Andreas von Tiedemann: "Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen!"

Wissenschaftler fordert sachlichen Umgang mit moderner Landwirtschaft

Die moderne Landwirtschaft steht so intensiv wie nie zuvor im Fokus der Öffentlichkeit: Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung, Nitrat im Grundwasser, Pflanzenschutzmittel im Essen – das sind einige wenige Themen, die sehr kontrovers diskutiert werden. Der Göttinger Wissenschaftler Professor Andreas von Tiedemann kennt sich mit Pflanzenschutz aus. Ihn ärgert es, dass Fakten keine Chancen gegen Emotionen haben. Er plädiert für seriösen Journalismus, kritische Medienkonsumenten und eine Landwirtschaft, die ihre Arbeit besser nach außen vermittelt.

Professor von Tiedemann, wieso vertreten Sie die These, dass die moderne Landwirtschaft für ihre Errungenschaften ungerechtfertigt bestraft wird?

Moderne Techniken in der Landwirtschaft haben bei uns zu einem in der Geschichte einmaligen Grad an Versorgungssicherheit und Lebensmittelqualität geführt. Wenn ich aber die Berichterstattung in den Medien und die öffentliche Diskussion über die Auswirkungen der modernen Landwirtschaft betrachte, dann wird nahezu ausschließlich über vermeintliche Risiken gesprochen. Viele Berichte implizieren, dass Landwirte skrupellos vergiftete Lebensmittel produzieren. Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln sind da ein beliebtes Thema. Als unabhängiger Wissenschaftler bin ich immer wieder schockiert über diese Desinformation der Öffentlichkeit. In einer Gesellschaft mit einer weniger erfolgreichen Landwirtschaft und knapperen Lebensmitteln würden sich Landwirte paradoxerweise einer weitaus höheren Anerkennung erfreuen. Früher dachte ich noch, dass Fakten auf Dauer überzeugen. Heute weiß ich, dass man Fakten auch mit Emotionen verknüpfen muss, um auf dem Meinungsmarkt zu punkten. Aber das ist eine Aufgabe schon jenseits der Wissenschaft.

An welche Fakten denken Sie?

Wenn ich die Auflagen bei der Zulassung und Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und die Rückstände in den Lebensmitteln berücksichtige, ist Pflanzenschutz bei korrekter Anwendungspraxis zu einer Nullrisiko-Technologie geworden. Mittlerweile gehören 96 Prozent aller eingesetzten Wirkstoffe keiner Giftklasse mehr an. Wichtig wäre, dass wir endlich davon wegkommen, Messwerte mit Gefährdung gleichzusetzen. Werden gesetzliche Rückstandshöchstgehalte überschritten, gefährdet das nicht automatisch die Lebensmittelsicherheit. Denn die Werte haben Vorsorgecharakter und keine unmittelbare toxikologische Bedeutung. Das wird leider in keinem Bericht über Pflanzenschutzmittel erwähnt. Tatsache ist auch, dass es seit über zwanzig Jahren keinen klinisch belegten Fall einer Gesundheitsbeeinträchtigung durch fachgerecht erzeugte Lebensmittel aus moderner Produktion gegeben hat, wohl aber Todesfälle durch mikrobielle Kontaminationen wie im Fall von EHEC. Doch die Wahrnehmung ist ganz anders. Ganz oben in der Rangliste der gefühlten Ernährungsrisiken stehen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln oder Gentechnik, weit dahinter hingegen Fehl- und Unterernährung oder natürliche Gifte. Also absolut konträr zu der tatsächlichen Situation.

Wie kommt es nach Ihrer Meinung zu dieser Schieflage?

Die Verbraucher werden nicht richtig informiert. Seriöser Fachjournalismus ist Mangelware. Stattdessen wird mit den Emotionen und Ängsten der Bevölkerung gespielt. Medien und Umweltorganisationen erringen dadurch die für sie lebenswichtige Aufmerksamkeit. Im Zielkonflikt zwischen dem medialen Erfolg beziehungsweise der Existenzsicherung und den Fakten bleibt die objektive Berichterstattung auf der Strecke. Auf Dauer reagieren einseitig informierte Verbraucher zunehmend verunsichert und ziehen die falschen Schlussfolgerungen für ihr persönliches Verhalten.

Welche Folgen können sich daraus ergeben?

Im Endeffekt sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen. Das ist aber leider nur den wenigsten bewusst. Der Nutzen des Pflanzenschutzes und seine fundamentale Rolle als tragender Faktor unseres Wohlstands kommt in der Berichterstattung nicht mehr vor. Die logische Folge ist die zunehmend verbreitete Auffassung, moderner Pflanzenschutz sei überflüssig. Die Politik reagiert auf diese Haltung. Im Pflanzenschutz werden wichtige Wirkstoffe trotz hohen Nutzens und erwiesener Unbedenklichkeit vom Markt genommen. Ein anderes, noch extremeres Beispiel ist die Gentechnik, die bewusst stigmatisiert wurde. Dabei ist sie eine wichtige Zukunftstechnologie in der Toolbox der modernen Landwirtschaft. Diese noch ganz junge Technologie wurde bei uns blockiert, bevor sie ihr Potenzial entfalten konnte. Eine zukunftsfähige Gesellschaft kann sich diese Einstellung nicht leisten.

Was muss sich denn ändern?

Ob sich Medien und Umweltorganisationen ändern, wage ich zu bezweifeln. Dabei dürften gerade die Rundfunkbeitragszahler von den öffentlich-rechtlichen Sendern eine ausgewogene Berichterstattung erwarten. Stattdessen appelliere ich an die Verbraucher. Sie sollten die Gesetzmäßigkeiten im Mediengeschäft kennen und müssen sich kritischer mit der angebotenen Information auseinandersetzen. Die Medienlandschaft ist diverser, als viele denken, und es gibt auch sehr sachgerecht arbeitende Journalisten. Die Bereitschaft, sich aktiv und ausgewogen zu informieren, würde uns schon weiterbringen. Ein ganz wichtiger Faktor ist aber die Landwirtschaft selbst. Sie darf sich nicht auf die Erzeugung guter Lebensmittel beschränken, sondern muss ihre Leistungen besser kommunizieren. Dafür sollten praktische Landwirtschaft, Verbände und Unternehmen stärker an einem Strang ziehen. Zeitgemäß informieren, also authentisch, faktenbasiert und auch emotional, um die Verbraucher wirklich zu erreichen – das wäre eine Chance für mehr Aufklärung.