Klimawandel: Ausnahmen bestätigen die Regel

Landwirtschaft und Gartenbau mitten im Anpassungsprozess

„Der Klimawandel trifft die deutschen Landwirte und Gärtner. Sie werden aber im Gegensatz zu ihren Kollegen in anderen Ländern nicht zu den Verlierern zählen“, sagt Dr. Frank Wechsung vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Durch die steigenden Temperaturen müssen wir mit mehr Schadinsekten rechnen. Unregelmäßigere Niederschläge machen die Beregnung von Kulturen wirtschaftlicher.

Der Klimawandel ist bereits seit vielen Jahren in der öffentlichen Diskussion. Dr. Wechsung, gibt es neue Erkenntnisse?

Grundsätzlich bestätigen sich die Trends der letzten Jahrzehnte. In jüngster Zeit kam es aber auch immer wieder zu Überraschungen. So hat die Temperatur nicht ganz so schnell wie erwartet zugenommen. Weil die Tendenz aber weiter aufwärts geht, reihen sich die besonders warmen Jahre im letzten Jahrzehnt dicht aneinander. 2015 war sogar weltweit das wärmste Jahr in der Klimageschichte, was zum Teil auch dem Wetterphänomen El Niño geschuldet ist. Im letzten Jahrhundert stieg die Durchschnittstemperatur in Deutschland um ein Grad. In den nächsten 50 Jahren werden es nach unseren Erwartungen weitere ein bis zwei Grad sein. Im Sommerhalbjahr können wir uns tendenziell auf niedrigere Niederschläge einstellen, im Winterhalbjahr auf höhere. Dazu passen einige trockene Sommer zu Beginn der 2000er Jahre, so zum Beispiel im Jahr 2003. Trotzdem hatten wir im August 2002 ein Jahrhunderthochwasser in Ostdeutschland und im Juni 2013 gleich das nächste in Ost- und Süddeutschland. Bei den Niederschlägen gibt es regional größere Schwankungen als bei der Temperatur. Trockenphasen werden ebenso wie Starkregenereignisse häufiger auftreten. Die mittleren Windgeschwindigkeiten sollen zurückgehen, die Sturmereignisse aber zunehmen. Der Klimawandel entwickelt sich also nicht linear, sondern steckt voller Überraschungen. 

Es wird immer wieder über die Rolle des Menschen beim Klimawandel spekuliert. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Das ist längst keine Spekulation mehr. Der Weltklimarat IPCC hat das in seinem jüngsten Bericht erneut sehr klar gezeigt: Wir erleben im Moment durch die vom Menschen verursachten Emissionen aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas einen so noch nie dagewesenen Klimawandel. Klar spielen dabei auch natürliche Schwankungen eine Rolle. Aber wir beeinflussen maßgeblich die Emissionen von Treibhausgasen. Jedes Jahr erhöht sich der CO2-Gehalt der Luft um rund zwei ppm (Teile von einer Million). Momentan sind wir bei 400 ppm angelangt. Wenn wir in gut 50 Jahren 550 ppm erreicht haben sollten, steigt die Temperatur gegenüber heute voraussichtlich um rund zwei Grad. Falls weltweite Klimaschutzmaßnahmen greifen, bleibt es bei „nur“ einem Grad. Neben CO2 sind andere Gase wie Methan oder Ozon beteiligt. Der Ozongehalt in der Atmosphäre nimmt durch das FCKW-Verbot zu. Der an sich gewünschte Effekt ist für das Klima also eher ungewollt. Ebenso wie das Bemühen um saubere Luft. Durch Rauchgasentschwefelung und andere Maßnahmen gelangen bei uns immer weniger Schwebteilchen in die Atmosphäre. Damit wird der sogenannte Diming-Effekt schwächer. Die Sonne strahlt intensiver, es wird wärmer. In anderen Regionen wird der Diming-Effekt allerdings stärker. Man denke nur einmal an die Smog-Wetterlagen in China und Indien. 

Und wie sieht es mit den natürlichen Ursachen aus? 

Hier sind zwei wichtige Faktoren zu nennen. Die Intensität der Sonneneinstrahlung variiert über längere Zeiträume. Ähnliches gilt auch für Meeresströmungen, die sich über Jahrzehnte verändern und das Klima regional und global schwanken lassen. Klimaforscher müssen sich viele Informationen zum früheren Klima aus anderen Größen, wie Lufteinschlüssen in Eisbohrkernen, Sedimentablagerungen oder Baumringen herleiten, weil erst vor gut 100 Jahren mit systematischen Wetterbeobachtungen begonnen wurde. Deswegen ist es nach wie vor schwierig, die Wirkungen von natürlichen Ursachen und menschlichen Einflüssen genau voneinander abzugrenzen.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf Landwirtschaft und Gartenbau in Deutschland aus? 

Grundsätzlich müssen sich deutsche Landwirte und Gärtner auf den Klimawandel einstellen. Sie werden aber im Gegensatz zu ihren Kollegen in anderen Ländern nicht zu den Verlierern zählen. Die Sommerniederschläge werden hier nämlich weniger deutlich abnehmen als beispielsweise in den Ländern rund um das Mittelmeer. Wir sind mitten in einem langsamen Prozess. Die ersten Auswirkungen sind aber schon sichtbar. So blühen Obstbäume bereits zwei bis drei Wochen früher als noch vor 30 Jahren. Das ist aber nicht weiter dramatisch, weil im Gegenzug die gefährlichen Spätfröste zeitlich gesehen ebenso nach vorne rücken. Ein anderes Beispiel ist der Maisanbau. Seine Grenze ist in den letzten Jahrzehnten immer weiter nach Norden gerutscht. Das liegt zum Teil an der Züchtung weniger wärmebedürftiger Sorten. Aber auch Sorten mit hohem Wärmebedarf wandern nach Norden. Vielleicht wird das bei der Subtropenpflanze Soja ähnlich geschehen. Allerdings muss die Kultur wirtschaftlich konkurrenzfähig sein.

Wie können sich Landwirte und Gärtner auf die Zukunft einstellen?

Sie müssen mit mehr Insekten rechnen. Steigt die Temperatur, können sich beispielsweise Blattlauspopulationen rasanter entwickeln. Verlängert sich die Zeitspanne mit ausreichend hohen Temperaturen, gibt es zudem mehr Generationen pro Jahr. In feuchten und warmen Jahren steigt das Risiko von Pilzkrankheiten. Genaue Beobachtung und gezielter Pflanzenschutz werden also noch wichtiger. Um die Ernten auch in trockenen Sommern zu sichern, ist jeweils zu prüfen, ob sich eine Beregnung lohnt. Voraussetzung dafür sind Wasserrechte – hier sollten die Landwirte aktiv werden. Mehr Wasser ist auch dann erforderlich, wenn bei längeren Vegetationszeiten auf der gleichen Fläche mehr als eine Kultur pro Jahr angebaut wird. Pflanzenanbauer werden größere Ernten mit Sorten erzielen, die höhere Temperaturansprüche haben, später abreifen und deswegen eine bessere Photosyntheseausbeute haben. Obst- und Weinbauern können ihre Flächen für ihre wärmebedürftigen Kulturen weiter ausdehnen. Für die Praktiker ist der ständige Anpassungsdruck nichts Neues. Hilfreich wäre für sie aber ein umfangreiches Versuchswesen, damit sie die Herausforderungen der Zukunft gezielt angehen können.