Jatropha – ein Multitalent wird erforscht

Mit Hilfe von Jatropha sollen in Madagaskar unfruchtbare Böden rekultiviert werden

Es klingt wie ein Traum: Dort, wo sich heute in Afrika über Hunderte von Kilometern ödes Land erstreckt, sollen schon in wenigen Jahren grüne Wälder aus Jatropha-Sträuchern und anderen genügsamen Ölpflanzen wachsen. Experten rechnen sogar damit, dass die Wüstenpflanze Jatropha bislang unfruchtbare Böden für den Anbau von Nahrungsmitteln nutzbar macht. Ob dies gelingt, untersuchen jetzt Wissenschaftler der Universität Hohenheim und Partner aus der Wirtschaft in einem Gemeinschaftsprojekt in Madagaskar.

Über die Jatropha-Pflanze mit dem wissenschaftlichen Namen Jatropha curcas wird viel geschrieben. Die Aufmerksamkeit verdankt sie ihren ölhaltigen Nüssen, aus denen hochwertiger Biokraftstoff hergestellt werden kann. Für die einen ist der aus dem tropischen Amerika stammende Strauch eine Wunderpflanze, für andere ein Teufelszeug. Beides wird ihr nicht gerecht, sagt Professor Dr. Klaus Becker von der Universität Hohenheim, der seit 20 Jahren über die Wüstenpflanze forscht. „Jatropha ist eine Mehrnutzungspflanze mit vielen Potenzialen, aber natürlich ist es Unsinn, dass sie ohne Wasser, Dünger und Pflanzenschutz hohe Ernten einbringt.“

Ödland fruchtbar machen

Den Anbau auf fruchtbaren Böden hält der Wissenschaftler für falsch, denn schließlich gäbe es genug Böden, die für die Lebensmittelproduktion nicht mehr genutzt werden können. Gerade das sei der Joker der gen ügsamen Jatropha im Vergleich zu anderen Ölpflanzen wie den Ölpalmen oder dem in Europa heimischen Raps. Die trockenresistente Pflanze kann bis zu drei Jahre ohne Regenfälle überstehen. Als Sukkulente sammelt sie Wasser im Stamm als Vorrat für lange Durstzeiten. Wo sie wächst, verbessert sie die Böden. Ihre Pfahlwurzel dringt tief in den Boden ein und bewirkt, dass Regen in ihn eindringen kann. Das ist wichtig, weil die (seltenen) Regenfälle in den Tropen zumeist kurz und heftig sind. Auf nicht bewachsenem Boden fließt das Regenwasser einfach ab. „Jatropha-Kulturen verändern das Mikroklima“, berichtet Becker, „dort wo sie wachsen, halten sie das Wasser im Boden und machen ihn für andere Pflanzen fruchtbar.“ So könnte beispielsweise Vieh unter den bis zu acht Meter hohen Büschen grasen, weil dort nahrhaftes Gras wächst. Große Pflanzungen könnten zudem das Mikroklima verändern.

Monokulturen sind nicht das Ziel

„Monokulturen bergen immer ein erhöhtes Krankheitsrisiko“, sagt der Wissenschaftler. Aus diesem Grund seien in Madagaskar Mischkulturen mit anderen Ölpflanzen, wie der ebenfalls trockenresistenten Moringa oleifera, geplant. Wenn die Böden über längere Zeit kultiviert würden, wüchsen auch anspruchsvolle Pflanzen wie Mais zwischen den Jatropha-Reihen. Wenn dies gelänge, könnte auch der Anbau von Pflanzen für die menschliche Ernährung von Jatropha profitieren.

Gift schützt vor vielerlei Übel

Jatropha kann nur deshalb auf kargen Böden gedeihen, weil ihr eigenes Gift sie vor Pflanzenfressern schützt. Das Gift machen sich die Menschen in Afrika zunutze: Sie pflanzen die Büsche um ihre Häuser und Gärten, um Ratten und Vieh fern zu halten. Auch in der Medizin spielt das Jatropha-Gift eine Rolle: zur Bekämpfung der Bilharziose, als entzündungshemmendes Mittel und zum Abführen. Neuerdings wird erforscht, ob die Phorbolester, die für die giftige Wirkung der Jatropha verantwortlich sind, sich auch als Pflanzenschutzmittel oder als Tiermedizin in den Tropen eignen.

Wertvolles Eiweiß dank Entgiftung

Neben hochwertigem Öl enthält die Jatropha-Nuss auch hochwertiges Eiweiß. „Jatropha wird sich zu einem exzellenten Proteinträger entwickeln“, prognostiziert Becker. Mittlerweile sei es gelungen, das Mehl aus den abgepressten Nüssen zu entgiften. Das so gewonnene Eiweißfutter sei hochwertiger als Sojaschrot. Eiweißfutter wird nach Meinung des Wissenschaftlers immer wichtiger, weil die wachsende Mittelschicht der Weltbevölkerung immer mehr Fleisch, Fisch, Milch und Eier essen wolle.

Mit Züchtung Jatropha verbessern

Erst vor einem Jahr begannen Pflanzenzüchter, die Jatropha gezielt auf höhere Ölerträge zu züchten – obwohl das Öl schon seit über 100 Jahren als wertvoll galt und für die Herstellung von Seife genutzt wurde. Im frühen 20. Jahrhundert setzen die Hersteller von Motoren Jatropha-Öl sogar als Kraftstoff ein. Mit der Entdeckung und Erschließung der Erdölquellen wurde das Pflanzenöl aber schnell unrentabel. Deshalb sei Jatropha bislang noch eine Wildpflanze, sagt Becker. Man könne von dieser Wildpflanze nicht dieselben Leistungen erwarten wie von Nutzpflanzen, die bereits seit Jahrzehnten gezielt auf hohe Ölleistungen gezüchtet werden (wie zum Beispiel die Ölpalmen). „In etwa fünf Jahren halte ich eine Ausbeute von bis zu 1 200 Kilogramm Öl pro Hektar auf Ödland für realistisch“ sagt der Wissenschaftler. Damit würde die Jatropha-Nuss die Durchschnittsleistung von Raps bereits übertreffen. Neben dem Ölertrag zählten jedoch auch die anderen Talente der Jatropha, ihr Potenzial zur Bodenverbesserung, das hochwertige Eiweiß, das nützliche Gift gegen Schädlinge und Krankheiten, sozioökonomische Vorteile wie zum Beispiel die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Verbesserung des Mikroklimas.