodentag und verschiedener Initiativen der politischen Parteien, NGOs und des Bauernverbands konnte diese Zeitbombe bislang nicht entschärft werden. Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung peilt an, den Landverbrauch bis zum Jahr 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu begrenzen. Derzeit sind es 90 Hektar pro Tag. Die Zahlen schwanken erheblich von Jahr zu Jahr. Eine wesentliche Ursache dafür ist die schwankende Baukonjunktur. Mit 131 Hektar pro Tag ermittelte das Statistische Bundesamt im Jahr 2004 einen Spitzenwert. Im Jahr 2009 lag er bei „nur“ 78 Hektar. Einen erheblichen Einfluss hat der Wohnungsbau, obwohl die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland bereits seit Jahrzehnten stagniert. Die Wohnfläche pro Kopf steigt jedoch und mit ihr der Flächenverbrauch. Betrug die durchschnittliche Pro-Kopf-Wohnfläche 1950 noch rund 16 Quadratmeter, so stieg sie bis 2007 auf knapp 42 Quadratmeter (Quelle: ifs Institut für Städtebau, Wohnungswirtschaft und Bausparwesen e.V.)Tendenz steigend.  

Flächenverbrauch betrifft Natur

Wird immer mehr Fläche zugebaut, betrifft das Verbraucher, Land- und Forstwirtschaft und den gesamten Naturhaushalt. Wertvolle Lebensräume für heimische Tier- und Pflanzenarten gehen verloren. Auch der Wasserhaushalt wird beeinflusst, denn der Boden ist dank seiner Filter-, Puffer- und Umwandlungseigenschaften ein wichtiges Abbau-, Ausgleichs- und Aufbaumedium und trägt wesentlich zum Schutz des Grundwassers bei. Er nimmt Niederschlagswasser auf und gibt es mit zeitlicher Verzögerung über den Zwischenabfluss und das Grundwasser wieder ab. Auf diese Weise verhindert der Boden, dass sich Fließgewässer im schnellen Wechsel von dünnen Rinnsalen zu reißenden Strömen verwandeln und umgekehrt. Eine Versiegelung der Fläche wirkt dem entgegen. 

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